Herbstliche Melancholie

30.8.2011. Vorgestern endete die Saison und hinterließ einen Nachgeschmack von Trauer und herbstlicher Melancholie.

1. Die Planungen für das Jubiläumsjahr 2013

Ein Detail aus dem „Kooperations-Bericht“ mit der Oper Leipzig:

http://www.epaper.sonntag-in-franken.de/eweb/szh/2011/06/26/szh/3/11817/

Zitat: „Die Bayreuther Festspiele werden – so ist es verabredet – die Regisseure, einige Sänger sowie Bühnenbilder stellen, Leipzig bringt den Chor der Oper Leipzig sowie das Gewandhausorchester in die Kooperation ein.“

Das ist seltsam. Ausgerechnet dort, wo  in den letzten Jahren die größten Schwächen erkennbar waren, nämlich in Bayreuth, sollen wichtige Entscheidungen fallen: Bei den Sängern und den Regisseuren.

Das heißt: Katharina Wagners junge Theaterfreunde Freunde in Berlin warten schon ungeduldig darauf, dass sie eine Zusage bekommen.

Eigentlich unvorstellbar: Denn eine große Lebenserfahrung und Erfolge mit den Wagnerwerken gibt es  bei  den „jungen Kandidaten“ nicht.

Zitat: „Dem Konzept zufolge sollen nicht bekannte große Namen verpflichtet werden, sondern junge Regisseure.“

Das Angebot an jungen Theatermachern ist riesengroß, wie soll man da nur eine Auswahl treffen? Hilfreich wäre eine Model-Vermittlung, eine Werbe-Agentur oder ein RTL-Casting mit schwierigen Fragen, zum Beispiel, „Hast du schon einmal eine Oper gehört?“

„Nein, das ist mich zu langweilich.“  „Warum willst du denn Opernregisseur werden?“

„Weil das jeder kann.“

Aber im Ernst: Nach der Baumgarten-Pleite einfach weiter mit Stückezetrümmerer Frank Castorf zu verhandeln, zeigt, dass die zweite Heimat Berlin eine familiäre Geborgenheit vermittelt, die keine Rücksicht mehr nimmt auf die Buhrufe, die in den letzten Jahren immer stärker wurden.

Der sachkundige und kritische Teil des Publikums, der eine erkennbare Verbindung erwartet zwischen den Werken und der szenischen Darstellung, wird einfach ignoriert.

Die bestmögliche Aufführung der Hauptwerke – also der Stiftungszweck – ist nicht mehr die Hauptsache, sondern die verbissene Umsetzung penetrant politisierender und belehrender Theatertheorien, die völlig rücksichtslos mit den Stoffen umgehen.

Zitat: „Die Finanzierung aufseiten der Festspiele soll allein durch Sponsoren wie B.A.T. und Würth erfolgen. Zuständig ist hier seitens der Festspiele deren Tochtergesellschaft BF Medien, bei der Katharina Wagner, die auch die Verhandlungen mit Leipzig geführt hat, Geschäftsführerin ist.“

Die Doppelfunktion als Festspielleiterin und als Geschäftsführerin der BF Medien GmbH wurde schon öfter beanstandet.

In der einen Rolle erteilt sie Millionen-Aufträge an ihre andere Rolle. Diese Art von Selbstbeauftragung ist eine unzulässige Interessenkollision.

Auch hier vermisst man wieder eine bremsende Aktivität des aufsichtsführenden Verwaltungsrats, der treuhänderisch im Auftrag der Allgemeinheit wirken und Fehlentwicklungen, Fehlentscheidungen bremsen und verhindern soll.

Zitat: „Leipzig hat sein Jubiläumsprogramm im Wesentlichen fertig. Schwerpunkt sind die „Richard-Wagner-Festtage“ vom 12. bis 26. Mai 2013. An Kosten kalkuliert Leipzig mit insgesamt knapp 2,9 Millionen Euro, der städtische Anteil liegt bei 573.000 Euro.

In Bayreuth liegt der vorgesehene Betrag (ohne die Aktivitäten des Festspielhauses) bei rund 4 Millionen Euro, der städtische Anteil bei etwa 1,5 Millionen Euro.“

Leipzig ist also sparsamer als Bayreuth. Allerdings werden die Frühwerke später in den Leipziger Spielplan übernommen, also gibt es da versteckte Kosten, die nicht eindeutig zugeordnet sind.

Auch die Einzelposten werden nicht offengelegt, denn sonst ließe sich schnell feststellen, wohin das Geld fließt, wer es bekommt und mit welcher Begründung.

Hoffentlich geht es da nicht zu wie im Wahnfried-Garten: Statt eines kostensparenden, viel Platz schaffenden  Umzugs der Museumsverwaltung auf ein anderes Grundstück wird immer noch ein überflüssiges Neubauprojekt betrieben, das  im letzten Frühjahr 12 Millionen Euro kosten sollte, jetzt aber händeringend nach Spendern für 15 Millionen Euro sucht.

Ist das alles notwendig? Der Spender setzt seine wohltätigen Gaben von der Steuer ab,  und die Millionen werden der allgemeinen Steuerkasse entzogen. Letztlich zahlt also die Allgemeinheit für etwas, das sie nicht braucht, und die Details der „Förderungswürigkeit“ bleiben im Dunkeln.

2. Eine Bilanz der letzten Saison

Zum Saison-Ende 2011 gab die Festspielleitung ein Interview:

http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/1305632/details_14.htm

Zitat von Katharina Wagner: „Als Festspielleitung haben wir eine Prämisse – die der künstlerischen Freiheit. Und dazu stehen wir unverändert. Ich würde, wenn ich mich jetzt mal in die Position des Regisseurs hineinversetze, auch nicht an einem Haus inszenieren wollen, wo dann der Intendant kommt und sagt: Dies oder jenes finde ich schlecht. Das will ich anders.“

Zu den Vertragsvereinbarungen mit einem Regisseur gehören auch frühzeitige Konzeptgespräche. Dabei legt der Kandidat  ein genaues Regiebuch mit den Details seiner Pläne vor, die er dann während der Proben auch selbst zu beachten hat.

Das Regiebuch gehört als Anhang und verpflichtende Klausel zu den wichtigsten Teilen des Vertrags.

Vor der Unterzeichnung muss die Intendanz prüfen, ob das Konzept überhaupt sehenswert ist und ob es noch Verbindungen zum Libretto hat. Bei groben Eigenmächtigkeiten und Abweichungen während der Probenzeit muss die Einhaltung des Vertrags verlangt werden, notfalls auch mit einer fristlosen Kündigung,

Bei Baumgartens Tannhäuser scheint das alles nicht geschehen zu sein. Niemand weiß, was er sich bei dem Unsinn gedacht hat, und jetzt spielt es auch keine Rolle mehr.  Die Festspielleitung jedoch hat ihn einfach gewähren lassen. Eine schwerwiegende Pflichtverletzung.

Noch krasser ist es, wenn die Intendanz sich sogar selbst mit Regie-Aufträgen beschenkt (Meistersinger 2007, Tristan 2015).

Hier liegt Alles in einer Hand – Vertragsgestaltung, Prüfung, lukrative Auftragserteilung, Zustimmung und Auftragsannahme – ohne dass irgendeine Kontrollinstanz mitwirkt oder eingreift. In keiner Firma ist es zulässig, dass der Chef geldwerte Verträge mit sich selbst abschließt.

Das Firmenvermögen ist treuhänderisch und unabhängig zu verwalten. Denn es handelt sich nicht um Privateigentum, sondern um Spenden und Steuergelder einer Staatsfirma.

Zu diesem Thema muss der Verwaltungsrat wirksame Regelungen schaffen und deren Einhaltung aufmerkam überwachen, bei Verstößen eingreifen.

Auch das ist bisher wohl versäumt worden.

Zitat von Katharina Wagner: „Wichtig ist in erster Linie, dass Inszenierungen niemanden gleichgültig lassen. Und das war beim „Tannhäuser“ sicher nicht der Fall.

Das Wichtige an der Kunst ist doch, dass man darüber redet. Und nachdenkt.“

Nur „reden und nachdenken“ – das reicht nicht aus.

Sonst wäre jeder Schund und Murks gerechtfertigt, nur weil in der Pause darüber geredet wird.

Maßstab in Bayreuth darf nur die sorgfältige Beachtung und bestmögliche Umsetzung von Richard Wagners Ideen sein.

Das ist der Sinn der Stiftung. Doch das ist in den letzten Jahren immer weniger beachtet worden.

Gibt es überhaupt schon ein Ring-Konzept vom Ober-Stückezertrümmerer Castorf?

Katharina Wagner: „Nein. Castorf ist Profi genug, um zu wissen, was es heißt, den „Ring“ in Bayreuth zu machen. Ich weiß nur, dass er den „Ring“ sehr gut kennt. Aber auch er wird natürlich noch nachdenken müssen, bevor er ein fertiges Konzept vorstellt.

Frage: Wobei es ja bereits Urängste gibt wegen dieser Verpflichtung …

Wagner: Es ist gleichgültig, wen Sie hier engagieren – irgendetwas wird irgendjemanden immer ärgern oder ängstigen. Damit muss man als Festspielleitung leben. Nein, man muss zu gegebener Zeit eine Entscheidung treffen – und dann auch dazu stehen.“

Dass es schlimme Fehlentwicklungen und grobe Fehlentscheidungen gibt, die seit Jahren die Festspiele immer mehr belasten, kommt ihr leider nicht in den Sinn.

„Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“. (Erich Honecker am 15.8.1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer)

Katharina Wagner: „2014 gibt es keine Neuinszenierung, 2015 kommt ein neuer „Tristan“ (mit Katharina Wagner als Regisseurin und Christian Thielemann als Dirigent, Anm. d. Red.).  Und 2016 müssen wir mal sehen, ob wir zuerst die „Meistersinger“ oder einen neuen „Parsifal“ als Neuinszenierung bringen.“

Die Entscheidung über das Jahr 2016 ist eigentlich schon Sache der Nachfolger. Mehr Zurückhaltung ist hier dringend zu empfehlen.  Denn es darf ja gar nicht sein, dass Pläne für Neu-Inszenierungen auch noch die kommende Festspielleitung belasten.

Hier müssen entsprechende Vorbehalte und Absagemöglichkeiten in die Verträge eingebaut werden.

Die nächste Epoche muss auch die Möglichkeit haben, ältere Planungen zu stornieren und eigene Pläne zu verwirklichen.

Die Festspiele waren zunächst ein Familienbetrieb, noch über den Tod Wieland Wagners im Jahr 1966 hinaus.

1973 wurde aus dem Privatbetrieb eine steuerfinanzierte, gemeinnützige Stiftung. Ein Staatsbetrieb, für den ganz andere Regeln gelten. Leider setzt man sich am Grünen Hügel einfach darüber hinweg, und die Aufsichtsorgane schweigen.

Die Voraussetzungen für eine gemeinnützige Stiftung werden zur Zeit nicht erfüllt, weil  exklusiven Sondergruppen (Luxus-Reisebüros, Hotels) mit Karten versorgt werden und die Allgemeinheit nur vierzig Prozent im freien Verkauf erhält. Das Gebot der Neutralität und die Rücksicht auf die gesamte Kundschaft verbieten auch, dass der Spielplan nur einseitig die Vorlieben der Regietheater-Cliquen erfüllt.

Das familiäre Alleinherrschertum einzelner Personen ist dabei ein Relikt von gestern.

Wichtige künstlerische Entscheidungen müssen von einer unabhängigen Fachjury getroffen werden, so wie bei anderen künstlerischen Wettbewerben, zum Beispiel bei den Filmfestspielen in Cannes und Hollywood, die nicht ein Einzelner beherrscht und wo das Risiko von Fehlschlägen sich in Grenzen hält.

Folgender Einwand zählt da nicht: “An jedem anderen Theater ist es durchaus Usus, daß ein Intendant auch inszeniert.”

So stimmt das nicht. In München hat Opernchef Klaus Bachler bisher noch nicht inszeniert, auch sein Vorgänger Peter Jonas (1993 bis 2006) nicht.

Das kann ein freiwilliger Verzicht sein, lässt sich aber auch vertraglich festlegen.

Der Verwaltungsrat der Bayreuther Festspiele hat bisher versäumt, sich solchen Fragen zu stellen:

1. Ist die Leitung geeignet, Regie zu führen und will man deren schrillen künstlerischen Stil überhaupt? Ein Großteil des Publikums wird damit verärgert und in die Flucht geschlagen. Eine regieführende Intendanz  lässt sich leicht durch Vertragsklauseln verhindern.

2. Sorgt die Leitung für ein breites Spektrum von Darstellungsformen oder bedient sie sich einseitig beim willkürlichen Regietheater aus dem übervölkerten und teilweise völlig unbegabten Berliner Freundeskreis?

Werden junge und mit den Stoffen unerfahrene Theatermacher bevorzugt?

Auch das hätte man vertraglich ausschließen können.

Dann hätte es den wachsenden Unmut der letzten Jahre nicht gegeben, auch nicht einen Totalschaden wie Baumgartens Tannhäuser, dessen Herstellungskosten sich berechnen lassen und die Festspielkasse noch jahrelang belasten.

3. Werden organisatorische Mängel zielstrebig beseitigt, z.B. bei der Kartenverteilung oder werden platzfressende Fehlentwicklungen wie die Kinderopern weiterhin am Grünen Hügel stattfinden? Ersatzflächen gibt es in der Stadthalle, Oberfrankenhalle und im Brandenburger Kulturstadl.

Rechtzeitig vor dem Vertragsende 2015 müssen solche Fragen beantwortet und Alternativen gefunden werden. Denn das Gesamtergebnis hat auch noch andere Auswirkungen:

http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/1305661/details_8.htm

Zitat: „Die Bayreuther Einzelhändler ziehen mit gemischten Gefühlen Festspielbilanz. Für die Stadt waren die vergangenen fünf Wochen nicht nur ein kulturelles Ereignis. Sie waren auch ein Wirtschaftsfaktor. …

In der Markgrafenbuchhandlung ist man vom Festspielgeschäft 2011 nicht überzeugt. „Normalerweise machen wir in der Festspielzeit wesentlich mehr Umsatz als sonst. Dieses Jahr ist das aber vollkommen anders“ …

Das läge am „ringlosen Publikum“, das einzig und allein wegen dem Wagner-Mythos nach Bayreuth käme, nicht wegen der Aufführungen.“

„Nicht wegen der Aufführungen“ … So weit ist es gekommen.

Rechtzeitig vor dem Vertragsende 2015 muss das alles eine Rolle spielen. Gebraucht wird eine Persönlichkeit, die aufgrund ihres bisherigen Lebenslaufs ein breiteres Spektrum anbietet, also auch Regieleistungen, die noch eine erkennbare Verbindung zur Vorlage haben.

Vielleicht ist es dann aber schon so weit, dass außer Stückezertrümmerern wie Castorf keine Alternativen mehr am Grünen Hügel vorhanden sind.

Solche  Warnungen gibt es schon seit Jahren. Doch der Plan, die Libretti auf den Kopf zu stellen und zu Kleinholz zu verarbeiten, wurde einfach weiter verfolgt, zuletzt mit dem  Ratten-Lohengrin von Neuenfels und mit dem Biogas-Tannhäuser von Baumgarten. Nächstes Jahr folgt ein „junger Regisseur“, der weder Erfahrungen noch Erfolge mit Wagnerwerken hat.

In der jetzigen Dauerkrise müsste der Verwaltungsrat die beiden Chefinnen vorladen, die Systemfehler und künstlerischen Einseitigkeiten beanstanden und im Fall der Schwerhörigkeit auf vertragliche Konsequenzen hinweisen. Aber der Verwaltungsrat wirkte  viele Jahre  wie ein stiller Befehlsempfänger  der Festspielleitung.

Katharina Wagners Zweitwohnsitz Berlin, die dortige überfüllte Theaterszene mit vielen unbegabten Möchtegerns, dazu die agitatorischen, belehrenden und politisierenden Theatertheorien des Ostberliner Staatsdichters Bert Brecht haben einen ungünstigen Einfluss auf Bayreuth.

Am Grünen Hügel, auch schon zu Lebzeiten Wolfgang Wagners, machte sich in den letzten Jahren immer mehr die bequeme Willkür des Regietheaters breit (“German Trash”), das auch für Unbegabte und Nichtskönner alle Tore öffnet.

Die kürzliche Zerstörung des Tannhäuser-Stoffes durch Baumgarten war nur eine Zwischenstation auf dieser Einbahnstraße.

Mit dem obersten Stückezertrümmerer Frank Castorf wird sogar über die nächste Ring-Regie verhandelt.

“Junge”, also unerfahrene Theatermacher sollen die Frühwerke übernehmen, und der Holländer-Regisseur 2012 hat weder Erfahrung noch Erfolge mit solchen Stoffen.

Sinn der Stiftung ist jedoch eine bestmögliche Umsetzung und Aufführung des musikalischen Erbes. Die optische Umsetzung der Handlung muss eine erkennbare Verbindung zur Vorlage haben und darf sie nicht verballhornen oder auf den Kopf stellen.

Der Verwaltungsrat muss eingreifen, da die Unternehmensziele bedroht sind.

Arbeitsrechtlich ist er dazu verpflichtet, aktiv zu werden. Demnächst findet wieder eine Sitzung statt, wünschenswert wäre eine klare Aussage zur Krise. Es ist nicht zwingend notwendig, dass die jetzige Leitung einen neuen Vertrag bekommt. Das könnte der Verwaltungsrat jetzt schon klarstellen und gleichzeitig eine Änderung des jetzigen Kurses verlangen.

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