Tannhäuser – Metropolitan Opera 1982 / Otto Schenk,

Tannhäuser, Metropolitan Opera 1982

mit Eva Marton, Tatjana Troyanos, Richard Cassilly, Bernd Weikl, John Macurdy

Dirigent: James Levine

Regie: Otto Schenk, Ausstattung: Günther Schneider-Siemssen

Die Bildqualität der DVD ist gut, auch der Klang. Man kann 33 Einzelszenen direkt ansteuern, alles zusammen dauert 176 Minuten. Werkgetreu, bunt, kitschig und altmodisch, so etwas erwartet mancher vielleicht bei Otto Schenk. Aber so einfach ist es nicht. Die Ausstattung zeigt einige Märchenelemente und phantasievolle Verwandlungen.

Das Drama beginnt im ausladenden Makart-Stil. Das Bacchanale ist üppig ausgestattet, zwar ohne drastische erotische Einlagen, dafür erlebt man eine klassische, vergeistigte Sinnlichkeit. Im Venusberg dominieren naturnahe Räume in grünen Farbtönen, die sich in der Weite verlieren. In der Wartburg erfreuen, wie in einem alten Ritterfilm, hohe Säulenfenster, festliche Flaggen und große Wandgemälde, dazu rauschen prunkvolle, goldglitzernde mittelalterliche Gewänder. Über dem Schlußchor in freier Landschaft wölbt sich ein geheimnisvoller, tiefblauer Himmel mit kosmischen Wolkenerscheinungen. Die Regie nimmt das Stück ernst. Keine chaotischen Einfälle lenken ab von der Schönheit dieses Meisterwerks, dessen tiefere Deutung sich jeder vernünftige Mensch aus dem Libretto selbst erschließen kann. Denn die reiche Gedankenwelt darin ist äußerlich sowieso nicht sichtbar – die unaufhörliche Spannung zwischen Geist und Körper und deren Auflösung in der Transzendenz.

Das ist ein Lebensthema Wagners, schon in diesem frühen Werk, genauso wie im Schlußwerk Parsifal. Auch musikalisch stimmt alles. Tatiana Troyanos erfreut als warmherzige Venus mit dunklem Mezzofeuer. Eva Marton, die später schwere Kaliber wie Ortrud und Turandot sang, überrascht  als furiose, hochdramatische Elisabeth mit flachsblonder Perücke. Bernd Weikl (Wolfram) verströmt balsamischen Wohlklang, voll im Saft seiner besten Jahre, und auch die anderen Sänger haben ein hohes Niveau.

Der Dirigent James Levine kostet meditativ die Fülle der orchestralen Details aus, aber er schleppt keineswegs. Als Zuhörer wird man bewegt, inspiriert und kommt bei vielen Einzelheiten angenehm ins Träumen. Faszinierender Glanzpunkt und Zentrum der Ereignisse ist Richard Cassilly als Tannhäuser. Die Stimme ist hell und nicht sehr voluminös, aber die Hitze und Intensität der Darstellung vermittelt einen starken, unvergeßlichen Eindruck von dieser schwierigsten aller Wagnerpartien. Man bangt, ob er die vokalen Exzesse bis zum Ende durchsteht. Aber sogar die schwierige Rom-Erzählung gelingt noch in höchster Ekstase. Er durchfiebert förmlich die extremen Ausbrüche des rastlosen Titelhelden. Stimmlich und auch darstellerisch ist das eine Ausnahme-Leistung, von tiefer künstlerischer Wahrhaftigkeit.

Ein Teil der großen Opernliteratur von Monteverdi bis Richard Strauss ist mittlerweile durch faszinierende Musterinszenierungen auf DVDs dokumentiert. Doch bei Richard Wagner gibt es nur wenige vorbildliche Aufzeichnungen. Die meisten Regisseure sind damit hoffnungslos überfordert. Die Palette reicht von stilistischer Hilflosigkeit bis zu demonstrativer Willkür. Kaum jemand ist dem komplexen Anspruch dieses großen Musikdramatikers gewachsen, obwohl die oberflächliche Hülle seiner Handlungen – Sagen und Legenden – kinderleicht erscheint. Diese vermeintliche Leichtigkeit ist ein schwerer Irrtum, der immer wieder offenbar wird, wenn die hinter den Bildern liegenden gedanklichen Welten gar nicht erkannt werden.

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