Tannhäuser – Traum und Wirklichkeit

25.7.2011. Vormittags. Vor der heutigen Premiere, aber nach Bekanntwerden einiger Interviews, Szenenfotos und Filmausschnitte hier ein paar Anmerkungen zum Werk. Man wird sehen, wie stark Regisseur Baumgarten sich von diesen Gedankengängen  entfernt.

Die Neuinszenierung 2011 des Tannhäusers ist wieder eine Gelegenheit, die persönlichen Möglichkeiten der Theatermacher zu vergleichen mit der Überfülle an Anregungen, die der Komponist anbietet. Die optische Darstellung darf  kein willkürliches Eigenleben führen, darf nicht der eitlen Selbstdarstellung der Regie dienen.

Findet eine Inszenierung keine Assoziationen, keine passenden Bilder zu Wagners Text, wird es langweilig. Die Aufarbeitung eigener psychischer Fixierungen des Regisseurs interessiert den Rest der Welt nicht. Das erotische Reich der Frau Venus kann junge und zeitgenössische Regisseure auch leicht zur plakativen Verwendung pornographischer Motive anreizen. Das allerdings setzt auf oberflächliche Wirkungen, hinter deren Provokationen nur die kleinkarierte Freude am Skandal aufschimmert, an große Schlagzeilen in der Presse und an der ohnmächtigen Verärgerung des Publikums, das unter einer festlichen Premiere etwas ganz anderes versteht. Platte voyeuristische Effekte lenken  nur ab vom inneren Drama, das sich mit einer Fülle ganz anderer Themen beschäftigt. Die Erotik in der großen Kunst zielt auf die gedankliche Verarbeitung, die Sublimierung äußerer Reize und ihre Umwandlung  in philosophische und metaphysische Elemente, den Übergang von körperlichen und materiellen Motiven in eine geistige Dimension.   

Bayreuth zeigt in diesem Jahr  nur ein Einheitsbühnenbild: Große bunte Tonnen einer hässlichen Biogas-Recyclings-Anlage, die mit dem Werk überhaupt nichts zu tun hat, die aber das Publikum stundenlang lang anschauen soll. Ignoriert werden andere Kategorien: Die emotionale Wärme und Hoffnung des Pilgerchors. Der Kontrast zwischen den künstlichen Paradiesen der Venus und der romantischen Nähe zur Natur.  

Tannhäuser: „Doch ich aus diesen ros’gen Düften verlange nach des Waldes Lüften,
nach unsres Himmels klarem Blau, nach unsrem frischen Grün der Au, nach unsrer Vöglein liebem Sange, nach unsrer Glocken trautem Klange.“   

Der junge Hirte: „Da träumt‘ ich manchen holden Traum,
und als mein Aug‘ erschlossen kaum, da strahlte warm die Sonnen,
der Mai, der Mai war kommen.“ 

Hier folgen  jetzt ein paar Hinweise. Sie beschreiben keine komplette Inszenierung, sondern Anregungen, deren Realisierbarkeit wieder ein eigenes Thema ist.  Alle szenischen Anmerkungen haben die Gemeinsamkeit, dass sie aus aus dem Text und der Musik entwickelt sind.  

Leider gibt es nur kurze Filmausschnitte und eine Reihe eindrucksvoller Farbfotos von Wieland Wagners Tannhäuser-Inszenierung, die am Grünen Hügel von 1961 bis 1967 auf dem Spielplan stand.  Starke Symbolbilder, kräftige Farben und die Reduzierung der Ausstattung auf abstrakte Elemente hinterlassen beim Betrachter heute immer noch  einen starken Eindruck. Geplant war damals eine vollständige Verfilmung, aber als Wieland im Oktober 1966 starb, hat sein Bruder Wolfgang den Plan nicht weiter verfolgt.

Das Bacchanale, das Ballett im ersten Akt,  hat Wagner bekanntlich für die Pariser Uraufführung komponiert. Die künstlerische Atmosphäre der damaligen Zeit ist bekannt.  Jacques Offenbach (1819 -1880) war ein Zeitgenosse Wagners. Seine Tanzmusik hat zwar einen anderen Rhythmus als die Venusbergmusik, aber das Problem ist für einen professionellen Choreographen leicht lösbar. Optische Anregungen findet man auch beim Maler Henri Toulouse-Lautrec (1864 – 1901), dessen Lieblingsthema die Pariser Bordelle waren.

Stilistische Elemente dieser beiden französischen Künstler findet man im Meisterwerk des Filmregisseurs Jean Renoir,  „French Can Can“ (1954). Solch eine phantasievolle Bildgestaltung kann auch Motive für die Gestaltung des Tannhäuser-Bacchanales liefern. Hier ist eine Kostprobe aus dem Film-Finale, mit großem Ballett und akrobatischen Einlagen. Nach sechzig Sekunden beginnt ein temperamentvoller Massen-Tanz, bei dem auch das Publikum mit einbezogen wird. Die Herren im schwarzen Frack mit Zylinder sind übrigens Sponsoren, die Mitwirkenden des Bayreuther Taff-Vereins:

http://www.youtube.com/watch?v=TEuV6fN4hWw

Das Kopfkino eines Traums setzt sich aus vielen, rasch wechselnden Bildern zusammen. In Wagners Tannhäuser-Libretto sind das bedeutungsgeladene Figuren aus der antiken griechischen Sagenwelt. Genannt werden zum Beispiel: Najaden, Grazien, Amoretten, Bacchantinnen, Jünglinge, Satyre, Faune

Doch nichts spricht dagegen, hier eine universale Mythologie zu verwenden. Denn die Venusberg-Musik legt sich nicht fest. Die schrägen, schlangenartigen chromatischen Klangbögen deuten hin auf Rausch und Ekstase. Das ist ein weites Feld. Die kühl flimmernden Töne erinnern auch an die Sirenen der antiken Odyssee, deren Gesang  den Seefahrer verrückt machen sollte. Das alles zielt nicht allein auf körperlich-erotische Dimensionen, sondern auf die menschliche Psyche und ihre Türen zu unterschiedlichen inneren Räumen. In Béla Bartóks Meisterwerk, der Parabel von „Herzog Blaubarts Burg“, öffnet Blaubart nacheinander sieben große Türen, hinter denen Bilder, Gleichnisse seines Inneren sichtbar werden: Folterkammer, Waffenkammer, Schatzkammer, Garten, eigenes Land, Tränensee und zum Schluss Herzog Blaubarts bisherige drei Frauen, die Morgen, Mittag und Abend symbolisieren.

Mit solchen  Türen zur Psyche lassen sich auch starke  Bilder zur Venusbergmusik zeigen. Die heulenden Violinen in den höchsten Tonlagen, die gellenden Querflöten – ein Hexensabbath von Gedankenblitzen, wie die Walpurgisnacht aus Goethes Faust. Dazu das stampfende Orchester in voller Fahrt, wie ein explodierender Dampfkessel. Extremzustände sind auch Naturereignissse wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Orkane, die man als visuelle Andeutungen durch Filmsequenzen auf den Bühnenhintergrund projizieren kann.

Mussorgskys dämonischen Gespensterspuk „Eine Nacht auf dem Kahlen Berg“ zeigte Walt Disney eindrucksvoll im Jahr 1940:

http://www.youtube.com/watch?v=V8Ca_edg6RE

Wagners flimmernde Venusberg-Musik ist abstrakt und lässt viel Platz für Assoziationen,  Allegorien und Metaphern, die emotionale Grenzsituationen ausdrücken: Zum Beispiel alte afrikanische Tanzrituale, danach walzertanzende Paare und  Bilder aus modernen Discos.  Solche  Auftritte werden durch Tänzer und Statisten gestaltet, in einer nur angedeuteten, schnell wechselnden Miniatur-Dekoration.

Das alles lässt sich mit einfachen Mitteln realisieren und soll nur Andeutungen zeigen, die jeder Zuschauer in seiner Phantasie weiter entwickeln kann. Auf den Hintergrund kann man  symbolische Motive  projizieren, für den Wechsel der vier Jahreszeiten: weiße Blüten, dichte Laubkronen in Sommerwäldern, welkende Blätter und Eiszapfen. Für schnelle Abläufe kann dabei auch die Drehbühne genutzt werden. Dazu weitere Lichtprojektionen, zur Thematik des vergänglichen Lebens mit der Morgendämmerung, der Mittagshitze, dem vergehenden Tag und der dunklen Nacht, die nur noch durch große Fackeln erhellt wird. Das Prinzip: Die Einsparung eines aufwändigen Bühnenbilds durch Andeutungen, Tanz und Filmprojektionen.

Zweites Bild. Als Kontrast zu den surrealen Traumbildern im Venusberg kann man beim Auftritt des Hirtenknaben und der Jagdgesellschaft  zur Abwechslung stiliserte, aber naturalistische Bilder zeigen: Eine Waldlandschaft mit überdimensionalen Pflanzen. Im Hintergrund eine riesige Sonne, die auf das Ende der Handlung verweist. Die Atmosphäre eines alten Märchenbuchs, wie sie auch bei den aktuellen Fantasy-Filmen herrscht, die das Kinopublikum begeistern.

2. Akt: Die „teure Halle“ ist der strenge Kontrast zur freien Phantasie: Ein ungemütlicher grauer Saal, der erst beim Einzug der Gäste sich mit Farben füllt, aber auch die Atmosphäre eines diktatorischen Gefängnisses vermittelt, mit Wächtern in langen Uniform-Mänteln, die über die Einhaltung der Regeln wachen, dazu großen vergitterte Fenstern, an denen lange Eiszapfen und fallender Schnee eine frostige Atmosphäre verbreiten. Der Einmarsch der Gäste geschieht im knallenden Marschrhythmus der Musik, im strengen Gleichschritt, in fester hierarchischer Ordnung, die von einfachen Gewändern sich steigert in aufwändige Prunkkostüme. Im Hintergrund des Saals sieht man eine riesige goldene Krone, als Zeichen der würgenden weltlichen Macht, die diktatorisch keine Regelverletzungen duldet, keine Abweichung von der befohlenen Ordnung. Ein Gruselkabinett, innerlich leblos und zu Eis erstarrt, versteinert und zäh zusammengeklebt durch Korruption, Bestechung und Amigo-Cliquen.

Beim Sängerkrieg erwähnt Tannhäuser die Gegenwelt, den Venusberg, ein Reich freier Phantasie und Gedanken. Das bedroht diese leblose, erstarrte Gemeinschaft und löst sofort  große Aufregung aus. Tannhäuser wird von finsteren Stasi-Agenten abgeführt.

3. Akt: Hier vermischen sich  Motive der ersten beiden Akte, die kurz wiederholt und variiert werden: Zuerst die graue Gefängnishalle aus dem zweiten Akt. Auf die Wand projiziert werden surreale Bilder der Verunsicherung und Verzweiflung. Im Hintergrund ziehen schwarzgekleidete Trauerzüge vorbei.  Auf der Bühne irren Spukgestalten herum und Teufelsfratzen wie auf den Höllenvisionen von Hieronymus Bosch.

Hier ein Beispiel dafür:

http://2.bp.blogspot.com/_O3tsNhttp://2.bp.blogspot.com/_O3tsNM3aim0/TLsaID2Sq5I/AAAAAAAAABU/uoQHeNeR2yo/s1600/w1604n.jpgM3aim0/TLsaID2Sq5I/AAAAAAAAABU/uoQHeNeR2yo/s1600/w1604n.jpg

Dann ändert sich die Stimmung. Die aus Rom heimkehrenden Pilger tauchen auf: „Beglückt darf  dich, o Heimat, ich schauen und grüße froh deine lieblichen Auen.“
Dazu kann  man  feierliche Symbole aller Weltreligionen  zeigen. Hier nur eine Auswahl: Große brennende Kerzen. Das christliche Kreuz. Das Hexagramm der Hebräer und der siebenarmige Leuchter. Der meditierende Buddha.  Das Tor einer Pagode. Der arabische Halbmond. Das Anch, das ägyptische Henkelkreuz. Aber auch Zeichen der heilsverkündenden politischen Ideologien: Hammer und Sichel.

http://www.google.de/search?q=symbole+weltreligionen&hl=de&biw=999&bih=352&prmd=ivns&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=e-YnTo65I5Dn-galuMXKCw&sqi=2&ved=0CBsQsAQ

Am Schluss der Romerzählung tobt wieder der Kampf zwischen Geist und Materie, symbolisiert durch grelle, konträre Farben, die im siegreichen Finale, beim hymnischen Chor der Pilger, verschmelzen zu einem reinen Weiß. Die konträren Welten der leidenschaftlichen Ekstase und der verinnerlichten Askese vereinigen sich am Ende in der Meditation, in den hallenden Posaunen des Schlusschorals. Wie brausende Orgelklänge in einer Kathedrale des Geistes, fern aller Oberflächlichkeiten.

So weit diese Übersicht. Dieses grobe Konzept lässt sich  weiter ausfeilen. Bei der Personenregie kann man die Solisten und den Chor schonen und die Aktionen mehr auf Tänzer, Statisten und auch Sportler für akrobatische Einlagen verteilen. Diese Übersicht über eine Fülle von Möglichkeiten soll  nur eine Alternative sein zu dem Schrecklichen, was den Bayreuther Premierengästen heute möglicherweise  blüht und allerlei Tumulte verursacht, also vom inneren Gehalt des Tannhäuser-Stoffes weit entfernt ist, vom Innenleben des Werks: Den Motiven der Einsamkeit. Verzweiflung. Sehnsucht. Schwärmerische Romantik. Überflutende Emotionen. Sternenstürmende Visionen. Eros – das ist nicht nur eine körperliche Kategorie, sondern erweitert sich zur philosophischen Dimension von der kosmischen Macht der Liebe.

Im Tannhäuser-Finale heißt es: „Es tat in nächtlich heilger Stund der Herr sich durch ein Wunder kund.“ Dieses Wunder hat nichts zu tun mit den Knalleffekten und Skandalen des Regietheaters. „Erlösung ward der Welt zuteil“.  Diesen Satz aus dem Schlusschor hat Wagner in seinen folgenden Werken immer mehr verfeinert, bis zur immateriellen Ekstase des Parsifal-Finales.

Der dritte Akt als Synthese, als Zusammenfassung des vorhergehenden Geschehens und als Lösung der Spannungen, des Kampfs zwischen weltlicher Ekstase und spiritueller Erleuchtung, die sich verbinden in der Unio Mystica, der Vereinigung mit Gott. Dazu passt ein pompöses optisches Finale, mit Feuerwerk, Lichtblitzen, kosmischen Explosionen, Einblicken in ferne Galaxien und die Projektion eines märchenhaften Sternenhimmels auf die Wände des Zuschauerraums.

Weitere Hintergrundinformationen findet man hier.

https://btpersp.wordpress.com/2011/01/18/mystik/

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