Lohengrin 1953, 1959

Wagner, Lohengrin

Bayreuther Festspiele 1953 (Radiomitschnitt, CD)

mit Eleanor Steber (Elsa), Astrid Varnay (Ortrud), Wolfgang Windgassen (Lohengrin), Hermann Uhde (Telramund), Josef Greindl König Heinrich), Hans Braun (Heerrufer),

Dirigent: Joseph Keilberth

Ausschnitte dieser Aufführung gab es schon einmal auf einer großen Langspielplatte in den Siebziger Jahren, bearbeitet von den Tontechnikern mit zusätzlichem Hall und ausgestattet mit einer zweiten Tonspur, als Pseudo-Stereo. Heute würde man solche Manipulationen ablehnen, aber damals war es einer der ersten Einstiege in Wagners Zauberwelt, und die Platte wurde gehütet als Schatz. Die Inszenierung stammte damals schon vom immerwährenden Festspielleiter Wolfgang Wagner, was auf den CDs aber keine Rolle spielt.

Für die Plattenfirma Naxos hat der bekannte Restaurator Mark Obert-Thorn die Masterbänder behutsam digital gereinigt. Klangwunder darf man nicht erwarten. Es bleibt Mono, die Trompeten scheppern wie gewohnt, aber die Aufnahme klingt frischer und klarer.

Konkurrenz gibt es ja genug. Was ist das besondere an diesem Mitschnitt? Nicht die überarbeitete Akustik, sondern die faszinierende musikalische Gestaltung. Alle Solisten sind von Ausnahmerang. Hans Braun als kraftvoller Heerrufer. Josef Greindl als sonor hallender König Heinrich. Bei Astrid Varnays dämonischer Ortrud erinnert man sich auch an ihre starke Deutung der Großpartien wie Isolde und Brünnhilde. Hermann Uhde (Telramund) war damals eine der Bayreuther Charakter-Säulen und vertieft hier den bösen Grafen mit klarer, schneidender Stimme. Das verschwörerische Nachtgespräch der beiden im zweiten Akt ist mit tiefschwarzen Farben gemalt, schillernd und beklemmend.

Noch stärker sind die beiden Hauptfiguren. Wolfgang Windgassen, der erwartungsgemäß keinen schmetternden Belcanto-Helden herauskehrt, sondern die innere Zerrissenheit und Melancholie dieses einsamen Ritters betont. Zu ihm paßt die dunkle, ausdrucksvoll schwebende Stimme Eleanor Stebers. In der langen Brautgemachszene fließen beide Gesangslinien geheimnisvoll ineinander, raunen und klagen, wie Stimmen aus einer fernen Welt. In dieser Aufnahme gibt es magische Augenblicke, die in der Phantasie starke Assoziationen wecken und aus der Realität entführen.

Einen guten Anteil daran hat der Dirigent Joseph Keilberth, der die hypnotischen, emotionalen Elemente der Partitur verstärkt, aber nie die Sänger übertönt.

Lohengrin, Bayreuther Festspiele 1959 (Radiomitschnitt, CD)

mit Elisabeth Grümmer (Elsa), Rita Gorr (Ortrud), Sándor Kónya (Lohengrin), Ernest Blanc (Telramund), Franz Crass König Heinrich), Eberhard Waechter (Heerrufer)

Dirigent: Lovro von Matacic

Sándor Kónya ist ein Bilderbuch-Lohengrin, damals auf der Höhe seiner Kunst. Ernest Blanc (Telramund) stammelt und giftet unheimlich, übertroffen noch von Rita Gorr (Ortrud), die mit schneidender, gellender Schärfe bis zum Schluß beunruhigt. Elisabeth Grümmer (Elsa) zelebriert ihre typische Mischung aus unschuldigem Liebreiz und herber Melancholie, ist aber vielleicht nicht in allerbester Abendverfassung. Auch Franz Crass König Heinrich) und Eberhard Waechter (Heerrufer) singen kraftvoll, aber insgesamt zu monochrom, ohne charakteristische Akzente.

Der kroatische Dirigent Lovro von Matacic hat ein Gespür für diese Musik. Er schwelgt in den sphärenhaften Gralstönen genauso wie in den dämonischen Abgründen der Ortrud-Welt.

Schon vor 47 Jahren war diese Lohengrin-Inszenierung ein Ereignis, und nur wenige vom heutigen Opernpublikum haben es persönlich miterlebt, auch ich nicht. Aber jeder kann sich akustisch hineinversenken, mit diesem erst kürzlich wieder veröffentlichten, behutsam restaurierten Radiomitschnitt.

Im Booklet findet man einige noch nie gesehene Photos der dazu gehörenden legendären Inszenierung von Wieland Wagner. Da gibt es keinen peinlichen Naturalismus, sondern nur starke Zeichen, Symbole, die einen überwältigenden Gesamteindruck steigern: Gotische Spitzbögen einer mittelalterlichen Kathedrale, zwei Altarleuchter mit sieben Kerzen, davor, zu einem Block zusammengeballt der große Chor mit stilisierten mittelalterlichen Gewändern, auf schwere Schwerter gestützt. Im Original schwelgen diese Bilder in silberblauen Farbtönen: Hier werden sie nur schwarzweiß reproduziert, sind aber unverändert faszinierend, ekstatisch.

Das sind insgesamt nicht mehr als vierzehn kleinformatige Bilder, aber alle verstärken den Eindruck einer archaischen, unwiderstehlichen Wucht. .Wieland Wagners Genie hatte die gleiche visuelle Kraft und den gleichen künstlerischen Rang wie die zeitlose Musik seines Großvaters.

 

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