Tannhäuser 2011 – Der Absturz

7.8.2011. Sonntag. Der vorherige  Tannhäuser wurde in Bayreuth bis 2007 gezeigt und war dominiert von kräftigen bunten Farben, die manche als Kitsch empfanden. Aber es gab bei Philippe Arlaud  auch keine grotesken Regie-Einfälle, die von der  Konzentration auf das Werk ablenkten. Man sah die Traumwelt eines fernen Planeten Die Handlung  begann und endete in einer giftgrünen Naturlandschaft. Psychedelische Farben, die an Rauschzustände erinnerten wie in den „künstlichen Paradiesen“ von Charles Baudelaire. Surrealistische Signale aus dem Unterbewusstsein, ohne pseudo-intellektuelle Gehirnkrämpfe der Theatermacher.

Über Bayreuth hängen heute  Vormittag schwere dunkle Regenwolken, wie ein Symbol der gesamten Situation. Seit Jahren werfen immer mehr misslungene szenische Gestaltungen düstere Schatten, so wie der groteske Ratten-Lohengrin im letzten Jahr.

Am Familiengrab der Wagners auf dem Stadtfriedhof  ist jetzt auch der Name des vorherigen Festspielleiters zu lesen. Nach seinem Tod im März 2010 gab es über ein halbes Jahr lang ein Rätselraten über den Verbleib der Urne. Heute hängt am Grabstein ein großer Kranz der Stadt Bayreuth, der so unglücklich platziert ist, dass von den Namen Gudrun und Wolfgang nur die Anfangsbuchstaben zu sehen sind. Eine Provinzposse.

Im Café Funsch ein kurzes Verweilen und die Erinnerung an ein Gespräch vor sechs Monaten, in dem es um grundsätzliche Perspektiven der Stadt ging. Nicht weit ist das alte Künstlerlokal „Eule“, seit Jahren geschlossen und immer noch von einem hohen Baugerüst umgeben. In den schmalen Gassen ringsum stehen alte Häuser leer oder vergammeln. Vergleicht man diese Bilder  mit anderen historischen Städten wie dem weitgehend intakten Rothenburg, ist erkennbar, dass hier in alte Bausubstanz nicht so viel investiert wird wie in umstrittene Neubauprojekte.

13.00 Uhr. Die Markgrafenbuchhandlung hat in der Festspielzeit auch sonntags geöffnet. Dort gibt es  zur Parsifal-Inszenierung von Stefan Herheim ein neues Buch: „Weißt du, was du sahst?“ Mit wissenschaftlicher Genauigkeit beschäftigt Antonia Goldhammer  sich mit allen Aspekten dieser bemerkenswerten Aufführung.  Im Online-Quellenverzeichnis werde ich vier Mal zitiert, mit Kommentaren zu Herheims Deutung.

Sonntagmittags geöffnet ist auch die „Winkellosalm“, die zum Café Florian gehört. Dort kann man in rustikaler Umgebung deftige fränkische Gerichte genießen und die Nerven mit einem anregenden Frankenwein beruhigen, angesichts der umstrittenen, heute bevorstehenden Aufführung, die bereits in den Premierenberichten weitgehend verrissen wurde.

Beim Fortgehen lasse ich meinen Fotoapparat liegen  und bekomme ihn eine Stunde später problemlos zurück. Danke an den Kellner ! Er sagt grinsend, „Das brauchen wir hier nicht.“ Über den Finderlohn freut er sich trotzdem.

14.30 Uhr. Zeit, sich auf  den Weg zu machen. Unter der Hoteldusche ein seltsames Gefühl fehlender Vorfreude. Lange ist es her, dass man  mit einer Aufführung zufrieden war.  Seit Jahren dominiert am Grünen Hügel das willkürliche Regietheater, das die Werke zertrümmert und zerstört.  Warum schaut man sich eine solche Inszenierung an, die gleich nach der Premiere von allen Beobachtern  als schrecklich bezeichnet wurde?  Der griechische Stoiker Epiktet schrieb: „Wenn du zum Strand gehst, musst du mit dem Lärm der Leute rechnen. Wenn dich der Lärm stört, geh nicht hin.“

15.00 Uhr. Ein Bus bringt die Hotelgäste zum Festspielhaus.  Noch nie habe ich in den Pausen am Grünen Hügel so viel fotografiert, wohl  in einer Art Abschiedsstimmung, denn mit einer Besserung des Spielplans in den nächsten Jahren ist nicht zu rechnen. Auch heute sind  viele Gesichter dabei, die man  jedes Jahr sieht. Vor allem die Berliner und Münchner Operncliquen sind  immer zahlreich vertreten.

Unverändert  ist die Neigung mancher Besucher, durch eine ausgefallene, aufgedonnerte Garderobe Aufmerksamkeit zu erregen und vor den Kameras zu posieren. Die Auswahl der Fotos am Ende dieses Artikels kann jederzeit ergänzt werden.

Und die Inszenierung? Regisseur Sebastian Baumgarten macht aus dem Tannhäuser eine quietschbunte, alberne  Show, deren Bilder mit dem Libretto überhaupt nichts mehr zu tun haben. Die Bühne wird beherrscht von einer modernen, knallbunten  Biogas-Anlage. Drumherum wuseln groteske Gestalten, schon bei den ersten feierlichen Takten der Ouvertüre. Die Figuren werden immer wieder ins Lächerliche gezogen, vor allem Tannhäuser, der zu Beginn in einer Unterhose auftritt. Ein großes Aufgebot an Statisten spielt auch in den Pausen weiter, obwohl das Publikum einfach nach draußen geht und sich nicht darum kümmert. Weitere Details zu erörtern ist überflüssig, weil es nichts Sehenswertes gibt.  Die Bilder und die Klänge hatten überhaupt nichts miteinander zu tun.

Musikalisch ist die Aufführung viel  angenehmer. Lars Cleveman in der Titelrolle ist in einer guten Abendverfassung. Die helle, metallische  Stimme wird tadellos geführt. Auch Stephanie Friede (Venus) singt makellos, allerdings ziemlich gleichförmig. Camilla Nylund (Elisabeth): Leuchtende Spitzentöne und eine gelegentliche Schärfe in der Stimme. Hervorragend, mit schallendem Sang dröhnt Günther Groissböck (Landgraf), und am besten ist Michael Nagy als energischer, aber auch romantisch schwelgender Wolfram.

Thomas Hengelbrock gelingt  es, das Orchester sehr schlank und klar klingen zu lassen, sehr emotional, aber mit etwas zu wenig Romantik und Raffinesse. Die Chöre sind  Klasse, wie immer.

Am nächsten Tag lacht wieder die Sonne über der Stadt. Als Erstes folgt ein Besuch im Wahnfried-Garten, der glücklicherweise noch genauso unbeschädigt und von Bauarbeiten verschont ist wie bisher.

Schon an der Eingangsallee  begrüßt mich ein unbekanntes älteres Ehepaar. An Wagners Grab schimpfen sie heftig, „Die Nachfahren machen so einen Mist aus den Werken!“
Dann sagt der schlohweiße Herr, „Sie waren doch gestern auch in der Vorstellung.“ „Woher wissen Sie das?“ „Wir haben Sie gesehen.“ Den beiden hat die Aufführung gestern Abend auch überhaupt  nicht gefallen. Er sagt, „Typisch für die Deutschen sind die Mitläufer, die alles bejubeln.“ „Nicht nur das. Viele sitzen da mit Freikarten und bedanken sich dafür mit Applaus.“ So schimpfen wir zu Dritt einstimmig und entspannend über den schrecklichen Tannhäuser-Murks von gestern, so laut, dass es Meister Richard vielleicht sogar gehört hat. Dann müssen  sie zurück nach München. „Vielleicht sehen wir uns mal in der Münchner Staatsoper.“ Er nickt, „Dann sprechen wir Sie wieder an.“ Und seine Frau: „Wir sitzen immer ganz oben!“

Auf dem weiteren Rundgang durch die Stadt verstärkt sich das Gefühl einer kühlen Entzauberung. Richard Wagners Träume bedeuten in der Gegenwart, beim jetzigen Spielplan, nicht mehr viel. Und deshalb fährt man nachmittags ab, halbwegs erleichtert und befreit von der Provinzposse. Am Himmel ist ein klares, gleißendes Licht, ohne Nebel und Dunst. Bis zum fernen Horizont sieht man Details und Kontraste ganz genau. Die Wälder. Die Hügel. Die Dörfer. Und die weißen Federwolken. Auch das Licht der Erkenntnis blitzt manchmal unvermutet auf und zeigt Zusammenhänge, die erst nach langer Zeit sichtbar werden, in Oberfranken,  einem fremden Land, das viele Jahr vertraut erschien und jetzt immer ferner wird.

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Die Photos können durch Anklicken vergrößert werden:

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Das Familiengrab der Wagners auf dem Stadtfriedhof. Der Kranz verdeckt die Namen der zuletzt verstorbenen Gudrun und Wolfgang Wagner.

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Café Funsch

   Winkellosalm

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Am Grünen Hügel: Das „Selbstbedienungs-Restaurant“, eine Art DDR-Arbeiterkantine

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Unten wird am Tisch bedient.

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Direkt hinter dem großen blauen Schiebetor ist die Hauptbühne. Dort sollen eigentlich Träume wahr werden. Zur Zeit sind es eher Alpträume.


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Der Königsbau.

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Die Auffahrtallee am Festspielhaus.

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Am Hohenzollernring. Der Dirigent Giuseppe Sinopoli.

Richard Wagners Grab.

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Wahnfried: Die historisch wertvollen Räume im Siegfried-Bau sind als  Ausstellungsflächen geeignet, werden aber immer noch von der Museumsverwaltung blockiert, die längst in ein anderes Gebäude, auf einem anderen Grundstück  umziehen könnte.

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Auf der Weiterfahrt

Als Ergänzung ein paar Gedanken, die noch vor der Premiere notiert wurden:

https://btpersp.wordpress.com/2011/07/25/tannhauser-traum-und-wirklichkeit/

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