Lauritz Melchior – als Siegfried, Siegmund, Tannhäuser, Tristan, Parsifal, Lohengrin

Lauritz Melchior (1890-1973) ist wohl einer der bedeutendsten Wagnersänger aller Zeiten. Trotz eingeschränkter Klangqualität ist seine Diskographie sehr umfangreich. Hier folgen jetzt einige Gesamtaufnahmen, die einen Eindruck dieser Stimme festhalten.

Siegfried, 30.7.1937

Metropolitan Opera, Dirigent Arthur Bodanzky

Die Naxos-Bearbeitung dieser berühmten Rundfunk-Aufnahme wurde vom preisgekrönten amerikanischen Restaurator Ward Marston betreut.

Erfreulicherweise hat man die realen Grenzen der Aufnahmetechnik vor 65 Jahren nicht einfach mit dem großen Besen wegpoliert. Stereophone Wunderklänge darf man also nicht erwarten, doch vor allem der Eindruck der großen Stimmen ist frisch, plastisch, textverständlich. Ein Wagnergesang aus fernen Zeiten, von dem man heute nur noch träumen kann.

Es tönt durchweg unangestrengt, wie selbstverständlich. Friedrich Schorr (Wotan) mit imponierender schwarzer Bass-Fülle und majestätischem Gestus. Emanuel List (Fafner), der ein Jahrzehnt vorher unter Karl Muck einen unvergeßlichen Gurnemanz aufnahm, ist etwas zu blass und leise bei seinem kurzen Auftritt. Alberich (Eduard Habich) bietet eine spannende, scharf gezeichnete Charakterstudie, und das durchdringende Gequengel von Mime (Karl Laufkötter) nervt gelegentlich. Der Waldvogel (Stella Andreva), die erste weibliche Stimme nach zwei Stunden maskuliner Imponiergebärden, zwitschert so lieblich, wie Wagner es vielleicht auch gemeint hat. Erda (Kerstin Thorborg) verströmt tiefe weltenferne Resignation. Über den Orchesterklang unter Artur Bodansky ist nichts Aufregendes zu vermelden.

Die Jahrhundertstars finden sich in der großen Schlußszene. Lauritz Melchior hat nicht nur üppige heroische Stimmgewalt, sondern viele empfindsame Zwischentöne. Innig und wehmütig im Waldweben, mit verwehenden Piani, hat er schließlich noch alle auftrumpfende Heldenkraft, um der dunkel getönten Melancholie von Kirsten Flagstad triumphal zur Seite zu treten.

Walküre 6.12.1941

Metropolitan Opera, Dirigent Erich Leinsdorf

Friedrich Schor muß als Wotan nicht auftrumpfen. Das gewaltige Stimmaterial läßt wie von selbst die monumentale Herrschergestalt wirken. Der große Monolog ist auch in den leisen Passagen sehr textverständlich, eine düstere Vision des Weltuntergangs. Bei Wotans Abschied steigert er sich noch mühelos in frei strömende Klanggewalten, unterstützt von einem entfesselten Orchester.

Kerstin Thorborg mildert Frickas gellende Vorwürfe durch warme Mezzotöne. Der gefürchtete, erbarmungslose Streit bekommt dadurch eine gewisse Würde.

Helen Traubels mystisch verhangene, in der Mittellage aufblühende Brünnhilde klingt in den zahlreichen Spitzentönen etwas scharf, so daß hier der einzige Vorbehalt in der Gesamtaufnahme anzumerken ist.

Alexander Kipnis (Hunding), ein tiefschwarzer, expressiver Baß, sorgt für grollende, ungemütliche Zwischenrufe.

Höhepunkt des ganzen sind die beiden Wälsungen. Es ist das umjubelte Debüt von Astrid Varnay Sieglinde). Eine geheimnisvoll raunende Stimme, bei der die Reserven für größere Aufgaben bereits hörbar sind. Ihr Weltruhm begann an diesem Abend (als Einspringerin für die erkrankte Lotte Lehmann).

Lauritz Melchior (Siegmund) – strahlend in den großen heldischen Passagen, aber auch fast übergangslos präsent in den stillen Augenblicken der Wehmut und Trauer. Der Schwertmonolog fegt alle Grenzen zur Seite, allein die beiden durchdringenden Wälse-Rufe (zweimal elf Sekunden) sind elementare Klangereignisse aus fernen Zeiten.

Trotz digitaler Überarbeitung (Naxos-Version 2000) lassen sich die Grenzen der damaligen Aufnahmetechnik auch hier nicht vertuschen, aber der Orchesterklang ist farbig aufgefächert, von Erich Leinsdorf zügig dirigiert. Die Sänger leben förmlich in der archaischen Sagenwelt des Wunderwerks. Fast immer klingen ihre Stimmen mühelos, unangestrengt, mit großen dramatischen Bögen. Ein möglicher Grund: Damals stolperte man noch nicht von einem Termin zum nächsten und ließ die Stimme allmählich, in Ruhe reifen. Das Ergebnis, zumindest hier: Wagner auf allerhöchstem Niveau.

Gemessen an der lupenreinen, technisch makellosen Digitaltechnik unserer Zeit sind die frühen historischen Tonaufnahmen oft eine archäologische Expedition, die Reise in eine ferne Vergangenheit. Es bedeutet aber auch die Entdeckung grandioser musikalischer Leistungen, die vieles übertreffen, was heutzutage zu hören ist, gerade im schwierigen Wagnerfach.Zum Gedenken an einen der bedeutendsten Wagnersänger des letzten Jahrhunderts, Lauritz Melchior, hier noch ein Hinweis auf vier seiner wichtigsten Gesamtaufnahmen.

Seine beste Zeit lag vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Von den heute Lebenden wird ihn wohl kaum noch jemand live auf der Bühne erlebt haben. Doch die akustischen Aufzeichnungen dieser Ausnahme-Stimme sind unbestechlich, trotz aller technischen Mängel.

Solch einer wuchs bisher nicht nach. Das schmälert keineswegs die Leistungen der bedeutenden Gegenwarts-Sänger. Aber man höre im Vergleich diese mächtige Stimme, die auch im feinen, verhallenden Piano noch alle Register der expressiven Gestaltung beherrschte.

Tannhäuser, 4.1.1941

Metropolitan Opera New York, Dirigent Erich Leinsdorf

Gebhardt-Version 1999

Erich Leinsdorf dirigiert zügig, das Orchesterbild ist klar und durchsichtig. Die Chöre schallen weiträumig hallend, beim Einmarsch der Festgäste mit deutlichem amerikanischem Akzent.

Die lyrischen und romantischen Elemente der Partitur werden stark betont. Nur das große Bacchanale klingt hölzern und nicht sehr sinnlich, es bleibt bei einem kalten Flimmern und Flackern. Aber zu dieser später eingefügten Musik haben auch andere keinen rechten Zugang gefunden.

Zur unterkühlten Ekstase paßt außerdem nicht die mütterlich warme Stimme von Kerstin Thorborg als Venus. Der Hörer ist schließlich wie Tannhäuser dankbar und froh, beim Verlassen des ungemütlichen Zauberbergs.

Als Elisabeth dämpft Kirsten Flagstadt ihre kraftvollen Isolde-Töne und gibt der Rolle einen reifen melancholischen Grundton, bei dem das abschließende Gebet ganz innig und weltenfern verklingt.

Auch Herbert Janssen ist ein Wolfram ohne laute Töne. Seine herbe, klare Stimme charakterisiert treffend den enttäuschten Minnesänger.

Der Landgraf klingt ungewohnt blass. Die mattgewordene Stimme von Emanuel List hatte damals ihre besten Jahre schon hinter sich. Aber es ist auch nur eine recht kleine Partie, so daß sie die Wirkung der anderen Sänger nicht stört.

Die anspruchsvolle, schwierige Titelrolle wurde von einigen Wagnersängern wegen extremer dynamischer Kontraste gemieden. Lauritz Melchior beginnt mit ausdrucksvollen weichen Piani, aber schon der Wechsel zu den Ausbrüchen der ersten Venushymnen ist schroff. Auch die übrige Darstellung wirkt unausgeglichen, der berühmte Sänger ist bei den heftigen Stimmungswechseln überanstrengt und kommt immer wieder an stimmliche Grenzen. Im Sängerkrieg klingt er matt, die Spitzentöne werden mühsam gepreßt. In früheren Jahren konnte Melchior als voll tönender Jung-Siegfried oder Siegmund aus schier unbegrenzten Reserven schöpfen. Hier findet er zwar halblaute Klänge stiller Trauer, ist aber bei lauteren Tönen deutlich überfordert. Das gilt auch für den gefürchteten Prüfstein des Werks, die dramatische Romerzählung.

Fazit: Dass Melchior im Jahr 1941 nicht mehr seine ganze Stimmkraft zur Verfügung hatte, war eine natürliche Alterungserscheinung und genauso auch eine Frage der Tagesform.

Damals – war das Stimmaterial nicht grundsätzlich besser, sondern – der Umgang damit.

Die höhere Qualität war eine Frage der behutsamen Stimmreifung und der Gestaltung.

Dazu gehörte die Fähigkeit, auch großen, ausladenden Stimmen zarte Nuancen zu entlocken und eine differenzierte Gestaltung der Zwischentöne. Die Konzentration und Intensität der Interpretation war damals auf einem höheren Niveau, also die geistige Durchdringung des Textes und des gesamten Werks.

Tristan und Isolde

Covent Garden 18./22.6.1937, Dirigent Sir Thomas Beecham.

(Archipel-Version 2002)

mit Kirsten Flagstad und Lauritz Melchior in den Titelrollen, Margarete Klose/Karin Branzell (Brangäne), Paul Schöffler/Herbert Janssen (Kurwenal), Sven Nilsson (Marke)

Diese Aufnahme wurde früher von EMI einfach gemischt mit einem anderen Tristan (unter Fritz Reiner), laut Booklet “eines der skandalösesten Beispiele für Inkompetenz”.

Hier ist man sorgfältiger. Der Dirigent ist Sir Thomas Beecham.

Allerdings sind es zwei verschiedene Aufführungen, denn man hat jeweils zwei Sänger für Brangäne und Kurwenal. Klose und Janssen singen Akt 1 und 2 (am 18.6.), der Rest kommt von Branzell und Schöffler (letzterer ist recht unausgeglichen).

Die Textverständlichkeit ist gut, die klangvollen Stimmen haben insgesamt das hohe Niveau der damaligen Zeit. Dazu gehört auch der grollende schwarze Bass von Sven Nilsson (Marke)

Kirsten Flagstads Isolde ist wieder einmal gedämpft melancholisch und eindringlich vor allem in der langsamen dunklen Mittellage, also mehr nachdenkliche Philosophin als überschwenglich Liebende.

Beecham, damals häufig als Wagnerdirigent im Einsatz, dirigiert hitzig und temperamentvoll.

Ein Grund reiner Freude ist Lauritz Melchior, der seiner gewaltigen Stimme diesmal ganz mühelos faszinierende Zwischentöne entlockt. Text und Musik werden in feinen Klangfarben gestaltet oder auch mit großer emotionaler Geste zelebriert. Die verwehenden Piani in der “Nacht der Liebe” kommen genauso stark herüber wie die heftigen Ausbrüche des langen Todesmonologs.

Das akustische Klangbild der Aufnahme ist allerdings etwas mulmig, bei Spitzentönen (Sopran) scheppert‘s auch. Also nicht unbedingt etwas für Anhänger reiner digitaler Klangfluten. Auch die freimütige Striche in der Partitur waren damals üblich, sind aber für Puristen heute wohl ein Ärgernis.

Parsifal, 15.4.1938

Metropolitan Opera New York, Dirigent Erich Leinsdorf

2. Akt (vollständig), Schluß 3. Akt

Trotz allem Knistern und Rauschen dominiert ein plastisches Klangbild. Die Stimmen sind sehr textverständlich, dabei ist das Orchester deutlich zu hören. Erich Leinsdorf dirigiert feurig, spannungsgeladen.

Arnold Gabor (Klingsor), mit aufwallender, machtvoller Stimme reiht sich würdig ein, in die große Reihe der anderen Sänger dieses finsteren Zauberers. Die einzelnen Stimmen der Blumenmädchen sind gut zu unterscheiden, auch wenn die Aufnahmetechnik in der Höhe scheppert.

Herbert Janssen (Amfortas) klingt in der Schlußszene einschläfernd, blass und erschöpft.

Kirsten Flagstadt (Kundry) gestaltet im zweiten Akt den Text klar und souverän, mit dunkel verhangener Melancholie, in den dramatischen Spitzentönen allerdings zu scharf.

An Ihrer Seite vernimmt man wohltuend Lauritz Melchiors archaische Stimmgewalt. Diese raunende, schwelgende Riesenstimme klingt sogar im verhallenden Piano sehr eindringlich. Im Forte ist das kein Gebrüll, sondern ein belebendes Naturereignis.

Besonders der vehemente Schluß, „Nur eine Waffe taugt !”, ist ein glanzvolles, in jeder Nuance faszinierendes Dokument dieses Sängers.

Gelegentlich kommt es jedoch zu einem leichten Spannungsabfall, begründet wohl durch die wechselhafte Tagesform.

Dieser Parsifal erreicht insgesamt nicht Melchiors andere Spitzenleistungen, vor allem nicht den erstaunlichen, maßstabsetzenden Siegfried in New York, am 30.7.1937, der schon weiter oben kommentiert wurde. Die ausladende, kräftezehrende Siegfried-Partie gelang ihm damals wie selbstverständlich.

Lohengrin, 27.01.1940

Metropolitan Opera, Dirigent Erich Leinsdorf

Gebhardt-Version 1999

Das Klangbild dieser Aufnahme ist zeitbedingt rauh, aber klar. Leinsdorf dirigiert wieder lebhaft, zügig und betont die hochromantischen Farben. Die Chöre verleugnen ihren amerikanischen Akzent nicht. Das fällt immer wieder auf, weil die vielstimmigen Kommentare des Chors das ganze Werk durchziehen.

Der Heerrufer (Leonard Warren) ist ein heller Bariton, sehr lebhaft und textverständlich. König Heinrich (Emanuel List) dagegen wirkt blass und müde. Auch Telramund (Julius Huehn) poltert recht farblos und langweilig herum.

Erst mit Elsas Traum kommt Freude auf. Elisabeth Rethberg erinnert an die beste Zeit der unvergessenen Elisabeth Grümmer. Eine empfindsame, wehmütige Gestaltung, die weniger für grandiose Stimmakrobatik steht als für tiefe Emotionen. Die dramatischen Ausbrüche liegen ihr nicht so sehr.

Ihre Gegenspielerin (Kerstin Thorborg) gebietet nicht über die scharfen Gesten der Ortrud, die düstere Dämonie und bitterböse Schärfe. Dafür ist die Stimme einfach zu edel und warmherzig, sie gerät hier an persönliche Gestaltungsgrenzen.

Zentrum der Aufnahme ist wieder Lauritz Melchior mit seinem imposanten vokalen Farbspektrum. Der schnelle Wechsel zwischen den Extremen, Lohengrins hohen und tiefen Tönen, stolzer heroischer Geste und inniger Sanftmut verlangt auch ihm einiges ab.

Noch in gedämpfter Ansprache zaubert er die feinsten Schattierungen, und in der Brautgemachszene entfalten sich erlesene Zwischentöne. Die Gralserzählung beginnt wie traumverloren, eine sehnsuchtsvolle Erinnerung, verliert aber seltsamerweise zum Schluß hin einiges an Spannung.

So ist das. Auch große Sänger sind nicht immer in bester Tagesform. Aber der weitaus überwiegende Teil dieser Lohengrin-Aufnahme zeigt, welche Maßstäbe für andere Sänger damals gesetzt wurden.

Als Bonus gibt es Tannhäusers Romerzählung vom 18.01.1936 unter der Leitung von Arthur Bodanzky. Das lohnt sich. Melchior ist hier auf dem Höhepunkt ungebändigter Kraft und zieht alle Register der Ekstase. Die Begeisterung wird nur gedämpft, für heutige Ohren, durch die recht scheppernde Tontechnik, bei dieser Einzelaufnahme.

Zur gelegentlichen Verklärung der historischen Sänger ist anzumerken, daß auch früher keinesfalls nur Spitzenkräfte auftraten, daß aber die begabten Einzelpersönlichkeiten über längere Zeiträume reiften, allmählich in die Rollengestaltung hineinwuchsen und deshalb oft gefestigter und eindringlicher wirken als viele schnell vermarktete und genauso rasch wieder verblühte Vokalsolisten der Gegenwart.

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