Lohengrin – Bayreuth 1991/ Herzog – Barcelona 2006 / Konwitschny – New York 1986 / Everding – Bayreuth 1982 / Götz Friedrich

Lohengrin Bayreuth 1991

mit Paul Frey, Cheryl Studer, Gabriele Schnaut, Ekkehard Wlaschiha, Manfred Schenk, Eike Wilm Schulte

Dirigent: Peter Schneider, Regie: Werner Herzog 215 Minuten

Zu den Sängern: Titelheld Paul Frey ist etwas blaß, ohne den hallenden, dahinströmenden Stimmglanz anderer Schwanenritter. Die anderen Sänger sind Spitzenklasse. Cheryl Studer mit leuchtenden Spitzentönen. Gabriele Schnaut als machtvolle Ortrud. Ekkehard Wlaschiha (Telramund) mit dämonischer Schärfe.
Peter Schneider dirigiert heftig, mit Feuer und Attacke, insgesamt ein wenig zu geschwind, so daß sich die feierlichen, silbern-entrückten Töne der Gralswelt nicht so recht entfalten können. Ohne die ruhige Verfolgung der subtilen Seitenlinien wird das Meisterwerk zeitweise sogar zu einer musikalischen Geduldsprobe.
Werner Herzog gestaltet winterliche Landschaftsbilder im Stil der Meister des 19. Jahrhunderts. Hier bekommt man eine ausgesprochen romantische Inszenierung zu sehen, nach Motiven von Caspar David Friedrich.
Es ist eine Wintergeschichte, in grauen, gedämpften Farben. Auch die Personen bewegen sich recht statuarisch. Wagners Farbpalette ist viel größer. Seine Bilder, seine großen pathetischen Gefühle verlangen nach visueller Kraft, sonst könnte man gleich eine konzertante Aufführung geben. Feuer und Temperament in den Wagnerwerken brauchen auch eindringliche, expressive optische Akzente.

Der historische Hintergrund des Werks ist die Zeit des beginnenden Hochmittelalters und des ersten deutschen Königs, Heinrich I., genannt der Vogler (876-936). Damals war noch kein Jahrhundert vergangen, seit der Epoche Kaiser Karls des Großen (747-814), der rücksichtslose Kriege gegen die Sachsen geführt hatte, um das Christentum gewaltsam in seinem Reich durchzusetzen.
Das Werk wird beherrscht vom Kontrast zwischen äußerer und innerer Welt. Die waffenklirrenden Aufmärsche kriegerischer Heere sind ein Teil der Wirklichkeit, der andere ist Wagners Lieblingsthema: Die alten Legenden, archetypische Urbilder, Magie und die Zeichen und Metaphern jenseits der Realität. Die Welt der Zauberin Ortrud, die noch den alten Göttern Wotan und Fricka anhängt, steht dabei im schroffen Kontrast zur christlichen Welt des silbernen Gralsritters aus einem „fernen Land, unnahbar euren Schritten.“
Dafür fand Werner Herzog folgende Bilder:

Erster Akt: Eine graue Winterlandschaft mit blattlosen Bäumen und einer fahlen Sonne in Nebelwolken. Die Kostüme zeigen mittelalterliche Einflüsse, zum Teil wirken sie aber auch zeitlos-archaisch-barbarisch. Der König trägt ein rotes Phantasiegewand. Ortrud mit roten Haaren und einem roten Kapuzenmantel, wirft stets stechende, giftige Blicke. Elsa erscheint mit schulterlanger hellblonder Perücke, in unschuldigem Weiß.
Der geheimnisvolle Auftritt des Schwanenritters ist sehr wirkungsvoll. Grünes Laserlicht flimmert. Um Lohengrins Silhouette, zunächst nur ein Schattenriß, drehen sich konzentrische Kreise. Silbergraue Wolkenbildungen schrauben sich spiralförmig zusammen und öffnen sich weit nach hinten, als ob man in das Auge eines Tornados blickt. Lohengrin, im hellblauen Kettenhemd, trägt ein gezacktes Flammenschwert.
Zweiter Akt: Der Mond leuchtet bleich über einem glitzernden Gewässer, mit den Ruinen einer mittelalterlichen Kirche. Dann wird es hell. Der musikalisch kunstvoll sich entfaltende, feierliche Brautzug ist leider nur ein einfallsloses Herumtreten auf der Stelle, dazu ist der Regie einfach gar nichts eingefallen.
Dritter Akt: In einer freien Gebirgslandschaft, umgeben von großen Felsbrocken, steht das silberne Brautbett, dessen Kopfende von einer großen Schwanenskulptur gebildet wird. Nicht weit entfernt ruhen schlafende Wölfe. Gestalten in Raubtierpelzen begleiten auch Telramund bei seinem Überfall auf das Brautpaar.
In der Schluss-Szene geschieht ein dramaturgischer Fehler. Ortrud und Elsa reichen sich die Hand. Das paßt nun wirklich nicht. Denn für die Versöhnung dieser beiden feindseligen, konträren Gestalten ergibt das Werk nicht die geringste Motivation.
Aber man sieht rasch über dieses Detail hinweg, denn das Schlussbild ist außerordentlich schön.

Bei Lohengrins Abschied flimmert wieder ein magisches grünes Licht. Wolkenbildungen kreisen spiralförmig. Der Schwan verwandelt sich in den verlorengeglaubten Herzog Gottfried. Und als Lohengrin verschwindet, ballen sich hellgraue Winterwolken zusammen. Die Menschen kauern sich frierend zusammen. Dichter Schnee fällt auf eine graue Landschaft mit kahlen Zweigen, ein poetisches Bild für die Kälte zwischen den Liebenden.
Die Vorstellungen gab es damals mitten im Bayreuther August. Wenn’s da plötzlich im Theater schneit, ist es um so bewegender. Die Liebe ist vorbei, die Kälte dringt in das Herz, und weiße Flocken fallen.
Werner Herzog gelang damit ein faszinierendes Schlußbild, das dem Inneren der Tragödie eine äußere Gestalt gibt und auch den fahlen, herzzerreißenden Schlußakkorden der Musik vollkommen entspricht.

Seit dem Tod Wieland Wagners (1966) hatte Bayreuth allergrößte Probleme, erstklassige Regisseure zu finden. Werner Herzog war eine dieser Hoffnungen, weil er bereits als Filmregisseur sehr erfolgreich war. Seine aufwändigen Kinofilme verwenden sehr exotische Schauplätze, zum Beispiel „Aguirre“ über das Schicksal der Inkas unter den spanischen Eroberern, „Fitzcarraldo“ über den Bau eines Opernhauses mitten im südamerikanischen Urwald).

Werner Herzog hätte auch aus dem Lohengrin besser gleich einen richtigen Kinofilm machen können, unter freiem Himmel, in alten Schlössern und Gemäuern usw.

Lohengrin

Gran Teatre del Liceu, Barcelona, Live-Aufzeichnung vom 24. / 27.6.2006

mit Emily Magee (Elsa), Luana DeVol (Ortrud), John Treleaven (Lohengrin), Hans-Joachim Ketelsen (Telramund), Reinhard Hagen (König Heinrich), Robert Bork (Heerrufer)

Dirigent: Sebastian Weigle, Inszenierung: Peter Konwitschny

2 DVDs, 223 Minuten

Zuerst zur Musik. Man hört angenehmen, textverständlichen, allerdings nicht außergewöhnlichen Gesang. Reverenz vor Emily Magee (Elsa), mit volltönender, melancholischer Stimme. Sie kann das. Aber warum macht sie eigentlich mit, bei dem restlichen Schnaps und Kokolores? Auch Luana DeVol ist eindrucksvoll, trotz fuchsroter Perücke und kurzem Schulmädchenkleid.

Hans-Joachim Ketelsen hat genau die fahle, dämonische Schärfe des Grafen Telramund, wirkt aber lächerlich im schwarzen Sakko, mit kurzer Pennäler-Hose und schwarzen Kniestrümpfen. Auch Reinhard Hagen ist ein sonorer, überzeugender König. Wenn nur seine goldene Pappkrone nicht wäre.

John Treleaven (Lohengrin) wirkt etwas fade, farblos, mit blauer Schärpe als Schützenkönig hervorgehoben. So passt er allerdings genau in das Konzept. Denn Graf Schwanenritter ist diesmal kein rettender Befreier, sondern er wirkt wie ein ältlicher, lästiger, etwas belämmerter, jedenfalls langweiliger Eindringling. Wer hätte das gedacht?

Die Chöre sind exzellent, allerdings müssen sie ständig rennen, hüpfen, sitzen, laufen, laufen und mit Kinderholzschwertern winken. Das lenkt massiv von der Musik ab.

In dem ablenkenden szenischen Wirrwarr bringen die Sänger ihre Auftritte professionell, aber herausragend oder begeisternd klingt da gar nichts. Das Schlimmste: Die ständige Unruhe lässt kalt.

Doch  die Partitur  ist für das aufdringliche Regietheater sowieso nicht die Nummer Eins, sondern sie hat sich den inszenierenden Selbstdarstellern und den quälenden Privatproblemen der Theatermacher gefälligst unterzuordnen.

Dirigent Sebastian Weigle verschmäht den langweiligen Frack, dafür trägt er eine Art schwarzen Schlafanzug zum Einschlafen.  Aus dem Orchester schallt ein robustes, monochromes Dirigat. Vielleicht sollte er einmal eine rumpelnde Geröll-Lawine dirigieren. Bei Katharina Wagners konfusen Schulparty-Meistersingern ist er ja auch dabei. Die Szene kennt sich untereinander. Verschwörungstheorien sind da überflüssig.

Vielleicht inspiriert man sich gegenseitig, mit allerlei dösigem Schnickschnack aus dem Gemüseladen mit Sauerkraut. Doch die Musik ist dabei nicht so wichtig. Denn eigentlich geht es um ein berüchtigtes, schrilles Regie-Konzept – von… – na ja, wir haben es vergessen. Zertrümmern. Dekonstruktion. Zu Kleinholz zerlegen. Die schrillen Theatermacher reagieren ihren öden Gartenlauben-Frust am Publikum  ab. Und wir laden unsere erhabene Wut genauso bei ihnen ab. Das ist ein gegenseitiges Nehmen und Geben.

Der wichtige Unterschied: Wir zahlen Eintritt, um eine gute Opernaufführung zu sehen, und sie stecken die fette Kohle ein. Das ist ungerecht.

Der Murks von Barcelona spielt tatsächlich in einem strengen Klassenzimmer, mit erhobenem Zeigefinger, ohne dass bei der Belehrung etwas Gescheites herauskommt, wie damals in der verdorrenden DDR. Die öde Schulklasse nervt vier Stunden lang, als Einheits-Bühnenbild.

Die Ausstattung ist handwerklich gut gearbeitet (wie Katharina Wagners Bayreuther Meistersinger-„Kunstakademie“ ). Das Klassenzimmer mit den altertümlichen Holzbänken hat eine düstere Atmosphäre, auch die naiven Schuluniformen mit den kurzen Hosen sind putzig. Die atemlose Personenführung ist turbulent, ständig passiert etwas Witziges. Es geht um pubertäre Schülerkonflikte.

Aber bald stellt sich die Frage: Was hat das alles mit dem Text und der Musik zu tun? Die erschütternde Antwort lautet: Gar nichts.

Denn wir erinnern uns: Auch Erich Kästners lustiger Klassiker vom „Fliegenden Klassenzimmer“ ist ein gutes Kinderbuch, aber keineswegs von Richard Wagner. Konwitschnys Klassenlehrer ist König Heinrich Hampelmann, mit einer billigen goldenen Pappkrone, wie aus dem nächsten Schnellimbiss ( „Kunde des Monats“ ). Dazu Elsa Schleifenzöpfchen, porzellanblond, in strenger Schul-Uniform. Sie streitet mit ihrer schrillen Schulkameradin Ortrud Finsterling, diesmal fuchsrot, das notorische Klassen-Biest.

Zum Brautchor spielt das verliebte Schülerpaar mit verbundenen Augen Hasch-Mich und Blindekuh. Das erzeugt einen Brechreiz. Ringsum hölzerne Schulbänke. Würg ! Und am Ende steht mitten im Klassenzimmer plötzlich ein weißes Brautbett. Ächz !

Beim entsetzlichen Finale sehen wir Lohengrins einschläfernden Abschied, er mit einem offenem Freizeithemd, das schlodderig über die Hose schlabbert. Gruselig.

Diese Trostlosigkeit wird konsequent durchgehalten, bis zum bitteren Ende. Der leuchtende Glanz der Partitur verwandelt sich in intellektuell verkopften Gedankensalat, mit dem erhobenen Zeigefinger von Altvater Bert Brecht.

Das also ist der berüchtigte Klassenzimmer-Lohengrin. Ausgelassene Schüler. Papierflieger flitzen durch den Raum. Durchwachsener Käse. Ein Sammelsurium von Albernheiten.

Kinderkarneval, Pennälerscherze – wie bei Katharinas Meistersingern. Da gibt es einige Parallelen. Sie hat in Berlin Theaterwissenschaften studiert, wo auch ein bekannter Operndramaturg seine Fäden spinnt. Die Atmosphäre beider Inszenierungen (Lohengrin gegen Meistersinger ) ist zutiefst vergleichbar.

Nur eine Kleinigkeit wird dabei ganz übersehen: Dialoge, Ort und Handlung des Librettos erzählen eine völlig  andere Geschichte. Musik und Text laufen beziehungslos neben der Inszenierung ab, und sie haben überhaupt nichts miteinander zu tun.

Der Versuch, diese zweifelsfreie Erkenntnis durch eine agitatorisch hämmernde Gehirnwäsche zu vernichten, erzeugt peinigende, beklemmende Langeweile.

Die lächerlichen Holzschwerter, die bunten wilhelminischen Studentenmützen – mit dem ollen Kaiser Wilhelm hat dieses kraftvolle Königsdrama überhaupt nichts zu tun, das Wagner ganz konkret im Mittelalter angesiedelt hat, in der Zeit von König Heinrich dem Vogler ( 876 – 936 ) .

Darum scheren sich die Theatermacher überhaupt nicht. Alle knalligen Regie-Einfälle sind dem Stück willkürlich aufgepfropft, gewaltsam übergestülpt.

Eben – Regietheater.

Am 18.1.1998 war die Premiere dieser Verballhornung in Hamburg. Acht Jahre später, im Jahr 2006 jubelten die Spanier tatsächlich immer noch über den albernen Klassenzimmer-Lohengrin. Denn sowas hat die Welt noch nicht gesehen – in Barcelona.

Wir wenden uns mit Grauen ab. Diese Doppel-DVD kann man jemand schenken, den man nicht leiden kann. Rausgeschmissenes Geld ist es aber nicht. Denn an diesem verschrobenen Klassiker kann man gut die Strukturen des Regietheaters studieren.

Denn was in dem dampfenden Krampf völlig verloren geht, ist das Geheimnisvolle, Sehnsüchtige, Verträumte und Prunkvolle dieser Musik, die gedankenvolle Tiefe, das episch Märchenhafte des mittelalterlichen Stoffs. Stattdessen glotzt man fast vier Stunden auf ein nüchternes, langweiliges Schulkombinat und erinnert sich an die untergegangene „Freundschaft mit der Sowjetunion“.

Vernichtet wird dabei das überreiche Material des Mythos, der Allegorien und Metaphern. Die silberne Melancholie, die großen schwelgenden Emotionen verdorren als wuseliger Schülerklamauk und gefrieren zum leblosen Eisblock.

Übrig bleibt der belehrende Sozialismus – eine einzelne Idee, eine Ideologie erzwingt die Unterordnung der Partitur, deren Text ganz andere, konkrete Hinweise enthält, die hier völlig ignoriert werden.

Lohengrin, New York 1986

mit Eva Marton, Leonie Rysanek, Peter Hofmann, Leif Roar

Dirigent: James Levine, Regie: August Everding

James Levine dirigiert breit, ausladend, wogend, schwelgend, der Klang ist von tiefer innerer Spannung erfüllt. Die Chöre klingen kraftvoll, aber etwas flach.

Anthony Raffell (Heerrufer) fällt auf durch knappe, markige Auftritte. John Macurdy (König Heinrich) gefällt mit sonorem Timbre. Leif Roar als Telramund ist sehr eindringlich, ein Vorbild an feiner Charaktergestaltung. Die große Leonie Rysanek tritt hier auf als Ortrud ! Die Eingangsszene zum zweiten Akt gestaltet sie mit vielen Zwischentönen. Ortrud erscheint hier nicht eindimensional, als schneidend scharfe Rächerin, sondern als empfindsames, von Visionen und Ängsten schmerzgepeinigtes Wesen. Sogar die gellenden Spitzentöne zum Schluß gelingen mühelos.

Eva Marton (Elsa), in weißem Nonnengewand, betont weniger das naive Unschuldslamm, sie ist eine energisch fordernde Mahnerin. Auch Marton versteht sich auf dezente Pianotöne, aber immer wieder bricht vulkanisch das hochdramatische Naturell durch.

Peter Hofmann leuchtet als weißer Schwanenritter, er prunkt in dieser Aufführung mit phantastischem Stimmaterial, einer hell lodernden Stimme. Das war 1986, als er auch den Bayreuther Tristan sang, von Vorstellung zu Vorstellung in völlig unterschiedlicher Verfassung  Hier ist er souverän, voll strahlender Kraft. In der Brautgemachszene gelingen ihm schmelzende Kantilenen von großer Innigkeit. Eine reife, eindrucksvolle Leistung, gekrönt von einer traumverlorenen, innigen Gralserzählung.

August Everdings Inszenierung respektiert erwartungsgemäß das Werk, aber es fehlt leider der große Schwung. Umständliche, konventionelle Tableaus und eine steife Personenführung werfen die Frage auf, ob Oper wirklich so sehr von vorgestern sein muß. Natürlich ist es nicht so geschmacklos wie die Entgleisungen der pseudomodernen Werkzertrümmerer, aber die Handschrift eines großen Meisters fehlt. Die Bilder verharren oft an einer bunten, zu naiven Oberfläche.

Die altbackene Ausstattung von Ming Cho Lee ist ein Stilgemisch aus mittelalterlichen und anderen unbestimmbaren Elementen. Dunkelblau wogende Wolkengebilde füllen im ersten Akt den ganzen Bühnenhintergrund aus und leuchten bei Lohengrins Auftritt geheimnisvoll hell auf. Weiterhin dominieren aufgeschichtete klobige Palisadenblöcke in altnorwegischer Manier, das Heer trägt stilisierte Stahlhelme wie zu Kaiser Wilhelms Zeiten. Der wirkungsvolle Chorauftritt vor dem Münster wird glatt verschenkt, es bleibt ein unbeholfenes Tappen und Schlurfen mit vielen Statisten und blumenstreuenden Kindern, das sich umständlich zu steifen Tableaus aufbaut. Das Hochzeitsbett ist eine efeuumrankte Kitsch-Laube, die beiden Brautleute mit ihren langen weißen Nachthemden wirken steif und  urgroßväterlich.

Trotz all dieser Einschränkungen – es wird  niemals massiv gegen das Werk inszeniert. Der Gesamteindruck ist durchaus stimmungsvoll und läßt der Atmosphäre des Werks ihre Würde. In manchen Augenblicken ist es sogar eine Aufnahme zum Träumen und von allen tatsächlich vorhandenen Lohengrin-DVDs derzeit wohl die beste.

Lohengrin, Bayreuth 1982

mit Peter Hofmann (Lohengrin), Karen Armstrong (Elsa), Elizabeth Connell (Ortrud), Leif Roar (Telramund), Siegfried Vogel (Heinrich), Bernd Weikl (Heerrufer)

Dirigent: Woldemar Nelsson, Inszenierung: Götz Friedrich

2 DVDs, 200 Minuten

Schon während des Vorspiels schleicht Elsa kreuz und quer herum, mit betretener Miene. Hier hätte die sphärenhafte Musik völlig ausgereicht. Karen Armstrong hat leider nur begrenzte schauspielerische Fähigkeiten. Sie tastet in einem billigen weißen Nachthemd unbeholfen herum, auch ihre eindimensionale Stimme hat wenig Märchenzauber.

Ihre Gegenspieler Leif Roar (Telramund) und Elizabeth Connell (Ortrud) dagegen bellen schneidend scharf, fuchteln mit bösen Gesten und haben die angemessene finstere Ausstrahlung für diese beiden Nachtgestalten. Siegfried Vogel (König Heinrich) verbreitet leider die Aura eines gepflegten Langweilers, genauso auch der säuselnde Kavaliersbariton von Bernd Weikl (Heerrufer).

Punktscheinwerfer konzentrieren alle Aufmerksamkeit auf Elsa bei ihrem dreifachen Ruf nach dem fernen Retter. Schließlich erscheint vor glitzernden Wasserwellen und einer düsteren Vollmondscheibe Peter Hofmann (Lohengrin), in glitzernder Silberrüstung auch optisch die Vision eines blonden Schwanenritters mit wallendem, schulterlangen Haar. Mit zeitlupenhaften, pathetischen Gesten bleibt er immer im Rahmen des Geschmackvollen. Damals war er bestens bei Stimme und kostete alle Nuancen der schwierigen Partie aus, zwischen traumverlorener Sehnsucht und energischen Kraftausbrüchen.

Woldemar Nelsson dirigiert zügig und dramatisch, aber ohne romantische Akzente. Da fehlen einige leuchtende Farben des Werks.

Die Inszenierung spielt sich meist vor einem düsteren, finsteren Hintergrund ab. Man sieht kunstlose, historisierende Kostüme. Die helmbewehrten Heere und „das Volk“ stehen unbeweglich auf schmucklosen, langweiligen Treppenstufen oder sie marschieren steif herum. Dabei umklammern sie senkrecht gehaltene Speere. Das ergibt den Eindruck eines bedrohlichen Lanzenwaldes. Eine gute Idee, die aber im Lauf des Abends durch ständige Wiederholung ihre Wirkung verliert.

Die Bildwirkungen sind zu einseitig und begrenzt, es gibt viel zu wenige Akzente und Stimmungswechsel für diese leuchtende, schwelgende Musik.

Wie man so etwas macht, zeigt seit acht Jahren die Münchner Tristan-Inszenierung (auch auf DVD erhältlich): Ein Rausch von kräftigen Farben und starken Bildern, die sich überreich von Assoziationen des Textes und der Musik nähren.

Bei Götz Friedrich jedoch ist auch im zweiten Akt alles viel zu dunkel. Punktscheinwerfer, einzelne blaue und rotgelbe Balken durchschneiden die Finsternis, geometrische Formen dominieren.

Bei Elsas Gang zum Münster wird es in der Mitte etwas heller, für eine Kitsch-Orgie mit blumenbekränzten Brautkindern und erhaben schreitenden Minnefrauen in pseudo-mittelalterlichen Gewändern. Das alles ist weit entfernt von der tatsächlichen, farbenglühenden Prachtentfaltung der ritterlichen Jahrhunderte, die Wagner so sehr liebte.

Das Bett im dritten Akt ist ein riesiges, kopfloses Schwanengefieder, mit ein paar roten Rosen, die aus der Ferne wie Blutflecken aussehen. Von der Decke hängen viele Eiszapfen (oder Gitterstäbe, Speere?) bedrohlich herab. Eine recht aufdringliche Symbolik. Die langen Großmutter-Nachthemden des Brautpaars wirken komisch. Das Streitgespräch leidet unter den begrenzten mimischen und stimmlichen Möglichkeiten von Karen Armstrong.

In der Schluss-Szene schaut König Heinrich betroffen auf die Überreste des Schwanengefieder-Brautbetts, die man grau zerfleddert vor ihm ausgebreitet hat. Lohengrin hatte sicherheitshalber im Reisegepäck eine pechschwarze Ritterrüstung mitgebracht, so dass jetzt alles immer dunkler und trostloser wird. Selbst der musikalische Glanz der schwelgenden Gralserzählung vermag die Gemüter nicht mehr aufzuhellen, und man ist froh, als es endlich vorbei ist. Glanzvoll allerdings sind die kurzen Schlußmomente, wenn der Abschied nehmende Gralsritter vor glitzernden Wasserwellen und einer düsteren Vollmondscheibe aus der realen Welt verschwindet.

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