60 Jahre Nachkriegs-Bayreuth – die goldenen Jahre

18.7.2011. Am Grünen Hügel wird dieses runde  Jubiläum kaum gewürdigt, und auch in der übrigen Stadt gibt es keine Sonderausstellung: Das „Neue Bayreuth“ begann 1951, vor sechzig Jahren,  mit einem Paukenschlag: Wieland Wagners Parsifal-Inszenierung, die alles naturalistische Gerümpel von der Bühne fegte und mit symbolischen, abstrakten Andeutungen, mit einer suggestiven Lichtregie und einer dramatischen Personenführung eine neue Ära einleitete. Auch die musikalische Qualität dieser Epoche erreichte bis heute nie wiederholte Höhen, wie man anhand der Radiomitschnitte überprüfen kann.

Am 30. Juli 1951 war Parsifal-Premiere. Einen Tag vorher dirigierte Wilhelm Furtwängler Beethovens Neunte Sinfonie im Festspielhaus.

Hierzu eine Rezension:

https://btpersp.wordpress.com/2011/01/18/beethoven-neunte-sinfonie/

Nach Wielands viel zu frühen Tod am 17.10.1966 kam sein Bruder Wolfgang an die Macht. Die beiden hatten nicht immer harmoniert. Wieland mochte die bieder-harmlosen Inszenierungen seines Bruders nicht. Wolfgangs Sohn Gottfried berichtete, dass schon die Kinder nicht miteinander spielen durften und dass Wieland seinen Bruder vor versammelter Manschaft zusammenbrüllte.

In den letzten Jahren gab es immer mehr problematische Inszenierungen: Marthalers Krankenhaus-Tristan, Tankred Dorsts langweiliger Ring, Katharina Wagners katastrophale Meistersinger und zuletzt der schreckliche Ratten-Lohengrin 2010 von Hans Neuenfels.

Kürzlich kam auch noch heraus, dass bisher nur vierzig Prozent der steuerfinanzierten  Karten in den freien Verkauf gingen. Der Rest verschwand in geheimen Sonderkontingenten für Privilegierte.

Hierzu weitere Einzelheiten:

https://btpersp.wordpress.com/2011/07/07/geheimnisse-und-abgrunde-am-grunen-hugel/

Die gesetzlichen Regeln für eine gemeinnützige Stiftung wurden einfach ignoriert. Die Allgemeinheit, die Mehrheit der Kartenbesteller, blieb einfach draußen vor der Tür, während die immergleichen Gruppen sich die Taschen vollstopften.  Am bisherigen verachtenswerten System waren viele Nutznießer beteiligt. Sie haben kein Interesse an der  notwendigen Wachablösung der Führungsspitze. Wie geht es weiter? Immerhin hat der Bundesrechnungshof Klartext gesprochen und erwartet Konsequenzen.

Vor sechzig Jahren standen die herausragenden künstlerischen Leistungen im Mittelpunkt. Hier eine Seite mit eindrucksvollen Bild-Dokumenten der Wieland-Ära:

http://www.wagneroperas.com/indexwielandwagner.html

Dazu passt  ein  Buch, das im letzten Herbst erschien:

Ingrid Kapsamer, „Wieland Wagner, Wegbereiter und Weltwirkung“

http://www.amazon.de/Wieland-Wagner-Wegbereiter-Weltwirkung-Vorwort/dp/322213300X

Ja, da entdeckt man tatsächlich Neues.
Wieland Wagner hat ab 1951 die Welt der Operninszenierungen radikal verändert und Bayreuth eine künstlerische Blütezeit beschert, die nach seinem frühen Tod  nie mehr übertroffen wurde.

Von vergleichbarem Rang ist allerdings Stefan Herheims gegenärtige Deutung des Parsifal. Hier werden traditionelle und moderne Elemente zu einem gewaltigen surrealistischen Bilderreigen vereinigt, dessen Assoziationen niemals willkürlich sind und an Sigmund Freuds mächtige Traumbilder des Unterbewusstseins erinnern.

Auch das ist eine Perspektive für Bayreuth – Verzicht auf überflüssiges Marketing, teure Kinderopern, lärmende Medien-Events und sonstige kostspieligen Nebensachen, dafür die Rückbesinnung, die Konzentration auf die Meisterwerke.

Dafür bietet das neue Buch eine Fülle von Anregungen.
Die junge Wiener Autorin Ingrid Kapsamer hat sich mit wissenschaftlicher Gründlichkeit der reichen Gedankenwelt von Wieland Wagner angenähert: Seiner langsamen Entwicklung zum überragenden Regisseur, seinen musikdramatischen Ideen und den zahlreichen Persönlichkeiten, die ihn beeinflussten.
Einige der vielen Abbildungen wurden bisher noch nie veröffentlicht. Allerdings sind mehrere berühmte Szenen in einem viel zu kleinen Format abgedruckt.
Als Ergänzung wäre hier ein eigener Bildband empfehlenswert. Seit vielen Jahren sammle ich Fotos von Wielands Inszenierungen und könnte aus diesem umfangreichen Material einige Motive beisteuern, die im Buchhandel längst nicht mehr erhältlich sind.

So lange er lebte, erschienen viele Publikationen über Wieland. Danach wurde es auffällig stiller.
In den Neunziger Jahren habe ich einen Bayreuther Antiquar gefragt, ob Bruder Wolfgang etwas gegen Neuveröffentlichungen habe. „Nein, solch eine Macht hat er nicht,“ war die Antwort.

Wer Interesse daran hat, die gründliche Tiefenforschung dieses Buchs zu diskutieren, ist herzlich eingeladen. Man kann daraus auch viel über die Versäumnisse und Fehler der letzten Bayreuther Jahre lernen.
Skurril ist auch ein im Buch zitierter Brief des Dirigenten Hans Knappertsbusch. Er schrieb am Ende der aufsehenerregenden ersten Nachkriegs-Saison, am 30.8.1951:
„Lieber Wieland ! … Ich kehre nicht mehr nach Bayreuth zurück ! … ‚Es war ein Fluch, der dich vom rechten Pfad vertrieb.‘“

Aber Knappertsbusch hat seinen zornigen Vorsatz nicht eingehalten. Bis zum Vorjahr seines Todes am 25.10.1965 hat er jedes Jahr die Wieland-Inszenierungen dirigiert.

Tochter Nike Wagner hat dazu erwartungsgemäß ein saftiges Vorwort verfasst.
Sie zitiert gleich aus den Erinnerungen von Birgit Nilsson an die letzte Aufführung von 1970, als Wielands berühmte Tristan-Inszenierung endgültig zerstört wurde:
„Gleich nach dem ersten Akt wurde vor dem Festspielhaus ein Feuer aus den Kulissen dieses Aktes angezündet. In der Pause des zweiten Aktes geschah dasselbe, und eine Stunde nach der letzten Vorstellung war alles, was daran erinnerte, fort und für immer verschwunden.“

Nike selbst beginnt mit scharfen Worten:
„Wieland Wagner ist tot. … Es gibt auch den zweiten Tod. Sein künstlerisches Vermächtnis wurde in der endlosen Ära seines Nachfolgers und Bruders auf eine Weise ‚verwaltet‘, die einer Vernichtung gleichkam.“

Nikes Zorn ist verständlich, aber die Zukunft wird ein ganz anderes Bild ergeben.

Die weitere Erforschung von Wieland Wagners geistiger Welt wird zeigen, dass er lebendiger und stärker ist als viele Banalitäten und Entgleisungen, die sich Bayreuth in den letzten Jahren geleistet hat, von der Architektur bis zum Treiben der Regisseure am Grünen Hügel..

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter 06. Hier sitz ich zur Wacht veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.