Franken im Novemberlicht

6.11.12. Dienstag. 7.37 Uhr. Der Münchner Stadtbus füllt sich schnell mit unruhigen Schülern, Angestellten und Hausfrauen auf dem Weg zum Geldausgeben. In den Straßen staut sich der Berufsverkehr, und es steigert sich das dringende Bedürfnis, das lärmende Gewimmel zu verlassen und ganz andere Bilder zu sehen.

8.16 Uhr rauscht der ICE nach Nürnberg ab.  Bei einer Tasse Kaffee kann man die Tageszeitungen studieren und die Aufgeregtheiten im Rest der Welt wahrnehmen, statt auf der überfüllten Autobahn alle Konzentration auf den Verkehr zu verschwenden.

Nach zwanzig Minuten  Aufenthalt in der alten Kaiserstadt geht es weiter mit dem Franken-Sachsen-Express  mitten durch ländliche Traumlandschaften. Eine tief hängende, dunkelgraue Wolkendecke reißt manchmal auf und gibt den darüber liegenden blauen Himmel frei.

In auf und ab wogenden Wellenlandschaften ziehen kleine Städte vorbei. Weite, abgeerntete Felder und dunkle Wälder, in denen noch Reste des rotgelben Herbstlaubes an den Bäumen hängen. Der Wechsel aus dem Großstadtgewühl in die Stille der Urnatur ist wie ein musikalisches Vorspiel auf die bevorstehenden Zauberbilder.

Bayreuth. Düstere Regenwolken hängen über der Stadt. Wotans Windbraut. Mit dem Taxifahrer unterhalte ich mich über die Geldverschwendung im Wahnfried-Garten. Er ist völlig überrascht und schimpft auf fränkisch darüber, wie viel Geld dabei verdampft und versickert statt es in die Sanierung von Schulen oder historischen Altstadtgebäuden zu stecken.

Und dann folgt ein Schreckensbild für Besucher. Das gesamte Wohnhaus Richard Wagners und sein stiller Garten sind  abweisend mit einem hohen Metallgitterzaun abgesperrt. Schilder verbieten sogar das Betreten des Geländes, obwohl noch gar keine gefährliche Baugrube vorhanden ist. Anscheinend soll auch eine nähere Untersuchung des Tatorts verhindert werden.

Lediglich das Grab selbst ist noch frei. Aber dafür  muss man um die ganze Baustelle herumgehen, vorbei am Jean-Paul-Museum und am Liszt-Museum, die nur wenige Besucher haben, aber freie Räume, um die Museumsverwaltung aufzunehmen. Bei einem Umzug wäre ein teurer Neubau überflüssig, weil die Freigabe der historischen Räume im Siegfried-Bau genug Platz schafft für zusätzliche Ausstellungsflächen, die tatkräftig und kostensparend zu realisieren sind.

Weitere Informationen dazu gibt es hier:

„Der Garten trauert“

https://btpersp.wordpress.com/category/02-der-garten-trauert/

Im benachbarten Hofgarten heulen lautstark die Motoren von Laubsaugern, und melancholisch welkt das Herbstlaub vor sich hin. In einer schmalen Passage gibt es einen Laden, der Pralinen mit Wagnermotiven anbietet. Das passt immer als Geschenk für Leute, die hier nicht wohnen.

Ein Lokalhistoriker schreibt, dass der Sternplatz unter den Einheimischen auch “Maulaffenplatz” heißt, weil dort fünf Altstadtgassen zusammentreffen und man von diesem Standort die flanierenden Passanten belauern kann. Ein paar Meter weiter stehen Holzbuden des Martini-Markts, im rustikalen Almhütten-Stil. Dort brutzeln  Bratwürste, und auch hier kann man den Leuten neugierig hinterher schauen. Ein beliebter Zeitvertreib gegen ländliche Langeweile.

Ein zentraler Beobachtungsposten ist das Wirtshaus “Oskar”. Im Wintergarten mit dem schrägen Glasdach steht ein großer künstlicher Laubbaum mit grünen Blättern, der das ganze Jahr heitere Sommerstimmung verbreitet. 12.20 Uhr ist der Hauptraum voll. An den blank gescheuerten Holztischen werden deftige fränkische Speisen serviert. Abends klirren die Gläser der Stammtische, an denen gelacht und gekungelt wird, wo man sich aber von Ortsfremden ungern in die Karten schauen lässt. Auch die zahlreichen örtlichen Vereine und die überschaubare Besucherzahl außerhalb der Sommersaison  schützen gegen frischen Wind von außen. So kommen Stadtratsbeschlüsse zustande, die fast einstimmig ausfallen und noch nachfolgende Generationen belasten, wie die laufenden Folgekosten des unterirdischen Millionengrab-Neubaumuseums im Wahnfried-Garten.

Auch sonst ist  nicht viel zu spüren von einem Willen, alte Häuser zu sanieren und teure Bausünden der letzten Jahrzehnte zu beseitigen. Rund um das frühere Künstlerlokal „Eule“ stehen Häuser leer. In vielen Winkeln schaut man auf hässliche Wunden der Stadtarchitektur und eine Fülle von kleinen Läden und Kneipen, die nur teilweise ausgelastet sind. Weniger wäre mehr. Sparsamkeit könnte auch die leere Stadtkasse wieder füllen. Außerhalb der fünfwöchigen Festspielzeit gibt es hier keinen Grund für ganzjährigen Rummel und Massentourismus.

Die insgesamt überdimensionierte Ladenfläche von zwei Buchhandlungen am Markt sucht schnelle Umsätze durch Garten-, Reise-, Kochbücher und preiswerte Bestseller, die in dieser Überfülle niemand braucht. Die erwünschten Leser schmökern und informieren sich ersatzweise im Internet.

Ein angenehmer Ort ist das Bistro Rossi, dessen  dunkle Holzvertäfelung aus Florenz stammt. Doch Vieles andere kennt man schon und muss es nicht immer wieder anschauen.

Nach einem Rundgang reicht es. Mit dem Zug geht es 38 Kilometer weiter nach Norden. In der früh einsetzenden Dunkelheit verschwimmt die Landschaft immer mehr.

In Münchberg  gibt es nur noch einzelne hell beleuchtete Flecken. Das Eiscafé an der Pulschnitz schließt bald, Ende November, und öffnet wieder im Februar.

Gegenüber einer Ansammlung von Supermärkten ist ein Bistro, das bis zwei Uhr früh geöffnet hat. Eine Insel der Geselligkeit. Ein Teil des geräumigen Gastraums ist belegt von einer zwanzigköpfigen Firmenfeier. Gedämpftes Stimmengemurmel. Einige andere Müßiggänger nippen plaudernd an Biergläsern und tippen auf ihren Mobiltelefonen herum.

Im angeregten Gespräch ziehen Bilder der  letzten zwei Jahrzehnte vorbei, mit unvergesslichen Urlaubstagen in den umliegenden  Traumlandschaften, deren verwunschene Romantik tief in der Erinnerung verankert ist.

Die Stärke dieser Gegend liegt in der unaufgeregten Stille, die innere Ruhe und Gelassenheit zu bieten hat, statt des nervenden Gedränges in den oberbayerischen Fremdenverkehrsorten.

Bunte Reiseprospekte, die mit vermeintlicher Abwechslung werben, lenken ab von der Stärke der Landschaftsbilder. Projekte mit hässlichen Neubauklötzen oder kostspielige Planungen zur Zersiedelung der Gegend nehmen keine Rücksicht auf langsam gewachsene größere Einheiten und großflächige Landschafts-Ensembles. Ein zusammengewürfelter Flickenteppich ist nicht besonders einladend, weil er sich nicht behutsam und zurückhaltend in die Landschaft einfügt.  Selbst die Errichtung von Freizeitparks oder örtlichen Industrieflächen muss nicht zur Verschandelung der Umgebung führen, wenn ein natürlicher Sichtschutz durch hohe Baumpflanzungen oder Parkanlagen den Gesamteindruck nicht beschädigt und die Planung Rücksicht nimmt auf größere Zusammenhänge.

Die weiten Landschaften hier, die in vielen verwunschenen Winkeln noch auf die Entdeckung warten, liegen eigentlich ganz bequem  in der Mitte der langen Autobahnstrecke von München nach Berlin, und sie sind bei einer Fahrtunterbrechung leicht zugänglich.

Tatsächlich ist heute Abend ein erhöhtes Besucheraufkommen zu bemerken, und ein Hotelier erzählt, dass der Andrang schubweise entsteht und nicht voraussehbar ist.

Das ließe sich ändern durch eine verbesserte, aber unaufdringliche Selbstdarstellung und durch Verzicht auf marktschreierischen Trommelwirbel. Angesichts der weltweiten Finanzkrise gibt es immer mehr Bedarf für einen bezahlbaren Urlaub, wie er ringsum in vielen Orten  möglich ist. Es muss sich nur noch mehr herumsprechen, dass hier nicht allein das Luxuspublikum der Wagnerfestspiele herumläuft, das Ende Juli auftaucht und wie die herbstlichen Vogelschwärme wieder spurlos verschwindet.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich über die Zukunft Oberfrankens schreibe. Am 20.1.11 erschien in diesem Blog ein Artikel über das „Arme Oberfranken“. Einschneidende Veränderungen sind danach nicht geschehen, aber es wurde ein neuer „Beirat“ gegründet.  Hierzu folgte am 28.2.12 ein Kommentar:

https://btpersp.wordpress.com/2012/02/27/gedankenklau/

7.11.12. Mittwoch. Der Zug braust weiter nach Norden. Draußen ist eine melancholische, regenverhangene Novemberstimmung. Die unberührten Landschaften sind für sturmerprobte Wanderer und für Ausflüge mit  Naturnähe genau das Richtige, für bequeme Massentouristen eher nicht.

Nach einer halben Stunde taucht die Stadt Hof auf, laut ironischer Eigenwerbung “ganz oben in Bayern”. Die Stadt mit der hohen Arbeitslosenzahl ist umzingelt von Außenbezirken mit weitläufigen Eigenheimsiedlungen und Industriebauten.

Nur bruchstückhafte Erinnerungen gibt es an frühere Aufenthalte hier. Das Eintauchen in Bilder, die man schon längere Zeit nicht gesehen hat, regt die Phantasie und Ideen an.

Die Stadtmitte an der Marienkirche erfreut durch kunstvoll verzierte Außenfassaden alter Bürgerhäuser, die allerdings auf Sanierung, Renovierung und einen  neuen Anstrich hoffen. Am Busbahnhof steht ein früheres großes Einkaufszentrum leer, und viele lauschige Winkel warten darauf, dass jemand sie mit Ideen und Liebe zu neuem Leben erweckt.

Regionale Herrschergestalten thronen auf ihren Erbhöfen und bremsen Veränderungen. Die Phantasie der Behörden hält sich in Grenzen. Altgediente Honoratioren blockieren Plätze, auf denen ein frischer Wind nötig ist.

Im Sommer ist die Umgebung ein Landschaftsparadies, und in der dunklen Jahreszeit kommen diejenigen, die ihre Erinnerungen auffrischen oder sich an den  Winterbildern erfreuen wollen.

Die Zeit in Franken war wieder anregend und angenehm. Erst im Rückblick verdichten sich die starken Eindrücke zu Gesetzmäßigkeiten und formalen Strukturen, wie bei der genauen Betrachtung eines Bilds. Dabei werden veränderungsreife Systeme erkennbar, auch schleichende Fehlentwicklungen. Prognosen und Zukunftswünsche lassen sich frühzeitig überprüfen, durch ein breites Panorama von Erfahrungswerten, die sich auswerten lassen mit den Methoden der Statistik und der Hochrechnung.

Das ländliche Oberfranken war jahrzehntelang ein abgelegenes Zonenrandgebiet an der abgeriegelten DDR-Grenze. Auch zwanzig Jahre nach Öffnung der Berliner Mauer hat sich nicht viel daran geändert, dass es oft nur eine Durchgangstation ist für Reisende, die nichts mitbekommen vom Zauber alter Burgen, behaglicher Wirtshäuser in Fachwerkdörfern, den Geheimnissen dunkler Wälder und glitzernder Flüsse im Mondschein. Hinter goldenen Wimpern ruht ein Traum, der längst erwachen will. Die vielen ausgedehnten Berg- und Tal-Panoramen warten auf ein Publikum, das aus der anschwellenden Hektik des Alltags fliehen, aber nicht ständig lautstark unterhalten werden will.

Eine Schatztruhe, ein Wunderbaum, der in falschen Händen nicht aufblühen will. Weiter im Westen gibt es mittelalterliche Orte wie Rothenburg oder Sesslach, die nach Jahrhunderten immer noch fast unverändert erhalten sind. Sie werden sorgsam bewahrt und verzaubern die Besucher mit märchenhaften Bildern.

Abends in der Gaststube eines Münchberger Hotels herrscht eine familiäre Atmosphäre. Die Mutter kocht regionale Spezialitäten. Die Tochter serviert und erzählt vom Lauf der Dinge. Eine Nachbarschaftsrunde lacht über Anekdoten im markanten fränkischen Dialekt. Mehrmals tauchen Übernachtungsgäste auf und verweilen an den anderen Tischen.

8.11.12. Donnerstag. 7.58 Uhr. Der Franken-Sachsen-Express verlangsamt vor Harsdorf zwei Mal das Tempo und bleibt sogar zwischendurch stehen, leider nicht zum ersten Mal. Auch hier hin gehört neuer Schwung.

Beim kurzen Halt in Bayreuth gibt es keinen Drang, auszusteigen.

Nürnberg. Heute nur ein Zwischenaufenthalt. Gleich nach der Ankunft  ist ein markanter Marketing-Fehler zu besichtigen. Genau gegenüber vom Eingang des Hauptbahnhofs ist die fensterlose alte Stadtmauer. Dort sieht man ein großes Schild, “Handwerkerhof”. Das klingt nüchtern, nach Autowerkstatt oder Schuhmacherladen. Das Reisepublikum wäre jedoch hellwach, wenn man stattdessen den Begriff “Mittelalter-Markt” verwendet hätte.

Denn hinter dem schmalen Tordurchgang verbirgt sich ein altfränkischer Marktplatz.  Fachwerkhäuser, kleine Läden und zwei Wirtshäuser mit lokalen Köstlichkeiten. Der Andrang der vielen Bahnreisenden, die einen gemütlichen Pausen-Aufenthalt suchen, ließe sich schlagartig und mit wenig Aufwand steigern, wenn man die Hinweisschilder Richtung Hauptbahnhof verlockender gestaltet.

Aber auch das ist nur ein Beispiel dafür, was man öfter in Franken vermisst: Eine behutsame, die Gegend nicht beschädigende Hinwendung zur Sichtweise des Gastes. Eine Zurückhaltung bei Eingriffen in die Natur, statt schwerer Fehler wie im Wahnfried-Projekt. Wer nur wenig Zeit hat, aber angenehme Bilder sieht, kommt auch wieder, vielleicht sogar öfter und mit einem längeren Aufenthalt. Die dafür notwendige Sensibilität und Gestaltungskraft ist allerdings nicht überall vorhanden.

Hier ist ein Video von diesen Tagen:

http://youtu.be/nK-0ZFd-bYM

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