Daniel Stenway im Carl-Orff-Saal

9.7.2011. Samstag. 20.00 Uhr. Der Pianist  spielte zwei Stunden lang, ohne dass die Spannung einen Augenblick nachliess.  Nach der Pause konzentrierte er sich auf effektvolle Stücke von Franz Liszt, donnerte in die Tasten und zeigte die fehlerfreie Virtuosität atemberaubender Läufe und Glissandi. Das Publikum tobte lautstark vor Begeisterung, jubelte heftig über Zugaben und ging nach zwei konzentrierten Stunden zufrieden fort. Während draußen die Münchner Altstadt von wimmelnden Menschenmassen überflutet wurde, gab es also im Kulturbunker am Gasteig einen meditativen Ruhepunkt und ein Erlebnis der besonderen Art.

Der Carl-Orff-Saal hat eine klare, trockene Akustik.  Das Klavier klang wie ein großes Orchester. Leise Töne, der Zauber von Piano und Pianissimo sind nicht unbedingt Daniel Stenways Sache, er langt voll zu.

Von Beethoven gab es leider an diesem Abend nichts. Auf Mister Stenways eindrucksvoller CD  kann man es hören: Dieser Komponist ist ihm sehr wesensverwandt – die kraftvoll zuschlagende Löwenpranke und die innigen, melancholischen Melodien.

Dafür erklangen bis zur Pause vier Balladen  von Chopin. Bei anderen Interpreten dominiert  gelegentlich plätschernde Salonmusik und eine unklare romantische Verträumtheit. An diesem Abend gab es Energie unter Hochdruck, kontrastiert von empfindsamen lyrischen Momenten, deren Zauber  die düster melancholischen Passagen von innen her durchleuchtete.

Das konzentriert  lauschende Publikum applaudierte  nach jedem Stück begeistert und erklatschte sich zum Schluss mehrere Zugaben.

Auf der Homepage von Daniel Stenway kann man auch Klangbeispiele seiner Kunst hören, leider nur viel zu kurz:

http://www.danielstenway.com/

Hier ist die Besprechung seiner CD:

Dieser Pianist braucht  kein großes Orchester, kein monumentales Bühnenbild, keine prunkvollen Opernkostüme und bringt trotzdem ganze Welten zum Klingen.

Donnernde Fortissimi, elegante Scherzi und hochromantische lyrische Passagen, souverän und mit eindrucksvoller, sehr emotionaler persönlicher Handschrift, auf dem Niveau eines Horowitz oder Rubinstein.

1. Rimsky-Korssakow, Hummelflug

Ein virtuoses, populäres, summendes, dabei innerlich ganz leeres Stück, das der Solist innerhalb von 1.07 Minuten fulminant, deftig donnernd einfach herunterhämmert.

Es interessiert ihn wohl nicht.  Doch dieser derbe Gassenhauer ist auch nur ein populärer, allseits gefälliger Auftakt für ganz andere Klang-Ereignisse.

2. Chopin, Walzer Nr. 2, op. 64

Phantastisch. Hier sitzt jeder Ton. Die komplexen Tonläufe werden präzise und sehr empfindsam ausgemalt. Eine melancholische, weltverlorene Nachtmusik, wie sie Chopin auch in seinen sternenstürmenden „Nocturnes“ immer eindringlicher gestaltete.

3. Chopin, Walzer Nr. 1, op. 64

Der Minutenwalzer ist ein berühmtes Virtuosen-Stück, das fulminant heruntergehämmert wird.

4. Chopin, Grand Valse brillante, op. 18

Hier ist die fehlerlose Fingerfertigkeit wichtig, bei den aberwitzig komplizierten Tonläufen, die der Pianist hoch konzentriert auskostet. Die Herausforderung des Stücks ist die notengetreue Brillanz gleichermaßen wie die eigene emotionale Kraft.

5. Chopin, Fantasie – Impromptu

Das ist ein Höhepunkt dieser CD. Flutende Wellenbewegungen, mit vielen subtilen Details und markantem Kontrapunkt. Melancholische Weltschmerz-Melodien. Das dauert nur 5.08 Minuten, die man endlos immer weiter hören möchte.

Aber dann wird es noch besser. Denn jetzt folgte der Gipfelpunkt.

6.- 8. Beethoven, Pathétique, Sonate op. 13

Hier trifft ein Meister-Interpret auf einen sternenstürmenden Komponisten-Giganten. Beide sind nahe, sehr verwandte Geister. Jede Note des stürmischen ersten Satzes (Grave) wird vom Solisten berserkerhaft nachempfunden, voller Wucht und mit einer verschwenderischen Überfülle diffiziler, eindringlich nachempfundener Details.

Der zweite Satz (Adagio cantabile) schwebt hymnisch dahin, zum Weinen schön. Der dritte Satz (Allegro) ist wieder ein ekstatisches Feuerwerk voll unterschiedlicher Details. Noch niemals so eindringlich gehört.

9. Mozart, Rondo all Turca

Ein berühmtes Stück, bei dem der Pianist dem Affen kräftig Zucker gibt. Aber diese brillante, virtuose Fingerübung nimmt er ein wenig zu ernst, was die Gesamtwirkung dämpft.

10 Johann Strauss (Bearbeitung Schultz-Exler), An der schönen blauen Donau.

Auch Strauss-Walzer muß man mit leichter Hand und leichtem Sinn spielen, nicht mit gravitätischem, bleiernem Ernst. Der Pianist donnert elf Minuten bedeutungsvoll und auch fehlerlos in die Tasten, trifft aber nicht den richtigen, flügelleichten Ton.  Das Leichte fällt ihm schwer. Aber – das ganz Große, Schwere fällt ihm  leicht. Ein Meister!

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https://btpersp.wordpress.com/category/10-munchner-geschichten/

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