Die Warteliste

9.9.2012. Wenn die Karten-Nachfrage höher als das Angebot ist, muss es in einer staatlichen, steuerfinanzierten Stiftung auch klare Regeln für die Warteliste geben, die offengelegt und von jedem überprüft werden können. Das fehlt bisher.

Dazu kommt:  Die laufenden Inszenierungen sind wenig attraktiv. Auch der angekündigte Castorf-Ring 2013, Katharina Wagners Tristan 2015 und Jonathan Meeses Parsifal 2016 sind für einen Teil des Publikums nicht verlockend.

Ein schwerer Systemfehler ist es,  wenn jemand, der nur ein Jahr lang nichts bestellt, dann wieder am Ende der Warteliste landet.

So fördert man die angepassten Opportunisten. Richtig wäre es, auch nach Pausen die vorherigen Jahre anzurechnen, bis zur letzten Bestellung .

Riskant ist es, den Bestellzettel mit einer Absage zurückzuschicken, zum Beispiel: „Kann nächstes Jahr nicht  teilnehmen.“

Niemand garantiert, dass es anschließend keine Rückstufung gibt. Die Bestellscheinen enthielten bisher eine verschlüsselte Form der Warteliste, die jetzt sogar ganz verschwunden ist.

Wenn die Folgenlosigkeit von Stornierungen nicht schriftlich zugesichert wird, gibt es auch keine Garantie.
Mangelnde Transparenz verschleiert nachprüfbare Klarheit auch in dieser Frage. Um Fehler zu erkennen, müssen konkrete Informationen über die individuelle Position auf der Warteliste bekanntgegeben werden.

Die Warteliste muss nach drei objektiven Kriterien funktionieren:
Wartezeit, Preisklasse, ausgewählte Vorstellung.
Und sonst gar nichts. Beziehungen dürfen dabei keine Rolle spielen, und jeder Anschein von Prüfungslücken oder möglichen Mauscheleien muss verhindert werden.

Konkrete Informationen hierzu können die Festspiele gleich auf den Bestellschein drucken, so dass jeder weiß, wie hoch die Erfolgs-Chancen sind.
Aktualisierte Details zur Warteliste kann man außerdem auf der Homepage der Festspiele veröffentlichen, so dass neben jeder Vorstellung erkennbar ist, ob sie eine hohe Nachfrage hat oder unbeliebt ist.
Wenn die Karten-Software entsprechend programmiert wird, ist das nur ein einmaliger Arbeitsaufwand und kann anschließend vollautomatisch gesteuert werden.

Die Wartezeit verkürzen kann man auch über eine Neuregelung der Generalproben. Es gibt keinen Grund dafür, dass Orchestermusiker, Chorsänger oder sonstige Mitarbeiter kostenlose Generalproben-Karten erhalten, die sie auch an andere Personen weitergeben können. Pro Vorstellung sind das immerhin fast 2.000 Karten.
Wer einen Mitarbeiterausweis hat, kann selbst wochenlang die Entwicklung der Proben aus unmittelbarer Nähe beobachten.
Die Generalprobe jedoch, die meistens schon auf Premieren-Niveau stattfindet, kann für Studenten und ärmere Musikfreunde geöffnet werden, deren Auswahl aufgrund nachprüfbarer Kriterien stattfindet, die ihre Karten nicht weitergeben dürfen und einen überschaubaren Unkostenbeitrag zahlen. Auch so kann man die Einnahmen verbessern.

Kein Ersatz für Transparenz, aber vorläufig wirksam ist noch eine andere Methode:
Die Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Wer gar keine Karten braucht, aber nicht an das Ende der Warteliste rutschen will, verlegt sich auf chancenlose Möglichkeiten:
1.
Premierenkarten bestellen. Daran sind so viele interessiert, dass man wahrscheinlich nichts bekommt.
2.
Hohe Nachfrage einschätzen. Bei Neu-Inszenierungen, zum Beispiel beim neuen Castorf-Ring, sind Onkel Emil und Lieschen Müller schon ganz heiß darauf, selbst dabei zu sein. Also gehen die meisten Besteller leer aus.
3.
Bestellungen mit Sonderwünschen ergänzen: „Bitte nur die erste Vorstellung, in der Klaus Florian Vogt tatsächlich singt.“
Solche Karten bekommt man nicht, weil dort bereits die vielen Fans sitzen.

Eine Kombination aller drei Tipps sorgt dafür, dass man die verbleibenden drei Katharina-Jahre locker übersteht.
Und ansonsten hilft eBay.
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Die Kartennachfrage hat seit einigen Jahren nachgelassen. Außerdem sind mehr Karten im freien Verkauf (früher:  40 Prozent,  jetzt: 65 Prozent).

Also müsste auch die Wartezeit sich massiv verkürzt haben, von zehn Jahre auf höchstens fünf Jahre.

Hier hat die Öffentlichkeit, die den Betrieb mit Millionen Steuergeldern subventioniert, einen Anspruch auf Informationen. Wann ist es so weit?

Das Datum dieses Artikels gibt auch Auskunft über die Reaktionszeit der Beteiligten. Weitere Informationen:

https://btpersp.wordpress.com/2012/08/26/riskante-freikarten-sonderkontingente-und-unklare/

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