Götterdämmerung 14.8.1955 – Mödl, Keilberth

8.4.2012. Es war einmal… Diese  frühe Bayreuther Stereo-Aufnahme aus dem Jahr 1955 ist Teil der damaligen zweiten Aufführungs-Serie, deren Aufzeichnung  bisher noch nicht so bekannt ist. Hier singt nicht Astrid Varnay die Brünnhilde, sondern Martha Mödl.

Überraschend auch: Hier gestaltet der berühmte Wotan Hans Hotter die blasse Nebenrolle des Gunther. Die damals schon herausragende Astrid Varnay begnügt sich mit der kleinen Partie der Dritten Norn, mit unverkennbar machtvoller Sprachgestaltung.

Schmerzlich vermisst man die Inszenierung Wieland Wagners, die niemals  verfilmt wurde. Doch erhalten sind die eindringlichen Fotos des damaligen Hausfotografen Siegfried Lauterwasser, die Augenblicke des Zaubers bewahren. Und erhalten ist auch das hohe musikalische Niveau in den Nachkriegsjahren.

Die Stimme Martha Mödls in der Hauptrolle  setzt hochdramatische Energien frei, aber ihr dunkler Mezzosopran stößt bei den hohen Spitzentönen an schrille  Grenzen. Unvergleichlich ist ihre expressionistische Wortgestaltung  der Partie.

Wolfgang Windgassen als  Siegfried beginnt zwar zunächst matt, singt sich dann aber frei zu triumphaler Kraft. Während der gesamten Ära von Wieland Wagner ( 1951 bis 1966 ) war Windgassen der staunenswerte, kaum ermüdende Solist in den anstrengendsten Wagnerpartien. Seine Textgestaltung, seine musikalische Wucht sind bis heute unerreicht.

Josef Greindl  als Hagen war in diesen Jahren fast immer dabei. Seine klare, trockene, auch eisige Diktion ernüchtert ein wenig, aber die vehemente Gestaltung gleicht das aus. „Hier sitz ich zur Wacht“ steigert er in eine unheimliche, dämonische Wildheit, begleitet von düster grollenden, flackernden Orchesterklängen.

Hans Hotters unverkennbares, undeutliches Nuscheln wird übertönt von seiner dramatischen Kraft, aber der Komponist hat die Rolle des mutlosen, schwächlichen  Gunther nur mit sehr blassen, grauen Farben gemalt.

Gustav Neidlinger faucht und spuckt jähzornig als Alberich. Der Beginn des zweiten Aktes, das lauernde Zwiegespräch mit seinem Sohn Hagen, ist einer der düsteren Höhepunkte des Werks.

Als Gutrune glänzt ausdrucksvoll, mit melancholisch  dunkler Stimme,  Gré Brouwenstijn, damals  auf dem Festspielhügel erfolgreich auch als Elisabeth und Elsa.

Das Orchester unter Joseph Keilberth spielt zügig, gefühlsgeladen und wunderbar klar. Die damals noch neue Stereotechnik fächert die einzelnen Instrumente detailliert auf. Ein differenzierter, durchsichtiger Klang, in dem die individuelle Farbe  deutlich zu hören ist. Traumverlorene Stimmungen wechseln ab mit dramatischer Wucht.  Innige Naturlaute wecken romantische Assoziationen. Zarte Emotionen steigern sich zu monumentalen Kraftausbrüchen. Nebenstimmen werden spannungsgeladen ausgefeilt. Das strömt dahin wie ein breiter Fluss, voller Geheimnisse, lichterglitzernd, stürmisch, sanft im Sonnenlicht sich spiegelnd und voll innerer Kraft. Dramatische Kontraste in voller Spannbreite, vielfältiger als die extremen Fieber-Ekstasen des Tristan, die altersmilde Heiterkeit der Meistersinger und die sphärenhafte Meditation im Parsifal.

Ein monumentales Panorama archaischer Frühzeiten breitet sich aus. Das gewaltige Orchester entfaltet große Emotionen und verstärkt die Tiefenwirkung der geheimnisvollen Wortgebilde, die Assoziationen wecken an den Naturzauber prähistorischer Kulturen. Der Gesang des Universums, schallende, tönende Welten jenseits unserer Vorstellungskraft, verborgen in den Schatzkammern der Phantasie, ein kosmisches Reich, das hier plötzlich erwacht und lebendig wird.

Atemlos lauscht man der spannenden Gestaltung, die stundenlang keine Schwächen erkennen lässt.

Ein Traum aus der Vergangenheit, eine staunenswerte hohe Qualität, wie sie im Bayreuth der letzten Jahre schon lange abhanden gekommen ist.

Eine Besprechung der kompletten ersten Ring-Serie 1955, ebenfalls eine Stereo-Aufnahme, folgt hier:

https://btpersp.wordpress.com/2011/04/27/ring-des-nibelungen-1957-keilberth-stereo/

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