Wagner-Ausstellung im Münchner Stadtmuseum

12.4.2012. Vor neun  Jahren gab es im Münchner Stadtmuseum eine große Wagnerausstellung, die zwar auch Anregungen  für andere Häuser geben kann.

Nicht jedoch für die Gestaltung des Bayreuther Wahnfried-Museums. Das bisherige Konzept für Ausstellungen ausgerechnet  in der Nähe des Wagnergrabs ist völlig unangemessen und fehl am Platz.

Dort muss Rücksicht genommen werden auf das vorhandene historische Grundstück, und es darf nicht rücksichtslos  drauflos gebaut und das landschaftliche Gesamtbild zerstört werden.

Damals  war das Ereignis befristet auf drei Monate. Länger war diese Spitzenleistung gar nicht möglich, denn gezeigt wurden fast nur kostbare Leihgaben anderer Museen, die ihre Schätze natürlich schnell wieder zurückhaben wollen:

„WAGNERS WELTEN“

im Münchner Stadtmuseum, 17.10.03 bis 25.01.04

Bericht vom 17. Oktober 2003: Ein erster Rundgang durch die Münchner Wagnerausstellung kann nur der Sichtung dienen. Für eine gründliche Betrachtung braucht man Stunden, und es lohnt sich, immer wieder hinzugehen. Das Haus hat sich sehr viel Mühe gegeben.  Auch bei den  Besuchern war eine spontane Begeisterung zu erkennen.

Schon jetzt kann man sagen – eine derart üppige, sorgfältige, alle Aspekte umreißende Wagner-Schau gab es schon lange nicht mehr zu sehen.

Drei Monate lang kann man sich jetzt erfreuen, an dieser verschwenderischen, Augen und Ohren überflutenden Ausstellung, die auch Wagners Schattenseiten nicht leugnet. Man sieht (unter anderem) einen Ausschnitt aus Leni Riefenstahls berüchtigtem Parteitagsfilm, ein trügerisch idyllisches Nürnberg, überflutet von Hakenkreuzfahnen, dazu läuft die Original-Filmmusik, das Vorspiel zum dritten Meistersinger-Akt.

Den zehn großen Musikdramen  sind eigene Räume mit separatem Eingang gewidmet. Mit dazu passenden Bühnenbildern, Kostümen und Requisiten aus allen Epochen. Aus Lautsprechern schallen  die Klänge aus jedem einzelnen Werk, in angenehmer Zimmerlautstärke.

In einem eigens eingerichteten kleinen Kino wird nonstop Wotans Abschied aus der Chereau-Inszenierung gezeigt. Auf einer Videowand im Tannhäuser-Raum sieht man David Aldens scheußliche, abstoßende Inszenierung des Werks, während ringsum – als wirkungsvoller Kontrast – herrliche Bühnenbilder aus allen Epochen zu bestaunen sind, von unterschiedlichen Künstlern, die sich für das vielschichtige Werk begeisterten.

Auch das geplante, aber niemals realisierte Münchner Wagnertheater hoch  über der Isar, neben dem Friedensengel wird gezeigt, als detaillierte Computersimulation. Straßenverkehr braust durch das Bild, während man das (real überhaupt nicht existierende) Gebäude von allen Seiten betrachten kann.

Keine Beschreibung kann diesem Ereignis gerecht werden. Auch der illustrierte Katalog gibt nur einen trockenen, langweiligen  Abglanz von der Überfülle an großartigen Eindrücken. Erst  wenn man selbst durch die Räume geht und in die verschwenderischen Bilder und Klänge eintaucht, erlebt man die ganze Vielseitigkeit, Licht und Schatten dieses Giganten, der vor 120 Jahren starb, aber überhaupt nichts verloren hat von seiner Kraft.

18. Oktober 2003: Eindrücke nach dem zweiten Besuch der Ausstellung „Wagners Welten“:

Man hat auf zweitausend Quadratmetern alles getan, um das vielfältige Phänomen Wagner zu vermitteln, mit zahllosen Facetten, Farben und Details. Der dunkle politische Aspekt wird gezeigt, in einer eigenen Abteilung, aber auch gleich nebenan.

Denn in den benachbarten Räumen gibt es, schon seit einem halben Jahr, eine sehr umfangreiche, ungeschminkte Dauerausstellung, zur Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus in München. Und direkt vor dem Museumseingang wird am 9. November feierlich der Grundstein gelegt für das neue jüdische Gemeindezentrum, mitten in der Altstadt. Hier wird nichts geleugnet. Man muß nur ein wenig die Augen aufmachen.

Aber das Thema „Wagners Welten“ hat eigene kritische, nachdenkliche Schwerpunkte. Aus Lautsprechern hört man unterwegs die sonore Stimme Thomas Manns. Auch schriftliche Zitate verdeutlichen seine heftige Ambivalenz für und gegen Wagner, seine schneidende Kritik und seine leidenschaftliche Zuneigung.

Doch im Mittelpunkt steht die Musik und ihre Umsetzung in Bilder. Das grenzenlose, farbenprächtige Zauberreich des Komponisten. Durchflutet von seinen Klängen, erlebt man hier vor allem ein Fest für das Auge. Ein unendlich weiter und tiefer Blick auf alles, was anderen dazu einfiel, auf die grenzenlose Kraft der menschlichen Phantasie. Klänge und Bilder. Assoziationen. Erinnerungen. Träume. Ozeanische Empfindungen. Die starke Anregung der Gedanken und Phantasie, ausgelöst durch einen Schatz an Originaldokumenten, aus den letzten 190 Jahren  seit seinem Geburtsjahr 1813  Kostüme, Requisiten, Partituren. Spezialinstrumente, von Wagner selbst entworfen,  sind in Vitrinen ausgestellt: Eine „Holztrompete“ für die Hirtenmelodie im Tristan, und Tuben für die archaischen Klänge im „Ring“.

Im kleinen Kino sah man heute wieder den Schluß des ersten Aktes „Walküre“, abwechselnd in der Bayreuther Chéreau-Inszenierung und in der traditionellen New Yorker Version von Otto Schenk.

Zahlreiche, akustisch voneiander abgeschirmte Räume sind den einzelnen Werken gewidmet. Zu den Klängen von „Sentas Ballade“ entdeckt man beispielsweise einen Klavierauszug des Fliegenden Holländers mit eigenhändigen Regiebemerkungen Wagners („Kettengerassel“), und dem Hinweis der Ausstellungsleiter  auf „Wagners Engagement bei der ihm vorschwebenden szenischen Realisierung seiner Musikdramen“.

Von den geschmacklosen Verirrungen und Verfälschungen des willkürlichen Regie-Theaters ist in dieser Ausstellung so gut wie gar nichts zu sehen. Dieser Verzicht  ist eine angemessene Zukunfts-Perspektive für die leeren Luftblasen der ausgerasteten Theatermacher – eine törichte Mode-Erscheinung, die auch noch im Orkus des Vergessens verschwindet.

In der ersten Etage sieht man Bilder aus den Schreckenstagen des untergegangenen Dritten Reichs. Auf Monitoren mit Kopfhörern erlebt man Ausschnitte aus Riefenstahls „Triumph des Willens“ und eklige Hetztiraden aus dem filmischen Machwerk „Der ewige Jude“. Auf Photos sieht man Hitler in Bayreuth, in trauter Harmonie mit Winifred, Wieland und Wolfgang Wagner. Hitler mit Goebbels in der prunkvollen Königsloge des Münchner Nationaltheaters.

„Wagners Welten“ haben unendlich mehr zu bieten. Den ganzen Klangzauber, die reichen Bilderwelten. Metaphern, Symbole, deren Chiffren auch die Schlüssel sind für tiefere Schichten, hinter den äußeren Zeichen. Das kann man hier erleben. In den einzelnen Räumen, akustisch voneinander getrennt, taucht man ein, in Klänge und großformatige Bilder, in die Welten der Monumentalwerke vom spukhaften Holländer bis zum weltenfernen Parsifal. Es ist bewegend, wieviel eigenständige, originelle Phantasie die Ausstatter der Opernhäuser in der Vergangenheit entfalteten, noch bis in die Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Eigene Abteilungen gibt es für Nietzsche, Ludwig II. und „Wagners Frauen“. Es wird alles geboten, der grelle Kitsch und die geschmackvollen Phantasien, das große Pathos, die dämonische Magie und die meditative Stille.

Bei Wagner findet man die Extreme: Das Großartige und die Niedertracht, Glanz und Schwindel, in allen Facetten und Nuancen. Ein Zauberer im Reich der Klänge, ein Magier im Reich der Bilder, Visionen, Illusionen.

Man spürt die Geheimnisse hinter den Bildern. Die kosmischen Panoramen des Nibelungenrings, der Blick in die unendlichen Gipfel und Abgründe der Liebe im Tristan, die irdische Heiterkeit der Meistersinger und die weltenfernen Klänge des Parsifal. Man spürt die Mystik, die Grenze zur Transzendenz, zur Überschreitung des menschlichen Wahrnehmungsvermögens. So weist auch das Gesamtwerk hinaus über den Tag, über die Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, mit seinen begeisternden Bildern vom sichtbaren Teil unseres Blauen Planeten, den Gipfeln der Berge, den Schatten der Täler, dem Innenleben der Lebewesen.

Nach dem Verlassen dieser einzigartigen Ausstellung ist man wie in einem Rausch. Wagners Kunst als klingender Spiegel der Natur, der Bilder und Gedanken des Menschen. So wie beim Anblick dieses herrlichen Herbsstags, mit dem tiefen Azurblau am Himmel und den Goldtönen der Wälder.

23.1.2004: Hier ein letzter Bericht vom Besuch der Münchner Ausstellung „Wagners Welten“, die am Sonntag endet.  Die Wagnerschau war gestern nachmittag so gut besucht, dass die Garderobiere für die neu ankommenden Mäntel keine Haken mehr frei hatte. Gesamteindruck: Wagnerianer sind rein äußerlich von anderen friedlichen Stadtbewohnern nicht zu unterscheiden, aber hinter den Gesichtern brodeln natürlich die heftigsten Emotionen.

Und dann erschien mittendrin Jürgen Kolbe. Autor eines üppigen Bildbandes über Thomas Mann und vor allem: Er ist der Kopf, der treibende Motor hinter dieser phantastischen Ausstellung. Drei Jahre lang hat er auf der ganzen Welt sechshundert Exponate zusammengekratzt, die hier auf zweitausend Quadratmetern ausgestellt wurden.

An Kolbes Seite tauchte  der bekannte Kabarettist Gerhart Polt auf, der aber keine Witze machte und sich ganz brav, mit ernster Miene, durch die Ausstellung führen ließ.

Doch jetzt zu den Eindrücken von gestern: Mit modernster Technik hat man hier gearbeitet, mit Dias und Videos, Worten und Klängen. Auf permanenten Endlos-Schleifen hört man restaurierte historische Musikaufnahmen.

Gleich hinter dem Eingang folgt ein Raum mit gedämpftem Licht. Dort verstärken sich, wie aus dem Nichts langsam anschwellend, die magischen Töne zum Rheingold-Vorspiel. Dann ertönt die klare, kritische Stimme von Thomas Mann, über seine Gedanken zum Wagnerwerk.

Zur Fülle der Eindrücke gehört auch ein Fernseher, mit verschiedenen Spielfilmausschnitten, die von Wagnermusik begleitet werden, z.B. Coppolas Vietnam-Film „Apocalypse Now“ oder Chaplins Hitler-Parodie „Der große Diktator“. Und andere Spielfilmszenen mit Klängen aus den Musikdramen.

Nicht weit entfernt sieht man auf einem Monitor eine Wagnerbüste, die zu den Klängen des Feuerzaubers (Walküre) verbrennt.

Im Holländerraum entsteht eine spukhafte Atmosphäre mit naturgetreuen Schauergemälde, eine düstere Hafenszene und Dalands Spinnstube. Anja Silja singt dazu Sentas Ballade.

Tannhäuser: Hier hört man Tucholskys schräge Jazz-Version des Lieds an den Abendstern. Fremdartig. Dann laufen Ausschnitte aus Münchens Alden-Tannhäuser. Furchtbar. Aber sonst ist von dem ganzen trügerischen Verfremdungs-Spuk der Jonas-Ära überhaupt nichts zu sehen. Eine regelrechte Anti-Ausstellung zur aktuellen Wagnermisshandlung am Nationaltheater.

Der Tristan-Raum ist ganz schlicht, nur mit einzelnen Musikinstrumenten dekoriert. Zu einem japanischen Stummfilm hört man Orchestermusik aus dem ersten Tristan-Akt.

Der Raum „Wagners Frauen“ hat eine purpurrote Wandtapete. Man sieht Bildnisse, Büsten und Kleidungsstücke von Cosima. Minna. Mathilde. Judith Gautier. Carrie Pringle.

Im Themen-Raum „Lohengrin“ erklingt das berühmte Vorspiel. Man sieht dazu in verschiedenen Vitrinen allerlei Materialien zum Thema Schwäne.

Meistersinger. Hier schallt der Festwiesen-Chor „Ehrt eure deutschen Meister“. Dazu wechseln auf einer großen Leinwand berühmte Gemälde aus verschiedenen Epochen der deutschen Kunst, vom klassischen Albrecht Dürer zum Romantiker C.D. Friedrich, bis hin zum verträumten, abstrakten Paul Klee.

Am Eingang zu allen Themen-Räumen sieht man vergrößerte Farb-Dias der alten  Liebig-Suppenbilder mit ihren liebevollen, farbenfreudigen Wagner-Idyllen.

Zum Schluss breitet sich der Ring des Nibelungen aus. Der Besucher geht  durch eine Galerie von Gemälden des 19. Jahrhunderts und illuminierten  Bühnenbildmodellen aus mehreren Epochen. Im kleinen Kino lief diesmal der Auftritt der Walküren, abwechselnd in der Bayreuther Chéreau-Inszenierung und in der späteren von Harry Kupfer.

Am Ausgang folgte noch ein Hinweis, dass die Münchner Musikhochschule seit 1968 an der Herausgabe sämtlicher Schriften Wagners in einem Werkverzeichnis („W W V“) arbeitet und jetzt, nach immerhin 35 Jahren, erst bei Band 48 angekommen ist. 21 weitere folgen noch. Anscheinend ist man mit großer Sorgfalt bei der Sache.

Das war jetzt ein letzter Blick auf dieses große Ereignis, diese Wagnerschau, von der auch die Photos im Internet nur einen matten Abglanz geben, wie das Hintergrundleuchten einer fernen Galaxie von den wirklichen Sternen und Planeten.

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