Holländer – Bayreuth 1985 / Harry Kupfer – Savonlinna 1989 / Ilka Bäckman

Seine Frühwerke ließ Wagner nicht für Bayreuther Aufführungen zu. Erst der Fliegende Holländer erschien ihm als geeignet. Warum? Das vorhergehende Werk, Rienzi, war zwar ein großer, effektvoller Schlachtenlärm, mit vielen schwelgenden, krachenden Melodien. Doch der innige, ganz große Wagnerton wird in dem römischen Historienschinken nur ein einzigesmal angeschlagen.

Es ist eine eindringliche Melodie der Ouvertüre, die im letzten Akt wiederkehrt, kurz vor dem Untergang des Titelhelden im zusammenkrachenden römischen Kapitol: Rienzis Gebet.

Hier gelang Wagner eine einfache, große Musik. Es sind Augenblicke der stillen Meditation, des Verharrens. Eine Abkehr von der kämpferischen Realität, eine Wendung nach innen.

Und es ist die Keimzelle für alles andere, Bedeutende, das bei diesem Komponisten noch überreich folgte und sich weiter entwickelte.

Von Werk zu Werk fortschreitend, entwarf Wagner eine Kartographie der Archetypen, der Urbilder, der Metaphern und Allegorien, deren äußere Form wechselt, deren Inhalt aber auf allen Kontinenten, in allen Sprachen gleich ist.

Im ersten seiner metaphysischen Werke, dem „Fliegenden Holländer“, entwickelt Wagner bereits das ganze dreiaktige Werk um dieses Thema herum: Die banale, materialistische Welt des geldgierigen Kaufmanns Daland steht im Kontrast zu anderen Kräften, der Dämonie, der Magie, dem Gespensterspuk und dem Irrealen. Das Animalische, Bedrohliche, Unkontrollierbare ergreift Besitz von den Alltagsmenschen.

Auch im hitzigen „Wahn“ der vordergründig realistischen Meistersinger, der in einer wilden nächtlichen Prügelei der braven Bürger kulminiert, verbirgt sich die Welt des Irrealen, Phantastischen, Unterbewußten, Irrationalen, die Besitz ergreift von den Menschen.

Für solche Visionen fand Wagner eine starke, hintergründige, hypnotische Musik, deren Wirkung sich mit einer Intensität auf den Zuhörer überträgt wie bei keinem anderen Komponisten.

Seine Hauptthemen verfeinerte Wagner im Lauf der Jahre. Er vollendete und beendete seine magischen Bilder und Zeichen schließlich mit dem Mysterienspiel des Parsifal, dessen Inhalt für den banalen modischen Zeitgeist gar nicht mehr nachvollziehbar ist und der dem materialistischen Rationalismus ganz unzugänglich bleibt.

Wagner, Der Fliegende Holländer

Bayreuther Festspielhaus 1985

mit Lisbeth Balslev, Anny Schlemm, Simon Estes, Matti Salminen, Robert Schunk, Graham Clark

Dirigent: Woldemar Nelsson, Inszenierung: Harry Kupfer

Gesungen wird ordentlich, ohne besondere Glanzlichter, nur Simon Estes in der Titelrolle beherrscht das Geschehen mit machtvoller Stimme, die er souverän und dramatisch einsetzt.

Woldemar Nelsson dirigiert stürmisch bewegt, allerdings fallen dabei einige Nuancen und Zwischentöne unter den Tisch.

Harry Kupfer findet für das Werk eindringliche Bilder, im Stil der Schauerromantik. Schon während der Ouvertüre sieht man bei geöffnetem Vorhang die Spinnstube mit den schwarzgekleideten Frauen, in einem spukhaften Halbdunkel. Blitze zucken. Eine Fenstergardine weht im Sturm. Das unheimliche Holländerbild fällt von der Wand und wird von Senta aufgehoben. Sie bleibt auch als Beobachterin anwesend, als der Schauplatz sich bei offener Bühne verwandelt, zur Schiff-Szene des ersten Aktes. Hier sieht man eindrucksvolle Theater-Wellen und naturalistische Segelschiffe.

Sehr wirkungsvoll ist das Auftauchen des Gespensterschiffs mit den roten Segeln, dessen glühender Bug sich weit öffnet, um den zunächst angeketteten Holländer freizugeben.

Das gefällt Senta offensichtlich. Ihr Verlobter Erik jedoch, der im strengen dunklen Sonntagsanzug mit einem Blumenstrauss um sie wirbt, ist ihr offensichtlich zu langweilig. Er flüchtet schließlich, und kurz danach steht der Holländer mitten in der Spinnstube, in einer Art blauem Unterwasserkäfig. Sein Liebesduett mit Senta führt musikalisch zu einer ekstatischen Vereinigung, die der Wirklichkeit nicht standhalten kann. Eine Idee, die auch dem zweiten Tristan-Akt zugrunde liegt.

Die Gespensterszene im dritten Akt, mit kalkweißen Gestalten, die bleiche Gesichtsmasken tragen, wirkt etwas künstlich. Zum Schluß fährt der Holländer mit seinem Schiff wieder davon. Senta stürzt sich aus dem Fenster. Eine Versöhnung gibt es nicht. Die aufgeschreckten Bürger knallen noch einmal laut die Fensterläden zu und kehren in ihren grauen Alltag zurück.

Für Kupfer ist die ganze Geschichte Sentas überhitzter Phantasie entsprungen, deshalb ist die junge Frau von Anfang bis zum Ende anwesend.

Was diese Inszenierung sehr gut herausarbeitet: Außerhalb der geordneten, nüchtern rechnenden Welt des Kaufmanns Daland gibt es noch eine andere Dimension: Das Unterbewußte, die Schreckenskammern der Psyche, die Abgründe der seelischen Innenräume. Senta träumt sich fort aus den engen Grenzen der bürgerlichen Spinnstube und wird überwältigt von den Stimmen aus ihrem Inneren, von Bildern und Phantasien, die ganz Besitz von ihr ergreifen.

Auf diesem Weg ging Wagner in seinen späteren Werken konsequent weiter. Er fand dafür ganz andere Bilder, Handlungen und Klänge, im Tannhäuser, Lohengrin, Tristan und im Nibelungenring.

Aber mit dem „Fliegenden Holländer“ traf Wagner seine Lebensentscheidung, der er dann konsequent folgte, mit immer ausgefeilteren Mitteln.

Der Fliegende Holländer

Savonlinna Opera Festival 1989, Dirigent Leif Segerstam

mit Hildegard Behrens, Anita Välkki, Franz Grundheber, Raimo Sirkkiä, Jorma Silvasti

Inszenierung Ilka Bäckman

Auch das gibt es endlich als DVD, optisch und musikalisch in bester Qualität.  Ohne irgendwelche schrillen Mätzchen, sogar mit bescheidener Ausstattung und nach Wagners Regieanweisungen inszeniert, demütig gegenüber dem Werk. Feuer und Nebel wallen. Regisseur Ilka Bäckman konzentriert sich auf die feinen Details der Personenführung.

Vor allem in den vielen dramatischen Großaufnahmen ist das spannend und überzeugend. Die ständig wechselnden Perspektiven der Kamera vertiefen den Gesamteindruck.

Alles ist sehr textverständlich, man kann die Dialoge genau verfolgen. Zu hören ist großer, eindrucksvoller Wagnergesang. „Die Frist ist um.“ Ein extrem schwieriger Monolog. Hier von Franz Grundheber faszinierend, in jedem Augenblick mit voller Wucht vorgetragen. Alle sind mit Leidenschaft bei der Sache.

Raimo Sirkiä als Erik hat leider einen flachen, recht ausdruckslosen, hellen Bariton. Doch es gibt keinen Opernabend, an dem alles stimmt. Der Gesamteindruck ist überwältigend. Leif Segerstam, mit riesigem Rauschebart, dirigiert fulminant, sehr heftig. Man hört phantastische Sänger. Donnernde Bässe. Hildegard Behrens in ihrer besten Zeit, eindringlich, jedes Wort auskostend. „…Alle sieben Jahr…“ Das brennt sich förmlich ein. Matti Salminen stürmisch, expressiv, wie man ihn auf der Bühne manchmal nicht erlebt. Hier gibt er alles.

Das ist Wagner! Weit weg vom heutigen Bayreuth mit seinen Modeerscheinungen. Nur eine von vielen Möglichkeiten. Aber so passt es schon.

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