Tristan und Isolde, Bayreuth 1928

Tristan und Isolde, Bayreuth 1928

mit Nanny Larsen-Todsen, Anny Helm, Gunnar Graarud, Rudolf Bockelmann, Ivar Andresen

Dirigent: Karl Elmendorff

Das ist die erste, fast vollständige Bayreuther Plattenaufnahme des Tristan. Es gibt einige Kürzungen im dritten Akt, die man allerdings angesichts des guten Gesamteindrucks hinnehmen kann.

Als Bonus bekommt man außerdem Ausschnitte aus dem dritten Akt mit drei verschiedenen Dirigenten in London: Albert Coates, Leo Blech und Lawrence Collingswood.Die Neu-Ausgabe des Bayreuther Dokuments hat Naxos dem erfahrenen Spezialisten Ward Marston anvertraut, der für vorsichtige Klangrestaurierungen bekannt ist. Man darf natürlich keine glatte Stereo-Perfektion erwarten, aber angesichts des frühen Aufnahmedatums hat er Erstaunliches vollbracht.

Bei den Sängern bemerkt man nur unvermeidliche, aufnahmetechnische Grenzen, die zu gewissen akustischen Schärfen führen.

Nanny Larsen-Todsen (Isolde) erinnert ein wenig an Kirsten Flagstad. Die großen Ausbrüche im ersten Akt kommen weder gellend noch schrill, sondern ganz verhalten, oft halblaut, von einem inneren Weltschmerz erfüllt.

Anny Helm (Brangäne) klingt ähnlich, ein etwas hellerer Ton, aber auch musikalisch eine enge Gefährtin ihrer Herrin. Kurwenal ist der erfahrene Wagnerspezialist Rudolf Bockelmann.

Gunnar Graarud (Tristan), mit baritonalem Timbre, beginnt im ersten Akt ohne künstliche Drücker, fast verhalten. Man glaubt es kaum, daß er mit diesen behutsamen Tönen die räumliche Weite des großen Festpielhauses füllen konnte. Die Dialoge bekommen schon hier eine dezente Intimität, die ganz ungewohnt ist. Allerdings ist er bei den heftigen Ausbrüchen des zweiten Akts überfordert. Hier wirkt die Stimme manchmal eindimensional und hat einen leicht quäkenden Klang. Dafür gelingen die leisen Passagen in der  ”Nacht der Liebe” wieder innig und traumverloren, vor allem im Einklang mit seiner Partnerin, deren Stimme große klangvolle Bögen zeichnet. Ein Wagnergesang aus fernen Zeiten.

Ivar Andresen singt König Marke. Allerdings scheint er die Rolle nicht zu mögen. Den stimmungsmäßig sehr heiklen Monolog verstärkt er noch mit einem zähen Beigeschmack von Larmoyanz.

Im dritten Akt gibt es erhebliche Kürzungen. Er dauert nur circa 27 Minuten, bietet aber einen Eindruck der wichtigsten Stellen. Man darf das Aufnahmedatum nicht vergessen. Es gibt kaum vollständige Wagneraufnahmen aus dieser Zeit.

Der Dirigent Karl Elmendorff, der 1927 – 1942 regelmäßig in Bayreuth auftrat, gestaltet einen schlanken Orchesterklang, der auf falsche Wucht verzichtet. Er dirigiert zügig, bleibt aber der Partitur nichts schuldig an feuriger Glut. Über dem niemals zu lauten Orchester können sich die Stimmen frei entfalten. Schon das Vorspiel erklingt mit verhangener Noblesse. Danach begleitet er lebhaft bewegt, mit feinem Gespür für die morbide Melancholie dieser Klangwelt.

Die Schlussworte werden jetzt aus dem booklet zitiert: Der amerikanische Meister-Restaurateur Ward Marston schreibt:

“Die Balance zwischen Sängern und Orchester ist fast vollkommen. Man muß (der Plattenfirma) Columbia dankbar dafür sein, dass die Aufnahme in der warmen und lebhaften Akustik Bayreuths entstand statt in den akustisch toten Studios, wo sie ihre französischen und italienischen Opern aufnahmen.”

Man darf froh sein über die behutsame Wiedererweckung eines frühen historischen Wagner-Dokuments, aus einer Zeit, in der man Wagner noch mit Sorgfalt und Liebe zu seiner Musik begegnete.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter 11.a - Wagner-CDs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.