Franz Konwitschny dirigiert Holländer, Tannhäuser, Karajans Rheingold

Den Fliegenden Holländer konnte man an der Hamburger Staatsoper, noch in den vergangenen Neunziger Jahren, tatsächlich in Wieland Wagners grandioser Fassung bestaunen. Da sah man einzelne realistische Versatzstücke, z.B. ein naturgetreues Steuerrad mit hölzernem Bug, wie aus einem alten Seeräuber-Film, aber mehr nicht.

Der Rest der Bühne war leer, und die starken Stimmungen wurden durch wechselndes Licht und eine intensive Personenregie erzeugt. Atemberaubender Höhepunkt war das Auftauchen des Holländerschiffs, nur durch eine monumentale Projektion erzeugt. Ganz plötzlich füllte ein riesiges rotes Segel den ganzen Bühnenhintergrund aus, wobei die Farbe Rot durch viele Schattierungen und Zwischentöne verfeinert war – als ob man durch ein Fernrohr weit und tief in das unendliche Weltall hineinblickte. Aus der Finsternis, unterhalb dieses Segels, wurde dann die pechschwarze Gestalt des Holländers sichtbar, der seinen Monolog “Die Frist ist um” völlig reglos sang, mit weit ausgebreiteten Armen, als wollte er die ganze Welt in seine Qual mit einbeziehen.

Unvergeßlich, wenn man das einmal so gesehen hat, und es ist immer noch der unerreichte Maßstab für alle anderen.Die Münchner Konwitschny-Inszenierung von 2006, mit ausgeflippten, törichten Tollheiten, wie Sentas Spinnstube im flotten Aerobic-Zeitgeist-Fitness-Studio, läßt da allerdings einen ganz anderen, furchtbaren Grusel düster heraufdämmern.

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Franz Konwitschny, Holländer und Tannhäuser

Einen bekannten Namen hat nicht nur Peter K., sondern auch dessen Vater, der Dirigent Franz Konwitschny. Von ihm gibt es eine gute Studio-Aufnahme des “Fliegenden Holländers”, zugegeben ein sperriges Frühwerk Wagners, auch für die berühmten Dirigenten. Unter Wolfgang Sawallisch klingt es zu grob und hektisch. Bei Otto Klemperers schwerfällig polternder Altersaufnahme schläft man fast ein. Georg Solti hat keine guten Sänger. Und so weiter.

Da trifft es sich gut, daß, mittlerweile für wenige Euro, Konwitschny Seniors akustisch ausgezeichnete Stereo-Aufnahme von 1962 in den Regalen liegt. Bei ihm klingt das Werk ungewohnt weich, die Streicher dominieren und das Blech ist gedämpft, auch die lyrischen Stellen sind fein ausgemalt.

Als Holländer hört man den großen Liedersänger Dietrich Fischer-Dieskau, genau zu der Zeit, als er damals seine berühmten Schubert-Lieder auf Schallplatten verewigte. Und so ist bei ihm der Text aufs Feinste durchgearbeitet und mit vielerlei Nuancen versehen. Allerdings fehlt die elementar-archaische Naturgewalt. Hier tobt keine existenzielle Verzweiflung, sondern eine ausgetüftelte, intellektuelle Reflektion darüber. Das ergänzt sinnvoll die bekannten Interpretationen.

Als Steuermann erfreut  Fritz Wunderlich. Der unglückliche Erik wird von Rudolf Schock etwas zu robust geschmettert. Marianne Schech (Senta) hat zwar eine interessante dunkle Stimme, aber das verträumte, einsame Mädchen bekommt kein deutliches Profil.

Und wieder zeigt sich: Wagners Anspruch ist schon in seinem Frühwerk sehr hoch und wird von den Interpreten nicht immer erreicht.

Das anspruchsvollste Stück ist der große Holländer-Monolog. Davon gibt es eine einzelne, zeitlos bewegende Studio-Aufnahme. Theo Adam, der in der Gesamtaufnahme unter Otto Klemperer leider recht blass wirkt, hat unter der Leitung von Otmar Suitner vor vielen Jahren verschiedene, umfangreiche Wagner-Szenen aufgenommen. Darunter auch diesen Holländer-Monolog. Und da paßt einfach alles. Die eindringliche Textbehandlung, die stimmliche Kraft und der grollende, magische Ausdruck, den Wagners große Endzeit-Visionen ausstrahlen. “Die Frist ist um.”

Damit verließ Wagner mit einem gewaltigen Befreiungsschlag die Grenzen der konventionellen Oper und riß ungestüm ein Tor auf zu einer ganzen Welt, die er von Werk zu Werk mit immer mehr Farben und Tiefgang erfüllte.

Auch Franz (!) Konwitschnys Tannhäuser-CD ist ein Erlebnis, durch den Orchesterklang. Sehr weich, sehr poetisch, das Blech ist geschmackvoll zurückgenommen. Schon in der Ouvertüre gibt es viele behutsame Stimmungswechsel. Man begreift nicht, warum der Tannhäuser oft so grob polternd klingt. Wagners Partituren haben noch ganz andere, feinere Facetten zu bieten.

Auch die Sänger passen sehr gut dazu. Elisabeth Grümmers edle, reine Elisabeth, Dietrich Fischer-Dieskaus balsamischer Wolfram, entsandt von der Meisterklasse für Schubertlieder. Gottlobs Fricks machtvoller schallender Landgraf. Fritz Wunderlich, unverkennbar, gefühlvoll strahlend in der winzigen Nebenrolle des Walther von der Vogelweide. Leider völlig daneben ist Hans Hopf als Tannhäuser. Er brüllt zu laut und dröhnt grob, in schlechtester Tradition. Wenn man andere, differenzierte Solisten im Ohr hat, Wolfgang Windgassen oder René Kollo, ist es unerträglich. Da der Komponist wollte, daß der innerlich zerrissene Titelheld sängerisch oft präsent ist, leidet darunter die ganze Aufnahme. Ansonsten ist es sehr empfehlenswert.

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Karajans Rheingold-Aufnahme

Aus der Summe aller vorhandenen Interpretationen entsteht im Lauf vieler Jahre ein idealer Gesamtklang, den man im Ohr behält und der ein Maßstab wird, für alle anderen.

Danach hat jede Wagner-Aufnahme Stärken und Schwächen. Ihre Qualität mißt sich daran, ob sie einerseits dem persönlichen Ideal nahe kommt oder – ob sie Gültigkeit hat als souveränes, eigenständiges Kunstwerk.

Wagners “Rheingold”. Vor 36 Jahren, im Jahr 1968, verfügte Karajan bereits über alle Möglichkeiten, im Studio jede akustische Wirkung nach seiner persönlichen Vorstellung zu erzeugen. Daraus entstand hier ein ganz ungewohnter, überraschender Wagnerklang. Das ist sehr hell, sehr leicht, sehr durchsichtig, von leuchtender, verführerischer Schönheit, die manchmal in ätherische Höhen aufsteigt. Das Orchester ist zwar voll hörbar, aber so stark zurückgenommen, daß die Stimmen ganz in den Vordergrund treten. Und was für Stimmen!

Dietrich Fischer-Dieskau, sicher kein typischer Wotan, dröhnt nicht herum, sondern präsentiert die feinen Nuancen seiner berühmten Liederabende. So schlank und textlich ausgefeilt hat man das noch nie gehört. Josephine Veasey (Fricka) keift weniger schrill als üblich, und die Rheintöchter klingen gar nach edelstem Luxus.

Auch die Kontraste sind deutlich herausgearbeitet. Zoltan Kelemen (Alberich) giftet mit schneidend scharfer, grell dämonischer Bosheit. Mime ist ein virtuos schillerndes Kabinettstück von Erwin Wohlfahrt. Die Riesen von Martti Talvela (Fasolt) und Karl Ridderbusch (Fafner) setzen markige Akzente. Die prägnanten Einzel-Charaktere sind dramatisch, lebhaft gegeneinander gesetzt, mit dem Ergebnis einer stürmischen Hochspannung.

Am allerbesten ist Gerhard Stolze als feuriger Loge. So brüchig, so abgefeimt, so schillernd zwischen glitzernder Freundlichkeit und lauernder Hinterlist hört man das nur hier. “So weit Leben und Streben in Wasser, Erde und Luft…” Den hymnischen Gesang auf die Allmacht der Liebe vergißt man nie, wenn man ihn einmal so eindringlich gehört hat. Dieser Loge prägt die ganze Aufnahme, ist auch zu Recht, im Hintergrund der wahre Leiter des ganzen Geschehens.

Es handelt sich wohl um Karajans beste Wagner-Aufnahme und vielleicht auch um die schönste Rheingold-Interpretation. Alles darin erscheint ganz ungewohnt, wie von hellem Licht durchflutet. Die Glanzstücke des Werks werden wirkungsvoll gesteigert, vom gleißenden Aufleuchten des Goldes bis zum schmetternden, trügerisch funkelnden Einzug in Walhall.

Wer den Ring immer als zu schwer und dunkel empfand, hier wird er vom Gegenteil überzeugt. Das gibt es auch – einen mediterranen Belcanto-Wagner für hartnäckige Wagner-Feinde, Karajan sei Dank.

 

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