Ring des Nibelungen 1955, Keilberth, Stereo

Wagner, Der Ring des Nibelungen

Bayreuther Festspiele, 28.7.1955

mit Astrid Varnay (Brünnhilde), Gré Brouwenstijn (Gutrune), Maria von Ilosvay (Waltraute), Wolfgang Windgassen (Siegfried), Josef Greindl (Hagen), Hermann Uhde (Gunther), Gustav Neidlinger (Alberich)

Dirigent: Joseph Keilberth

Vom ersten Takt an überwältigt der gewaltige Klangeindruck. Wer Keilberths andere Bayreuther Ring-Aufnahmen kennt und ihren mulmig verwaschenen Klang, kann es gar nicht fassen. Man hört ein breit aufgefächertes Riesenorchester in allen Details, in allen Farben, als säße man mitten unter den Instrumenten und als wäre die Aufnahme erst gestern entstanden.

Der wuchtige, blechgepanzerte Schlußstein der Tetralogie entfaltet sich in majestätischer Größe. Keilberth kann alles, die lyrischen, poetischen Zwischentöne genauso wie den entfesselten, sinnverwirrenden Rausch und – gleichzeitig – die plastische, analytische Durchhörbarkeit aller Orchesterstimmen.

Dazu die Sänger. Sie gehen nicht unter im Klangrausch, sondern sind textverständlich und deutlich vernehmbar, alle auf höchstem Niveau. Astrid Varnay, dunkel lodernd, mit ekstatischer Kraft, eine Hohepriesterin des Mythos. Wolfgang Windgassen, der ideale, unübertreffliche Tannhäuser und Tristan des letzten Jahrtausends, ist eigentlich kein naiver Naturbursche, entfesselt aber hier alle Energien und Zwischentöne des leidenschaftlichen Wagnergesangs.

Auch sämtliche anderen Rollen hat der geniale, kompromisslose Wieland Wagner damals hervorragend besetzt: Der tiefschwarze, harte Hagen Josef Greindls, der dämonisch flackernde Gunther (Hermann Uhde), ein verschlagener, aggressiver Alberich (Gustav Neidlinger), die herb melancholische Gutrune der bedeutenden Elsa- und Sieglinde-Interpretin Gré Brouwenstein und Maria von Ilosvay als verzweifelte, dunkel raunende Waltraute.

Auch die düsteren Prophezeiungen der drei Nornen, ihre wehmütigen Erinnerungen an Anfang und Ende aller Zeiten, werden mit einer Wucht und Klarheit lebendig, wie man sie nur selten hört.Im beiliegenden Booklet abgebildet sind auch ein paar faszinierende Bilder des Meisterphotographen Siegfried Lauterwasser, der 35 Jahre lang sämtliche Aufführungen der Wagnerfestspiele optisch dokumentierte, vor allem die Goldene Zeit des Nachkriegs-Bayreuth bis zu Wielands Tod im Jahr 1966. Ohne den Photographen Siegfried Lauterwasser gäbe es wohl nicht diese verschwenderische Überfülle magischer Bilder aus der Wieland-Ära, die auf den ersten Blick sofort eine hypnotische, suggestive Wirkung haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Der Dirigent Joseph Keilberth starb in München am 20.7.1968, mitten in der rasenden Tristan-Liebesszene. Die Vorstellung wurde damals abgebrochen, aber ein Augenzeuge versicherte mir zwanzig  Jahre später, dass es an diesem Unglücksabend tatsächllich ein paar Kulturbanausen gab, die an der Kasse ihr Eintrittsgeld zurück verlangten.

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