Mitläufer im Höhenrausch

Das Fortdauern der Krise am Grünen Hügel wird erleichtert durch  Mitläufer. Sie sind Teil aller großen Organisationen oder von außen mit den Abläufen  verbunden. Dabei gibt es mehrere Gruppen.

Wie gut ein Beteiligter die Hintergründe kennt, dürfte völlig unterschiedlich sein. Manche sind einfach ahnungslos und passen sich an. Andere fühlen sich nicht stark genug zum Widerspruch und sind abhängig von den Vorteilen des Mitmachens. Eine dritte Gruppe applaudiert, obwohl sie es besser weiß oder verbirgt ihre Zweifel, um nicht in Ungnade zu fallen. Die Situation wird nicht analysiert, um Stärken und Schwächen einzuschätzen, sondern nur aus der Perspektive des eigenen Vorteils.

Weiter oben, auf einigen Posten, die Entscheidungen beeinflussen, gibt es sicherlich einen größeren Durchblick, Kritikfähigkeit und Einsicht. Aber oft auch die Gruppendisziplin und den Gemeinschaftsdruck. Das Mitschwimmen im breiten, trägen Strom des Mittelmaßes ist die bequemste Methode der Fortbewegung, mit dem geringsten Kraftaufwand.

In vielen Lebensbereichen sind Mitläufer der Kitt für splitternde Fensterscheiben, der Beton in abrissreifen Fassaden, die Klebemasse für untergangsreife Diktaturen.  Ein Schutzwall gegen neue Regeln und überfällige Reformen, um die Fortdauer der alten Herrschaft zu zementieren. Blockflöten im Gleichklang flankieren Sackgassen. Wetterfahnen drehen sich geschmeidig mit der Windrichtung. Sie sind Schönredner und Schmeichler, vermeiden Kritik und blocken Veränderungen ab. Gewaltige Bremskräfte belasten wie Stahlgewichte die Fortentwicklung und Erneuerung. Mitläufer sind wie Zement in den Adern eines lebendigen Organismus, sorgen für Unbeweglichkeit und Friedhofsruhe. Sie sind Merkmale kranker Strukturen, täuschen und intrigieren, um bevorzugt zu werden.

Ab wann die Annahme von Vorteilen für die Trittbrettfahrer zum ernsthaften Problem wird, ist ein zusätzlicher Grenzbereich, der aber den Rahmen dieses Kommentars sprengt. Freikarten können auch dazu gehören.

https://btpersp.wordpress.com/2012/08/26/riskante-freikarten-sonderkontingente-und-unklare/

Bei den Festspielen  in Nordbayern wird es dank der hierarchischen Pyramidenform nach oben hin immer enger. Wer  dabei sein will in den unteren Etagen, hat in der strukturschwachen Region keine große Auswahl und muss sich anpassen. Doch  gute Freunde mit Beziehungen finden manchmal auch  attraktivere Plätze. Nicht schaden kann dabei, von Fall zu Fall,  Anpassung und Unterordnung, die bewährten Konservierungsmittel zur Stabilisierung autoritärer oder fehlerhafter  Systeme. Einige Seilschaften und Netzwerke, die sich hinter den Kulissen genau auskennen, haben Vorteile davon und deshalb kein Interesse an den überfälligen Reformen, damit sie ihre  Annehmlichkeiten und Pöstchen nicht verlieren. Eine genaue Aufschlüsselung der vom Bundesrechnungshof beanstandeten 2.650 Freikarten wird bis heute nicht bekanntgegeben, obwohl Steuergelder drin stecken. Doch Gesetze verbieten den Gewinn persönlicher Vorteile  auf Kosten der Allgemeinheit

Während der überlangen Beteiligung Wolfgang Wagners an der Festspielleitung und vor allem während seiner jahrzehntelangen Alleinherrschaft ab 1966 kam es zu schwerwiegenden Fehlentwicklungen, die erst jetzt langsam bekannt werden. Er bekam sogar noch 1987 einen unkündbaren Vertrag „auf Lebenszeit“, mit dem   später die umstrittene Nachfolge seiner Tochter Katharina  förmlich erzwungen wurde.

Klärungs- und Reformbedarf ist am Grünen Hügel überreichlich vorhanden.

Warum ändert sich trotzdem so wenig?
Weil es nicht nur Leidtragende, sondern auch fröhliche Nutznießer des Trauerfalls Bayreuth gibt.

Der viel zu geringe Anteil der Karten für den freien Verkauf an die Allgemeinheit wurde erst kürzlich erhöht, auf magere 65 Prozent, nachdem der Rechnungshof die mangelnde „Förderungswürdigkeit“ des vorherigen Systems massiv kritisierte.

Die Mehrheit des Publikums stand drauße vor der Tür, mit überlangen Wartezeiten, weil nur ein kleiner Bruchteil der Karten in den freien Verkauf kam.

Manche Nutznießer  sind mitlerweile schweigsam. Denn wenn eine neue Festspielleitung antritt, werden die alten Beziehungen nichts mehr gelten.
Und dann sind viele Fragen zu beantworten, die heute schon gestellt werden.

Eigentlich ist die Beobachtung und Bekämpfung  solcher Schieflagen  die Aufgabe der übergeordneten, staatlichen  Kontrollinstanzen: Verwaltungsrat und Stiftungsrat, mit den Vertretern der Bayerischen und der Berliner Staatsregierung, die sich als gefeierte  Gäste auf dem roten Premierenteppich für unersetzlich halten.

Aufsichtslücken und fehlendes Controlling. Mangelnde Transparenz.  Die Folgen sind tiefgreifend, zum Beispiel die Belastung des Spielplans durch die einseitige Auswahl exzentrischer Regisseure, ohne Rücksicht auf das zahlende Publikum, außerdem andere organisatorische Mängel.

Wenn alle grundlosen Geheiminformationen freigegeben werden – das muss geschehen, wann auch immer – dann kann die Verwendung der Steuergelder und sonstigen Subventionen überprüft werden, zum Beispiel die Kosten der einzelnen Inszenierungen.

Bis dahin steht da ein zerbrechliches Kartenhaus.

Hier gibt es weitere Informationen:

https://btpersp.wordpress.com/2012/09/09/die-warteliste/

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