Biergärten im Frühlingslicht

6.5.2012. Auch wenn es im Schatten manchmal noch kühl und frisch ist – sobald die Frühlingssonne etwas stärker scheint, leeren sich die Wirtshäuser. Das Volk füllt die Münchner Biergärten mit den alten Kastanienbäumen, einmalig nicht nur durch ihre weitläufige Größe, sondern auch durch die Tradition, dass jeder seine Brotzeit von daheim mitbringen kann und der Wirt nur an den Getränken verdient.

1.5.12. Gleich am Wiener Platz liegt der Hofbräukeller. Der Biergarten draußen ist mittags gut besetzt. Aber in der angrenzenden altbayerischen Gaststube ist es kühler, und drinnen ist nur ein Tisch besetzt. Die richtige Atmosphäre zum ungestörten Lesen.

Beim Verlassen des Grundstücks läuft in der Menschenmenge ein kulturhistorisches Ärgernis vorbei: Peter Jonas, der als Chef der Bayerischen Staatsoper von 1993 bis 2006 das Publikum mit den schrillen Experimenten des nervenden  Regietheaters quälte. An einem kleinen Tisch sitzt er mit drei anderen Leuten zusammen, wirkt in der wimmelnden Freizeit-Menge unscheinbar, zu Recht. Seine schädliche Macht hat er schon vor sechs Jahren verloren. Aber der Ungeist der willkürlichen Behandlung musikalischer Meisterwerke lebt in vielen Musiktheatern  weiter.

Am nächsten Tag. Die „Harlachinger Einkehr“ liegt hoch über dem Tierpark Hellabrunn. In der beginnenden Abenddämmerung glimmen  kleine Kerzenlichter auf den Tischen.

Heute streifen wir unterschiedliche Themen. Ein Rückblick auf die letzten zwanzig Jahre in München und die Oberflächlichkeit des Bekanntenkreises, den man als Neuling kennenlernt. Flüchtige Zufallsbegegnungen, die wieder verschwanden.

Dagegen stehen Eindrücke wie die letzten Bücher von Ernst Jünger, in denen er Alltagsbeobachtungen, Miniaturen, kraftvoll  erweitert zu mächtigen philosophischen Gebilden.

In  einer Zeitung wurde der Korintherbrief zitiert. Ich lese den Text vor. Das bringt immer mehr Nachdenklichkeit  in das Gespräch, und vertieft sich  auf einer gemeinsamen gedanklichen Ebene.

2. Korintherbrief, Kap.4 : „Darum werden wir nicht müde. Denn während unser äußerer Mensch altert, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.  Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen starke Herrlichkeit, wenn wir nicht auf das Sichtbare schauen , sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich. Was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“

22.10 Uhr heim mit dem Bus. Drinnen sitzen gutaussehende Nachtschwärmer, die in der Münchner Innenstadt noch etwas Heftiges erleben wollen. Vielleicht finden sie nur eine Illusion.

Doch das war einmal alltägliche Realität – vor zwanzig Jahren. Die glitzernden Nachtlokale, mit zahllosen flüchtigen Gesichtern. Am Anfang gehört das dazu.

Heute ist es eine vergangene Welt, zu einer anderen Zeit. Eine Erinnerung.

4.5.12. Nicht weit vom Tierpark Hellabrunn träumt das alte Wirtshaus „Siebenbrunn“, hinter dem sieben kleine Quellen am steilen Hang entspringen. Gleißendes Sonnenlicht fällt in den Biergarten, noch nicht gedämpft vom schweren Laub der frisch knospenden Bäume. Im Schatten ist es kühl. Die Tische füllen sich rasch mit Spaziergängern, die ohne Hast den Tag ausklingen lassen. Neuerdings gibt es hier eine Speisekarte mit fränkischen Spezialitäten.

Mein Tischnachbar aus „Nordbayerisch Sibirien“  ist mal wieder zunächst wortkarg. Eine  Maß dunkles Bier löst  die Zunge und taut auf. Das Gespräch schweift hin und her. Alltagsbanalitäten blitzen auf. Aber im Mittelpunkt stehen philosophische Themen, geknüpft an  historische Stichwörter: Kleopatra. Plutarch. Cäsar. Der Stein von Rosette, mit dessen dreisprachiger Inschrift es zum ersten Mal gelang, die archaische Bildersprache der ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern.

In großen Wellen fließen die Gedanken hin und her. Frühere Lebenserfahrungen vermischen sich mit dem Wissen, das im Lauf der Jahre sich vertiefte. Ein Wechselspiel von Erinnerungen, die sich gegenseitig anregen, verstärken, wie ein anschwellender Orchesterklang, in dem Klangmotive sich wiederholen, variieren und erweitern. Emotionen begleiten die Gedanken in Wellenbewegungen, wie aufglühende und verlöschende Galaxien. Signale dringen tief ins Unterbewusstsein und rühren dort an andere, halb vergessene Ereignisse.

Am dunklen westlichen Himmel strahlt jetzt der gleißende Abendstern.

21.30 Uhr wechseln wir ins Innere der Gaststube. Die Nordbayern sind überall, ausgewandert aus den Traumlandschaften der kargen, kalten Heimat. Auch der Wirt im rotkarierten Hemd ist ein Franke. Seine Frau  erzählt, dass sie erst seit Februar das Lokal übernommen haben. Rundum  sind die gemütlichen Räume mit hellem Holz vertäfelt. Drinnen bestellt mein Gesprächspartner einen Weißwein und  hört gar nicht mehr auf zu reden.

Am dunklen westlichen Himmel strahlt immer noch der helle Abendstern, mit magischer Kraft.

Der leuchtende Abendstern, den Wolfram von Eschenbach in Richard Wagners Tannhäuser romantisch besingt, ist gleichzeitig der Planet Venus.

Beide Welten, die innige geistige  Liebe und die hitzige körperliche Leidenschaft, werden vom Komponisten in seinem Frühwerk als völlig konträr und feindselig dargestellt. Später wusste er es besser. Eros und Meditation sind  ineinander verschlungen. Körperlose, abstrakte Gedanken und der Rausch. Erfahrungen in wechselnden Welten.

Doch in der Realität gelingt all das auch in der Wagnerstadt Bayreuth nicht mehr, noch nicht einmal die Gestaltung des doppelgesichtigen Tannhäuser. Hierzu ein Bericht vom letzten Sommer:

„Tannhäuser 2011 – Der Absturz“

https://btpersp.wordpress.com/2011/08/10/tannhauser-2011/

Hofbräukeller in Haidhausen – Opernexperte Peter Jonas.

Auf dem dritten Bild sieht man die Harlachinger Einkehr und auf dem letzten den leuchtenden Abenstern über den Baumwipfeln in Siebenbrunn.

Thalkirchen, Siebenbrunn

Thalkirchen, Siebenbrunn

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