Rheingold – Verfilmung / Karajan – Rheingold Barcelona 2004 / Kupfer – Soltis „Golden Ring“ 1965

Richard Wagner, Das Rheingold

Berliner Philharmoniker

Dirigent und Regisseur: Herbert von Karajan, Ausstattung: Georges Wakhevitch

Solisten: Thomas Stewart (Wotan), Brigitte Fassbaender (Fricka), Jeannine Altmeyer (Freia), Peter Schreier (Loge), Zoltan Kelemen (Alberich), Gerhard Stolze (Mime), Hermin Esser (Froh), Louis Hendrikx (Fafner) Fasolt: Karl Ridderbusch, Darstellung: Gerd Nienstedt

Erda: Birgit Finnilä, Gesang, Darstellung: Martha Mödl, Donner: Leif Roar, Gesang, Darstellung: Vladimir de Kanel, Eva Randova (Woglinde), Edda Moser (Wellgunde), Liselotte Rebmann (Flosshilde)

1 DVD, 2.24 Stunden

Farbenprächtig bunt ist das alles. Ein richtiger Märchenfilm, dazu ein erlesener Schönklang und grandiose Stimmen.

Karajan hat Wagners einschüchternde Tetralogie in den Jahren 1967 bis 1970 auf der Riesenbühne der Salzburger Osterfestspiele komplett aufgeführt und kurz danach auf Schallplatten verewigt. Seine damalige Rheingold-Aufnahme war meine allererste Einstiegsdroge in ein vollständiges Wagnerwerk – und ist immer noch eine suggestive, exemplarische Musteraufnahme.

Für den Film gab es eine komplette Neubesetzung. Die Musik wurde 1973 aufgenommen, erst danach die bewegten Bilder. Gedreht wurde in den Bavaria-Studios von München-Geiselgasteig. Die einzige Wagnerverfilmung Karajans. Die Fertigstellung dauerte bis 1978. Das Ergebnis wurde im Fernsehen gezeigt und verschwand dann in den Archiven.

Zu den Solisten: Gerhard Stolze mit seinen fulminanten, raffinierten Ausbrüchen als Loge war der unvergleichliche Superstar in Karajans vorheriger CD-Aufnahme. In der späteren Verfilmung hat man ihn zum Mime degradiert, die Stimme hat jetzt einige Schärfen, aber die filigrane Darstellung hypnotisiert.

Peter Schreier als Loge ist ein ungewohnter Anblick. Wie einst Gustaf Gründgens als Goethes Mephisto ist er kalkweiß, glatzköpfig kahlgeschoren und funkelt mit boshafter Mimik. Die Stimme ist leider etwas schrill-scharf. Bei allen Wagnerpartien gibt es eine große Konkurrenz, und jeder Sänger muss sich dem Vergleich mit anderen bekannten Jahrhundertsolisten stellen.

Phantastisch sehen die stimmgewaltig auftrumpfenden Riesen Fasolt und Fafner aus, wie aus urzeitlichem Geröll herausgehauen.

Karajan ersetzt sogar einige Sänger durch Schauspieler. Vladimir de Kanel (Donner) spielt zur kräftigen Stimme von Leif Roar, und die unvergessliche Martha Mödl bewegt die Lippen zum Gesang von Birgit Finnilä in ekstatischer, weltenferner Mimik.

Kurios ist das und gar nicht notwendig, weil unter den aufwändigen Phantasiemasken kaum jemand wirklich erkennbar ist.

Musikalisch wird man umwölkt von einem delikaten Klangrausch. Im Orchester waltet ein feines Pianissimo, an vielen Stellen hört man eindringliche Kammermusik, aber auch ausladende Klangausbrüche.

Ein besonderes Lob verdienen die lebhafte Kameraführung und die raffinierten, wechselnden Bildschnitte von der weiten Landschafts-Totale bis zu den nahen Großaufnahmen.

Alberich verschwimmt in Nibelheim mit dem monströsen Goldschatz zu einem einzigen Gebilde.

Man sieht Traumlandschaften. Erinnerungen an eine ferne Vergangenheit. Während des berühmten Vorspiels erlebt man man zunächst abfotografierte Luftaufnahmen des Rheins, die sich plötzlich raffiniert verwandeln zu magischen Unterwasserlandschaften, durchzuckt von den silberblitzenden Rheintöchtern. Man schaut auf solche starken Bilder und wird angeregt zu eigenen Ideen.

Kosmische Wolkenballungen ziehen vorbei. Wagner hat die archaischen Naturphänomene der Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde immer sehr kraftvoll in die dramatische Handlung eingefügt.

Auch Karajans Ausstatter Georges Wakhevitch spielt mit starken Naturfarben und einem leuchtenden Regenbogen, der allerdings hier nur ganz kurz und sehr blass auftaucht. Man sieht viel blauen Himmel und Wolkenspiele, darunter meistens eine karge, urzeitliche Steinlandschaft. Am Horizont blitzt das steile Traumschloss Walhall wie eine Sammlung silberner Stalagmite. Am Schluss verweigert der Regisseur Karajan sogar das “abendlich strahlende Auge der Sonne” zugunsten einer blaugrauen, frostigen Endzeitlandschaft, begleitet von schwermütigen Untergangsvisionen.

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Wagner, Das Rheingold

Gran Teatre del Liceu Barcelona, Juni 2004

mit Lioba Braun (Fricka), Elisabete Matos (Freia), Andrea Bönig (Erda), Falk Struckmann (Wotan), Graham Clark (Loge), Kwanchul Youn (Fasolt), Matthias Hölle (Fafner), Günter von Kannen (Alberich), Francisco Vas (Mime)

Inszenierung Harry Kupfer, Dirigent:  Bertrand de Billy

Harry Kupfer hat seine Bayreuther Ring-Ideen von 1988 in einigen Details weiter entwickelt. Im Juni 2004 zeigte er in Barcelona seine Rheingold-Produktion von der Berliner Staatsoper.

Der Vorhang öffnet sich vor einer gewaltigen Weltesche mit Ästen, die wie Schlingpflanzen über die ganze Bühne wuchern. Als erstes bricht Wotan einen Ast heraus, für seinen Speer der Macht. Erst danach setzt das berühmte Vorspiel ein. Die Rheintöchter sind Naturwesen in pastellfarbenen, fließenden Gewändern und deuten märchenhafte Elemente an.

Die zweite Szene beherrscht ein großes vergittertes Fenster, Symbol der Gefangenheit. Die Riesen sind Maschinenwesen mit klobigen Stahlgelenken. Loge hat rostrote, steil hochstehende Haare. Lange bunte Blütenkränze schmücken zunächst die Götter. Wotan erscheint mit einäugiger Sonnenbrille, rotbraunem Pferdeschwanz und langem Herrschergewand. Fricka schlingt um den Nacken einen breiten Fuchspelz. Freia und Froh wandeln in einer langen antiken Toga.

Durch gigantische Plexiglas-Röhren kommt man in die große unterirdische Fabrikhalle von Nibelheim. Alberich zeigt sich mit einem goldlackierten Sakko.

Zum Schluß kehrt wieder die bläuliche Ruinenlandschaft zurück, mit dem großen vergitterten Fenster. Beim wirkungsvollen Gewitterzauber drehen sich alle nur im Kreis, mit erhobenen Händen, wie in Trance. Einen Regenbogen gibt es dazu nicht, auch keine Wolkenburg Walhall. Man bleibt auf dem Boden, kriecht dort auch herum, aber der Theater- und Maschinenzauber fällt fast ersatzlos weg.

Zu Wotans Schlußmonolog glühen plötzlich senkrechte, bunte Neonsäulen in parallelen Reihen, die den ganzen Hintergrund ausfüllen. Sie erinnern an einen Duschvorhang oder an Würstchen über einer überdimensionalen Fleischtheke, wirken aber nicht besonders originell. Den echten Bühnenvorhang schließt am Ende Loge, na ja. Was in aller Welt spricht überhaupt dagegen, den im Text genannten Regenbogen zu zeigen und eine stilistisch geschmackvoll gestaltete Wolkenburg Walhall? Ein Luftschloß ist doch ein sehr passendes Symbol für die Handlung, zu der bei Wagner auch Zaubertricks und optische Knalleffekte gehören.

Die Lichtregie schafft immer wieder geheimnisvolle und magische Augenblicke. Insgesamt ist es leider viel zu dunkel, die Solisten werden von hellen Spotlights begleitet, aber die Kulissen sind im Halbdunkel nur schemenhaft erkennbar. Wagner verträgt viel mehr optische Vielfalt. So eindimensional düster geht es in der farbig instrumentierten Musik ja auch gar nicht zu.

Die Personenführung ist lebhaft und unruhig, wie von Harry Kupfer bekannt. Doch so hektisch herumgeturnt wie früher wird nicht mehr, das ist angenehm für die Sänger.

Die Solisten erfreuen mit guter Deklamation. Man hört zwar keine vokalen Jahrhundertleistungen, aber es ist rundum zufriedenstellend, ganz im Einklang mit dem flüssigen Parlando dieses Wagnerwerks. Nur der krächzende Graham Clark hat nicht mehr so recht die Kraft, die Anforderungen des schillernden Loge zu erfüllen.

Bertrand de Billy dirigiert lebhaft, farbig, allerdings kommen die magischen, atmosphärischen und meditativen Elemente etwas zu kurz. Wer Wagners Pathos musikalisch oder optisch entkommen will, landet manchmal in der Einöde der Banalität.

Doch der Gesamteindruck ist zufriedenstellend. Man schaut gern hin, denn spannend und dramatisch ist das ganze schon, auf seine Weise.

Da es nur wenige Rheingold-Aufführungen auf DVD gibt, kann man sich freuen über eine insgesamt sehenswerte, hörenswerte Verfilmung ohne aufdringliche Schock-Effekte, mit einer zurückhaltenden Mischung aus modernen und traditionellen Elementen.

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The Golden Ring, Film-Dokumentation 1965

mit Birgit Nilsson, Claire Watson, Wolfgang Windgassen, Gottlob Frick, Dietrich Fischer-Dieskau

Wiener Philharmoniker, Dirigent Georg Solti

87 Min. Filmdokumentation, außerdem 59 Min. Audio-Ausschnitte der Gesamtaufnahme

Mittlerweile gibt es viele Gesamtaufnahmen von Wagners Ring. Doch vor vierzig Jahren galt diese erste Stereo-Einspielung des Werks im Schallplattenstudio als Pioniertat. Die Idee kam aus England, von der Londoner Plattenfima Decca und ihrem Chef-Aufnahmeleiter John Culshaw. Zwei Jahre brauchte er allein für die Vorbereitungen, um das ganze vielschichtige Weltendrama schließlich „im Ton allein“ einzufangen.

Die letzten Aufnahmesitzungen des damaligen Großunternehmens im Herbst 1965 wurden begleitet von Filmkameras. Dabei erwacht dieses historische akustische Projekt in vielen Details auch sichtbar zum Leben. Man sieht Bilder, die vorher nur als Klangdokumente vorhanden war. Der englische Dokumentarfilmer Humphrey Burton schuf diese Fernseh-Dokumentation der BBC über Georg Soltis Schallplattenaufnahme von Wagners Götterdämmerung in Wien.

Alles ist in hartem Schwarzweiß anzuschauen, doch eindringlich und aussagekräftig. Die Wiener „Sofiensäle“ dienten damals im Alltag dem öffentlichen Tanzvergnügen. Hier waren sie ein Aufnahmestudio mit hervorragender Akustik. Von 1958 bis 1965 entstand an diesem Ort der komplette Ring-Zyklus mit hochwertiger Aufnahmetechnik. Eigens angefertigt wurden sogar einige Instrumente, zum Beispiel archaisch röhrende Stierhörner, statt der üblichen Posaunen.

Die Tontechnik verwendete umfangreiche Mischpulte mit großen Spulenbändern, die damals noch buchstäblich geschnitten und geklebt wurden. Ziel war ein räumlicher Stereo-Effekt. Dazu wurden die Notenpulte der Sänger auch während der Aufnahme von Assistenten geräuschlos hin- und hergetragen, und die Solisten wanderten gehorsam, geräuschlos mit.

Georg Solti leitet das akustische Ereignis sehr temperamentvoll. Er fuchtelt herum, springt ständig auf und ab wie Rumpelstilzchen, rastet auch immer wieder jähzornig aus. Aber er achtet genauestens auf Details, um einen hochdramatischen, hitzig aufkochenden Klang und dramatische Zuspitzungen zu erzeugen.

Solti, selbst jüdischer Abstammung, war damals Leiter des Londoner Opernhauses Covent Garden. Kenntnisreich spricht er über seine akustische Aufzeichnung des Rings, und genauso offen sagt er einen deutlichen Satz über den Wagnerfreund Adolf Hitler: „Man kann alles mißbrauchen, auch Goethe und Shakespeare.“

Die Wiener Philharmoniker schickten für diese Aufnahmen 110 Musiker. Solti definiert ihren besonderen Klang. „Süße Violinen und machtvolle, aber nicht ordinär klingende Posaunen.“

Soltis Schallplattenaufnahme des Ring ist allgemein bekannt. Es ist eine wichtige Referenz-Aufnahme mit unverkennbaren Schwächen, aber auf hohem Niveau. Hier überträgt sich die Intensität der Aufnahmesitzungen sehr unmittelbar. Das Orchester wird vom Dirigenten angefeuert zu lautstarken Klang-Exzessen. Die berühmten Sänger geben dabei ihr Bestes. Sie haben aber mittlerweile – seitdem – durchaus Konkurrenz. Birgit Nilsson (Brünnhilde) ist laut, etwas kühl. Wolfgang Windgassen (Siegfried) explodiert ekstatisch und heftig in das Mikrofon. Sein Engagement für die schwierigsten Wagnerpartien, als Tannhäuser und Tristan, ist unvergessen. Auch Gottlob Frick (Hagen) tritt dämonisch und pompös auf. Claire Watson (Gutrune) klingt metallisch hart. Dietrich Fischer-Dieskau ist maniriert, gibt aber damit der blassen Partie des schwachen Gunther ein künstlerisches Eigengewicht.

Man erlebt im Aufnahmestudio längere Ausschnitte der Götterdämmerung: Gutrunes Begrüßung. Das Rache-Terzett. Siegfrieds Tod. Danach sieht man Windgassen am Bahnsteig, schon auf der Abreise, mit dem davoneilenden Zug nach Stuttgart, wo er am nächsten Abend im Fidelio singt.

Für die Schlußszene hatte man sich einen Scherz ausgedacht. Ein echtes Pferd schreitet die Stufen zum Aufnahmestudio hinauf und nähert sich der überraschten Birgit Nilsson, genau in dem Augenblick, als sie singt, „Grane, mein Roß, sei mir willkommen.“ Die aufwendige Aufzeichnung wird für diesen Spaß nur kurz unterbrochen. Birgit Nilsson lacht unbeschwert. Georg Solti meint knapp, trocken, „Sehr raffiniert.“

Dieses Urteil gilt immer noch, insgesamt, für dieses Dokument der Schallplattengeschichte.

 

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