Rienzi 1957, 1976, 1983, Tannhäuser 1930, 1951

Rienzi, Stuttgart, 3.11.1957
mit Wolfgang Windgassen, Paula Brivkalne, Gustav Neidlinger, Josef Traxel, Hans-Günter Nöcker, Otto von Rohr
Dirigent: Lovro von Matacic

Eine Aufnahme aus den legendären Jahren, als Wieland Wagner sein vertrautes Winterdomizil in Stuttgart pflegte. Er hat auch diese Aufführung betreut, das ist in der Sorgfalt der musikalischen Ausführung erkennbar.
Das Beiheft vermerkt pingelig: Auf dem Originalband ist ein Defekt, sechzig Sekunden vor dem Ende der Ouvertüre. Das läßt sich verschmerzen.
Lovro von Matacic begleitet souverän, unaufdringlich. Orchester und Stimmen sind so ausbalanciert, daß der Text sehr gut zu verstehen ist. Die Sänger sind auf gehobenem Niveau, an der Spitze natürlich Bayreuths Jahrhundert-Tristan und –Tannhäuser. Wolfgang Windgassen in seiner besten Zeit, auch hier in überragender Hochform, mit unverkennbar expressiver, eindringlicher Intensität.
Das ändert insgesamt nichts daran, daß Rienzi einfach noch nicht zu den zehn großen Wagnerwerken gehört, mit Ausnahme einzelner Paradestücke.

Am meisten verbreitet ist die klanglich blitzende Dresdner Studio-Aufnahme von 1976, unter der Leitung von Heinrich Hollreiser. Sie dauert immerhin 3.38 Stunden, das ist aber noch eine Stunde weniger als Wagners eigene viereinhalbstündige Langfassung. Unter Hollreiser funkelt und strahlt das Orchester, von den Sängern ist leider nichts Überragendes zu berichten. René Kollo, Siv Wennberg, Janis Martin – sie reissen nicht besonders mit.

Und dann gibt es noch einen Mitschnitt aus der Münchner Staatsoper vom 6.7.1983. Hier beläßt man die Aufführung bei 3.18 Stunden. Dazu Folgendes:
Auch hier singt René Kollo die Titelpartie. Der Live-Mitschnitt beschönigt nichts. Kollo hat eine klangschöne, edle, aber sehr vordergründige Stimme. Im Forte wirkt er überanstrengt, gestemmt, an Grenzen stoßend. Es fehlt die tiefe geistige Durchdringung, wie sie für Wolfgang Windgassen selbstverständlich ist, der diese Partie ekstatisch durchlebt und durchfiebert.
Cheryl Studer singt die Irene mit kraftvoller, leuchtender Stimme. Sie ist ein ansehnlicher Pluspunkt dieser Aufnahme, aber auch sie wirkt insgesamt etwas kalt. Nicht zu vergleichen mit der Stuttgarter Sängerin Paula Brivkalne, die einen eindringlich leuchtenden, bewegenden Wagnergesang erschallen läßt.
Die draufgängerische Hosenrolle des Adriano hörte man in München von einem hohen Tenor, John Janssen, der einen zuverlässigen, doch nicht begeisternden Eindruck hinterläßt. In Dresden gab es dafür Janis Martin, deren scharfe, enge Stimme wohl Geschmackssache ist. Auch hier hatte Stuttgart wieder die bessere Wahl: Josef Traxel schmettert die Partie mit tenoralem Glanz und einer lyrisch-dramatischen Durchschlagskraft. Das ist spannend anzuhören.
Den Münchner Chören fehlt diesmal der rechte Schwung, sie sind viel zu vorsichtig auf Notentreue bedacht und schallen zwar sehr laut, aber nicht sonderlich temperamentvoll.
Auch der Dirigent Wolfgang Sawallisch ist beim Rienzi ein richtiger Langweiler. Er legt das Gewicht zu sehr auf scharfe, harte Kontraste und vernachlässigt dafür die lyrischen Bereiche. So entsteht eine aggressive Grundstimmung, die auf Dauer monoton wirkt. Die Tempi sind oft einschläfernd schwerfällig, schroff und ungemütlich. Was für ein müder Kontrast zu der leuchtenden Farbenpracht, die Heinrich Hollreiser in Dresden dem Orchester entlockte. Und in Stuttgart brachte der Dirigent Lovro von Matacic auch dramatisches Feuer mit, trotz des unverkennbarem Mono-Klangs spürt man hier die richtige Hand.
Kein Wunder, denn die Gesamtleitung dieses festlichen Abends hatte Wieland Wagner, der unvergessene, viel zu früh gestorbene geniale Enkel des Komponisten.

Diese drei Aufnahmen sind wieder einmal ein gutes Beispiel für die Unterschiedlichkeit von Interpretationen, die man dank der vorhandenen CDs direkt miteinander vergleichen kann, so dass veränderbare persönliche Stimmungen keine Rolle spielen. Ausserdem verschmilzen die drei Interpretationen zu einem plastischen Gesamtbild von Wagners wichtigem Frühwerk.
In dem Stück ist bereits viel ungestüme Kraft, vorwärtsdrängende Dramatik, ein explosiver Hochdruck. Das geht hier noch auf Kosten der späteren Subtilität und der magischen Zaubertöne der Gralswelt, des archaischen Nibelungenrings und des grenzensprengenden Tristan.
Rienzi klingt wie ein frühes Stück von Verdi, den Wagner bekanntlich dauerhaft ignorierte, obwohl beide Zeitgenossen waren.
Das Werk verlangt Aufmerksamkeit, man darf es nicht zweitklassig besetzen, sonst fällt alles in sich zusammen. Nur herausragende Interpreten können es mit dem Glanz aufführen, der seinerzeit bei der Uraufführung in Dresden das Publikum begeisterte. Und es ist lehrreich und faszinierend, hier eine wilde Frühform des Komponisten zu erleben, der erst später zu den verinnerlichten Klängen fand, die seinen einsamen Rang ausmachen.

Tannhäuser, Pariser Fassung mit Bacchanale , Bayreuth 1930
Dirigent: Karl Elmendorff

Die Ansprache des Landgrafs fehlt. Das Klangbild ist zeitbedingt, das Blech scheppert gelegentlich, aber insgesamt ist es wirklich angenehm. Elmendorff leitet zügig, etwas trocken. Dafür hört man die großen Stimmen der Vergangenheit um so deutlicher.
Enttäuschend ist leider der Titelheld. Sigismund Pilinszky (Tannhäuser) hat eine quengelnde, forcierte Stimme, mehr dem Zwerg Mime ähnlich. Erstaunlicherweise hat er am Schluß für die mörderische Romerzählung noch reichlich Reserven und gestaltet einige schwierige Passagen sehr bewegend. Herausragend sind die anderen Solisten. Ruth Jost-Arden (Venus) leuchtet mit vornehmer Melancholie, an Kirsten Flagstad erinnernd. Die berühmte Mozartsängerin Erna Berger singt einen beseelten Hirtenknaben, heute undenkbar, daß ein Star sich zu so einer winzigen Partie herabläßt. Maria Müller (Elisabeth) ein Stern des Wagnergesangs, deren empfindsame Stimme aus einem vergangenen Jahrhundert auch zu uns noch wundersam herüberschallt. Herbert Janssen (Wolfram) ist ein Wolfram, wie man ihn derzeit überhaupt nicht hört, ganz verhalten, mit reich strömenden Kantilenen. Die Chöre, weiträumig hallend, sind natürlich auf hohem Bayreuth-Niveau.

Tannhäuser, Pariser Fassung, München 1951
Dirigent: Robert Heger

Ein gutes, in den Details sehr durchsichtiges Klangbild, natürlich noch Mono.
Wagnerspezialist Robert Heger sorgt für kräftige, machtvolle Akzente. Gegen ein gewisses Pathos hat er nichts, unsereins ja auch nicht. Aus dem Orchester der Bayerischen Staatsoper schallen abgefeimte, schillernde Töne und hochromantische Naturlaute, hier lockt wirklich ein Meister der Klangfarben alles aus den Instrumenten heraus.
Leider sind die Stimmen nicht auf gleicher Höhe. Teilweise sind es berühmte Wagnersänger, am Ende ihrer Laufbahn. August Seider (Tannhäuser) klingt ein wenig wie Rudolf Schock, eine kräftige, aber nicht sehr differenzierte Stimme, die hier an Grenzen stößt. So auch am Schluß. Die Romerzählung, der unerbittliche, gnadenlose Prüfstein dieses Werks, überfordert ihn einfach nur noch. Auch Margarethe Bäumer (Venus) ist keine Freude, sondern recht schrill und scharf. Den Hirtenknaben singt Rita Streich, auch hier hört man also eine bekannte Mozartsängerin. Marianne Schech, eine milde Elisabeth, hinterläßt leider keinen tiefen Eindruck. Auch Karl Paul (Wolfram) bleibt blass. Nur Otto von Rohr, ein ungewöhnlich hoher Bariton als Landgraf, gestaltet seine überschaubare Rolle sehr ausdrucksvoll. Die Chöre sind etwas flach, nicht so voluminös und eindrucksvoll wie auf der Bayreuther Aufnahme, das kann aber auch an der Aufstellung der Mikrofone liegen.

Vergleicht man beide Tannhäuser-Aufnahmen, gewinnt die frühere mit einem Riesen-Abstand. Die Elmendorff-Aufnahme hinterläßt einen tiefen Nachhall, sie verzaubert durch ihre künstlerische Kraft. Es ist ja keine Nostalgie, denn wer saß damals schon im Publikum ? Man vergleiche dieses bewegende Dokument mit neuesten Digitalaufnahmen, die meisten kann man danach zur Seite legen.
Man kann es drehen wie man will, in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sangen die besten Wagnerstimmen – nachweisbar – in Bayreuth. Aber das ist leider auch schon lange vorbei.

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