Parsifal und Tristan 1953

Parsifal, Bayreuth 1953

Dirigent: Clemens Krauss

Im Jahr 1951 begann in Bayreuth mit einem Donnerschlag ein neues Zeitalter. Wieland Wagner schuf revolutionäre Inszenierungen mit eigenwilligen Abstraktionen und einer suggestiven Lichtregie, wie man sie noch nie gesehen hatte, im Detail angreifbar, aber immer auf hohem Niveau. Gleichzeitig legte er strengste Maßstäbe an die Auswahl der beteiligten Musiker, bis zu seinem Tod im Oktober 1966. Und er bekam die besten Sänger und Dirigenten seiner Zeit. Danach machte sich oft künstlerisches Mittelmaß breit.

Was davon ist nostalgische Verklärung? Eine absolute Perfektion ist bei den komplexen Wagnerwerken unmöglich. Aber es läßt sich genauer differenzieren. Denn die Archive öffnen sich, und es erscheinen sorgfältig restaurierte Mitschnitte dieser Epoche, die natürlich gewisse akustische Schwächen der damaligen Tontechnik nicht beseitigen können. Die CD-Gesamtaufnahme des Parsifal 1953 wurde veröffentlicht von der Archipel Collection 2004.

Der erste und der dritte Akt werden beeinträchtigt durch Ludwig Webers Gurnemanz, der mit gewaltigem Stimm-Material zu viel dröhnt und nuschelt, die Vokale verfärbt (“trunkön” (trunken), “Schroi” (Schrei), “Seitä” (Seite). Die lange Titurel-Erzählung kennt man frischer und hintergründiger, mit sparsameren Mitteln. Großartig ist George London (Amfortas), der auf jede weinerliche Larmoyanz verzichtet und mit leuchtendem Stimmglanz, in Tristan-ähnlicher Ekstase beeindruckt. Die Gralschöre hallen mit weiträumiger Durchschlagskraft.

Hermann Uhde (Klingsor) fällt auf durch eine vehemente, klare Textbehandlung. Er schafft eine eindringliche Charakterstudie, grollende Laute aus nachtschwarzer, lichtloser Finsternis. Weniger stark ist der Titelheld. Ramon Vinays baritonale, wenig lyrische Stimme nimmt dem suchenden, irrenden Parsifal jeden jugendlichen Anschein. Später, nach Kundrys Kuss gelingen ihm fahle, gebrochene Klangfarben, die auch das helle Licht des Karfreitagszaubers in eine gedämpfte, melancholische Atmosphäre tauchen. Martha Mödl (Kundry) kommt in der Höhe an stimmliche Grenzen. In der Tiefe und den mittleren Tönen ist sie faszinierend. Vor allem in den Erzählungen des zweiten Aktes betont sie weniger das verführerische Element, sondern vermittelt Erinnerungen, eindringliche Gedanken, visionäre Schlüssel zu den Bildern der Vergangenheit.

Anderthalb Jahrzehnte war Hans Knappertsbusch die damaligen Parsifal-Autorität, weil er mit dem Festspielorchester eine meditative, tiefgründige Stimmung erzeugte, mit vielen Nuancen. Doch bei diesem Mitschnitt bleiben viele Wünsche offen. Bei Clemens Krauss tönt schon das Vorspiel nüchtern, trocken, geheimnislos, aber auch nicht besonders spannend. Der Chef der Münchner Oper in der dunklen Zeit von 1937 bis 1944, befreundet mit dem Komponisten Richard Strauss, findet leider nicht den persönlichen Zugang zu dem Werk, um einen tiefen Nachhall zu hinterlassen.

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Tristan und Isolde, Bayreuth 1953

Dirigent: Eugen Jochum

Da lag sie tagelang herum, die Gesamtaufnahme aus Bayreuth. Erst einmal hat man keine Lust, sie zu hören. Denn dieses Werk gibt es mit sehr vielen verschiedenen großen Interpreten, und die Musik ist ja immer die gleiche. Doch dann ist es soweit. Und die Kraft der Wagnerschen Musik zeigt ihre Wandlungsfähigkeit und Neuartigkeit.

Die Aufnahme ist über fünfzig Jahre alt, sie entspricht natürlich nicht dem heutigen digitalen Standard. Bei den Forte-Stellen kratzt es ein wenig, aber man hat bei der Restauration alles herausgeholt, was ging.

Und ein Glanz aus fernen Zeiten leuchtet auf.

Astrid Varnay erinnert sehr an Kirsten Flagstadt, ist aber doch eine ganz eigenständige Persönlichkeit. Eine kräftige, schlanke Stimme mit einem melancholischen Grundton, die niemals an Grenzen stößt und die extreme Partie der Isolde wie mühelos singt. Auch Ramon Vinay in der Titelrolle ist ihr in dieser Rolle ebenbürtig. Seine dunkle, baritonale Stimmfärbung legt einen wehmütigen Schleier über die ekstatischen Visionen und Fieberträume Tristans. Gustav Neidlinger, Bayreuths bewährter Alberich, schafft neue Einsichten in den polternden Gefährten Kurwenal. Hier färbt sich eine aggressive, flackernde Dämonie in diese Rolle, wie man sie man sonst selten hört. Ira Malaniuk teilt das Schicksal vieler anderer berühmter Brangänen. Sie singt sehr schön, kann aber der blassen Partei der Dienerin keine deutlichen Konturen geben. Eine herbe Enttäuschung ist König Marke. Ludwig Weber nuschelt und schleift die Töne, sein dröhnendes Stimmorgan klingt breit und undeutlich. Die heikle Klage erklingt hier von ihrer larmoyantesten, unangenehmsten Seite. Man ist froh, als diese Gestalt endlich von dannen weicht.

Eugen Jochum bringt die Partitur in wunderbarer Weise zum Klingen. Musik wirkt dann am stärksten, wenn man dabei Bilder assoziiert: Hier sind es die jahrtausendealten Monumente von Stonehenge, archaische Felsformationen auf Island und das graue Meer an einem Herbstabend. Wagners Ausnahmewerk, damals anspruchsvoll betreut vom genialen Regisseur Wieland Wagner, leuchtet hier in den verhangenen Farben des Weltschmerzes und des existenziellen Zweifels, des aufbegehrenden Trotzes und der verwehenden Abschiedsstimmung, die schließlich, im Schlußwerk Parsifal, alles durchdringt.

 

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