Die Walküre – München 1987 / Lehnhoff – New York 1991 / Schenk – Barcelona 2003 / Kupfer – Bayreuth 1980 / Chéreau

Walküre. München 1987

Inszenierung: Nikolaus Lehnhoff

Die Aufführung wurde 1990 vom japanischen Fernsehen aufgenommen, im HDTV-Verfahren.

Regisseur Lehnhoff, vor vierzig Jahren Assistent Wieland Wagners, orientierte  sich in München am Kinofilm „Krieg der Sterne“, dessen Spezial-Effekte natürlich im Theater nicht realisiert werden können. Man sah dafür stundenlang nur die stählernen Innenräume von Raumschiffen, die über der Erde kreisen, in Verbindung mit ein paar poetischen Naturaufnahmen ziehender Wolken und kosmischer Ausblicke ins nachtschwarze Weltall.

Zweimal habe ich selbst diese Inszenierung in der Bayerischen Staatsoper gesehen. Beim ersten Mal mit dem Dirigenten Wolfgang Sawallisch, dabei bin ich im ersten Akt eingeschlafen, was eigentlich alles über das langweilige Dirigat sagt, das leider auch dieser Aufzeichnung zugrunde liegt. Es war aggressiv, wenig poetisch-lyrisch, bot aber eine sehr gute Sänger-Besetzung. Beim zweiten Mal war Peter Schneider am Pult, das war ein berauschendes Erlebnis.

18.11.1987. Richard Wagners “Walküre” im Nationaltheater. Gelingen kann das nur mit großen Künstlern. Denn wer Wagners Geheimnis nicht spürt, bewirkt nur Langeweile und Müdigkeit.

Leider ist heute der Dirigent Wolfgang Sawallisch am Pult. Die Größe seiner Vorgänger hier im Haus, Hans Knappertsbusch und Joseph Keilberth, ist nicht spürbar. Zwar peitscht Sawallisch kräftig, derbe die Rhythmen und die schweren Blechinstrumente. Auch kochen immer wieder, zeitweise, Spannung und Dramatik hoch. Doch die anderen Ebenen, die lyrischen Stimmungen, die universale Vielfalt, die vielen Zwischentöne des Wunderwerks enthüllen sich allzu selten.

Optisch ist alles auf modische Science-Fiction gequält. Eine ärgerliche Willkür herrscht gegenüber Wagners zeitlosen Visionen. Unpassende, überdimensionale Raumschiffe erinnern an Sensationsfilme aus Hollywood. “Krieg der Sterne”. Das paßt überhaupt nicht zu Wagners archaischen Themen. Ein Monitor zeigt auf Wotans Knopfdruck ein Videobild des mythologischen Drachen Fafner. Der Abend ist voll optischer Geschmacklosigkeiten, für die der Ausstatter Erich Wonder viel Geld ausgegeben hat.

Am Ende verpufft Wotans majestätischer Feuerzauber auf der Bühne jämmerlich in technischen Spielereien. Grelle Magnesiumblitze und braungelber Dampf wälzen sich von der Bühne breit bis ins Parkett und vernebeln den ganzen Orchestergraben. Die Musiker spielen routiniert im häßlichen Qualm, ohne Blickkontakt, die herrlichen Klänge des Feuerzaubers zu Ende.

Fast zehn Jahre später:

25.05.1997. Heute zeigt das Nationaltheater wieder diese Inszenierung der  “Walküre”. Leider hat das berühmte Haus seit vier Jahren, unter der Leitung des “modernen” Intendanten Peter Jonas, auch peinliche Schlagzeilen gemacht, mit immer neuen, fragwürdigen Entgleisungen effekthaschender Regisseure. Den letzten “Tannhäuser” (Inszenierung von David Alden) verließ ich fluchtartig, nach einem abscheulichen Wartburg-Sängerkrieg wie aus dem Irrenhaus. Die „Ring“-Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff war damals schon wie ein erster Vorgeschmack auf die „neue Ära“.

Im ersten Akt der “Walküre” sieht man eine Art urzeitliche Baumwohnung, mittendrin ein befremdliches Wohnzimmer aus dem Biedermeier. Die schicken Stilmöbel passen überhaupt nicht zur Handlung in grauer germanischer Vorzeit.

Als Siegmund schwärmerisch von den “Winterstürmen” singt, verdunkelt sich schlagartig das bürgerliche Wohnzimmer. Auch die ganze archaische Baumdekoration fällt blitzartig in sich zusammen, und ein erfrischender weißblauer Wolkenhimmel füllt den weiten Hintergrund.

Die Sänger sind leidenschaftlich bei der Sache. Gabriele Schnaut, Marjana Lipovsek, John Tomlinson, Siegfried Jerusalem. Dirigent Peter Schneider bringt das Orchester in dramatisch davonstürmende Bewegung. Auch die großen lyrischen Passagen läßt er verführerisch leuchten. Das ist ganz anders heute als der grob polternde Orchesterklang damals, vor fast zehn Jahren. Leider fehlt die allerletzte musikalische Erfüllung, weil die Akustik des Hauses wie immer zu hart und trocken ist.

Neben mir ist eine weißhaarige alte Dame ein paarmal eingenickt.

Der zweite Akt der Walküre beginnt. Über einer friedlichen Landschaft gleitet langsam ein großes Raumschiff. Am Kommandopult mit vielen Knöpfen steht der germanische Gott Wotan, mit einem stilisiertem Flügelhelm aus modernem, schwarzschimmerndem Lackleder. Sein Eheweib Fricka zankt schrill in einem langen Abendkleid. Die feierliche Todesverkündigung erklingt von einem umgekippten, monumentalen Stahlträger, der wie ein gestrandetes Raumschiff aussieht. Es sind Bilder wie aus dem Film “Krieg der Sterne”. Eine zertrümmerten Welt nach einer großen galaktischen Katastrophe. Nur – mit Wagners vorhandenem Text und seinen Ideen hat das überhaupt nichts zu tun.

Doch es gibt auch ein einzelnes Bild, das wirklich verzaubert und den wahrhaftien, tiefgründigen Geist des Stücks anklingen läßt: Brünnhilde, mit Helm und Speer, steht als schwarze Todesbotin vor einem blauroten Abendhimmel.

Alle Solisten singen mit Inbrunst, spielen bewegt und natürlich. Aus dem Orchester schallen unter der Leitung von Peter Schneider dramatische und gefühlvolle Impulse. Wagner klingt diesmal sehr frisch und lebendig. Die gipfelstürmende Magie des Bayreuther Meisters ist heute bewegend nahe. Ein paarmal schäumt die Musik mit einer solchen überwältigenden Zauberkraft durch den Raum, dass heftige Gefühlswellen alles überfluten, wie eine dunkle Macht aus archaischer, zeitloser Tiefe.

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Walküre, New York 1991

mit Jessye Norman, Hildegard Behrens, Christa Ludwig, Gary Lakes, James Morris, Kurt Moll.

Dirigent: James Levine, Ausstattung: Günther Schneider-Siemssen

Regie: Otto Schenk

Die DVD ist optisch und akustisch gut. Die Sänger sind hervorragend und Weltklasse. James Levine dirigiert intensiv und mit Gespür für viele Farbtöne. Aber die Musik soll gar nicht im Detail bewertet werden. Denn hier ist der visuelle Aspekt viel interessanter. Die Personenführung ist recht hölzern, konventionell. Man trägt Tierfelle oder festliche lange Gewänder in einem antiken Phantasie-Stil, der ziemlich plüschig-kitschig ist. Fricka hat als Kopfputz silberne Widder-Hörner. Werktreue und guter Geschmack sind nicht immer dasselbe. Brünnhildes schimmernde Rüstung ist von den alten Römern inspiriert, irritiert aber durch verspielte Zuckerbäcker-Schnörkel.

Die Ausstattung von Günther Schneider-Siemssen erzeugt aufwendig eine große Naturnähe, wie Wagner sie auch immer wieder im Text beschwört. Die urzeitliche Blockhütte, das flackernde Herdfeuer, die mächtige Weltesche mit dem Schwert Nothung, alles ist da. Also das Wichtigste: Wagners Bildersprache, die Symbolik.

Die Chiffren seiner Symbole sind mehrdeutig, darum darf man sie äußerlich nicht verändern. Denn die Bilderzeichen nähern sich dem Kern der Sache, verweisen auf den Sinn des Geschehens und geben ihm eine tiefere Bedeutung. Nach der Symbolik der alten Mysterienschulen gelten zum Beispiel folgende Gleichungen: Feuer = Körper, Wasser = Bewußtsein, Luft = Gefühl, Erde = Verstand. Es sind noch ganz andere Gleichungen denkbar, aber immer geht es um die Annäherung an eine tiefere Dimension hinter den Bildern, um Grenzbereiche des Vorstellungsvermögens und des archaischen Unterbewußtseins.

Selbst wenn heutzutage manches tiefe Naturgefühl in unseren betonierten Stadtlandschaften durch Technik und architektonische Exzesse zerstört wurde, Wagners Musik rührt machtvoll, unerschütterlich an die Tiefenschichten der Psyche und ihrer ursprünglichen Verbindung zu den Ur-Elementen.

Diese Musik entfesselt ihre Kraft tief im Inneren des Hörers. Darum reichen eigentlich sogar optische Andeutungen.

Ein übertriebener, detailverliebter Naturalismus ist gar nicht notwendig. Auf jeden Fall dürfen die Zeichen nicht GEGEN die Musik gesetzt werden, weil das nur ablenkt.

In dieser Deutung von 1991 verwendet man ein Minimum, also die Symbolik des Autors. Zu den “Winterstürmen” schlägt wirklich die Tür der Hundingshütte auf, allerdings übertrieben. Es ist ein riesiges Scheunentor mit halber Bühnenbreite, das sich bei der wundersamen Musik zu einem ganzen blühenden Laubwald öffnet. Und auch das Schwert blitzt strahlend an der richtigen Stelle. So wird die Wirkung der Klänge mit passenden Bildern vertieft. Über dem Walkürenfelsen ziehen bläuliche Wolkenbildungen majestätisch vorbei. Und zum Schluß gibt es eine hoch auflodernde Feuerwand.

So will es der Text, so klingt es aus der Musik.

Wagners Zeitgenossen, die Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts, konnten derartige Visionen noch geschmackvoll und hintergründig umsetzen. Arnold Böcklin, C.D. Friedrich, aber vorher schon Rubens, Breughel und viele andere. Leicht möglich wäre sogar eine Anpassung und Steigerung solcher Vorlagen mit den grenzenlosen Möglichkeiten der heutigen, ausgefeilten Bühnen-, Projektions- und Tricktechnik. Obwohl in New York manches zum Kitsch ausartet, das ist ja nicht Wagners Schuld. Bis heute gibt es keine einzige filmische Annäherung an seine eigenen Ideen, immerhin 120 Jahre nach seinem Tod.

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Wagner, Die Walküre

Barcelona, Gran Teatre del Liceu, 22.6.2003

mit Richard Berkeley-Steele (Siegmund), Linda Watson (Sieglinde), Eric Halfvarson (Hunding), Deborah Polaski (Brünnhilde), Falk Struckmann (Wotan), Lioba Braun (Fricka)

Inszenierung: Harry Kupfer, Dirigent: Bertrand de Billy

3 DVDs, 250 Minuten

Zunächst sieht man nur eine umgekippte, zerborstene Weltesche. Alles andere ist in ein kühles bläuliches Halbdunkel gehüllt, aus dem die Personen und andere Schattenrisse schemenhaft herausragen. Nur ein vergittertes Fenster schimmert matt im Hintergrund. Es ist ständig viel zu dunkel. Man spart an Licht und vor allem an Ideen. Wagner verträgt viel mehr Farben und Zwischentöne.

Bei den schwelgenden „Winterstürmen“ wird man kurz verwöhnt, mit ein paar vorübergehend aufleuchtenden, frühlingsgrünen Lichtstreifen, aber auch nur sparsam. Die dramaturgisch wichtige Befreiung des Schwerts Nothung geschieht ganz beiläufig, dieser wirkungsvolle Theatereffekt wird einfach verschenkt.

Eric Halfvarson (Hunding) überzeugt mit einem kernigen schwarzen Baß, außerdem ist er sehr textverständlich. Die Wälsungengeschwister bewegen sich in zeitlosen, einfachen Gewändern. Stimmlich sind sie zu Beginn etwas matt und wenig durchschlagskräftig. Siegmunds Schwertmonolog zerfällt in baritonale Wellenbewegungen, die Wälserufe vibrieren kurz und kraftlos. Richard Berkeley-Steele hatte keinen guten Abend. Er schleift die Töne, wirkt brüchig und überanstrengt. In der großen Liebesszene entfaltet Linda Watson eine dunkle, eindringliche Intensität, die gelegentlich scharf klingt. Insgesamt wird einer der zwingendsten und geschlossensten Akte der aufwendigen Tetralogie szenisch und auch musikalisch glatt verschenkt.

Im zweiten Akt herrscht wieder das peinigende, bläuliche Halbdunkel. Man sieht eine häßliche, stillgelegte Fabrikhalle mit leeren dunklen Fensterhöhlen. Ein riesiges blaues Gitter beherrscht den Hintergrund. Alles deutet mit dem Zeigefinger hin auf die sehr bekannten, jedoch hier krampfhaft simplifizierenden Kategorien eines „existenziellen Gefängnisses“. „Das Leben ist lebenslange Einzelhaft.“ (Tennessee Williams)

Aber das hatten wir schon im Rheingold. Meist verschwimmt alles unklar im Hintergrund, dafür werden die Solisten bläulich angeleuchtet.

Falk Struckmann (Wotan), grotesk verunstaltet mit einem rötlichen Pferdeschwanz und einäugiger Sonnenbrille, erfreut mit einer durchschlagskräftigen, schlanken, volltönenden Stimme. Außerdem ist er sehr textverständlich. Eine vokale Freude. Auch Lioba Braun gibt mit ihrer warm grundierten Altstimme der nörgelnden und keifenden Fricka ein paar ungewohnt menschliche Züge.

Doch was müssen diese exzellenten Sänger erleiden, was müssen sie erdulden angesichts der gequälten Inszenierung? Alles wirkt gespenstisch und spukhaft. Vor allem der zweite Akt zieht sich endlos hin.

In der Todesverkündigung, die musikalisch erfüllt ist von wunderbar weltenfernen, transzendenten Klängen, ändert sich überhaupt nichts an der gleichförmigen, ausweglosen, klaustrophobischen Kerkerstimmung.

„Wohin führst du den Helden?“ fragt Siegmund. Da steht Brünnhilde hinter ihm und schmiert langsam sein ganzes Gesicht mit kalkweißer Totenfarbe ein. Er wird mumifiziert, während er noch singt. Guten Appetit ! Es sieht einfach lächerlich aus, als wäre Siegmund in einen Eimer Mehl hineingefallen.

Zwar handelt die Geschichte von Not, Verfolgung und Tod, aber Wagner selbst jammert überhaupt nicht, und vor allem nicht stundenlang.

In seinen Werken spiegelt sich die ganze, unendlich reiche, widersprüchliche Vielfalt des menschlichen Innenlebens, mit allen Hoffnungen und leuchtenden Illusionen. Dazu gehören auch die vergänglichen Momente des Glücks, der Hoffnung, der flammenden Liebesglut.

Die Vielfalt des hochragenden Meisterwerks, der Walküre, ist voll von eindringlichen Träumen und aufflammenden Ideen. All das wird in diesen düsteren, ungemütlichen, depressiven und extrem schlecht ausgeleuchteten Bildern einfach unterschlagen und sorgt für verzehrende Langeweile.

Zum Glück sitzt man nicht eingezwängt im überfüllten Opernhaus, sondern kann das unangenehme Erlebnis jederzeit unterbrechen oder mit einem Knopfdruck beenden. Die Zukunft gehört der DVD. Sie ist ein unbestechlicher Prüfstein, auch für andere Opernhäuser.

Den dritten Akt dieser Inszenierung eröffnet noch einmal der gleiche lähmende Schauplatz, zeitweise mit einer horizontalen weißen Nebelwand. Die maskenhaft bleichen Walküren tragen knöchellange schwarze Ledermäntel und Plastikhelme. Halbnackte Helden im Lendenschurz stehen herum oder werden abgeführt.

Der Verzweiflungsdialog zwischen Wotan und Brünnhilde verläuft grau und grau.

Oder blau in blau.

Die armen Sänger. Falk Struckmann phrasiert auch im dritten Akt dieser Live-Aufführung wunderbar. Wort und Klang strömen machtvoll, faszinierend dahin. Hier hat ein bekannter, doch bisher gar nicht einmal so berühmter Sänger einen ganz großen Abend, mit einem eindringlichen, begeisternden Wagnergesang, wie man ihn leider viel zu oft nur noch auf historischen Schallplatten hören kann.

„Du zeugtest ein edles Geschlecht.“ Mit Brünnhildes Mahnung an Wotan beginnt die finale, dramatische Fieberkurve dieses Werks, von hier an steigert sich das Drama faszinierend, glühend bis zum Schluß.

Eigentlich… Denn es gibt hier optisch einfach gar nichts zum Staunen. Zwei seltsam kostümierte blaue Gestalten schreien sich an. Und dann entfaltet sich noch einmal die Musik. Der voll aufbrausende orchestrale Einsatz der grenzenlosen Wagnermagie: „Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind.“ Und da stehen immer noch zwei seltsam kostümierte blaue Gestalten. Sie stehen da im Halbdunkel, mehr gibt es nicht.

Was hätte man hier alles zeigen können – ein explodierendes Feuerwerk, die Bilder von sterbenden und neu entstehenden Galaxien im sternenfunkelnden Universum. Blühende, verwelkende Naturbilder im wechselnden Lauf der leuchtenden Jahreszeiten, als monumentale Projektion im Hintergrund.

Doch gar nichts davon geschieht. Und auch nichts anderes. Es ist ihnen gar nichts eingefallen.

Als Prüfstein folgt noch der abschließende Feuerzauber, von Wagner wirkungsvoll konzipiert als aufschäumendes, musikalisches und visuelles Zauberwerk. Hier jedoch flammen im Hintergrund nur ein paar rote, rechteckige Gitter und Quadrate aus Neonröhren, hinter denen matte, nebulöse Flammen aufwallen. Armselig und belanglos ist auch das.

Der französische Dirigent Bertrand de Billy dirigiert schlank und zügig, farbig. Schleppende, zähe Tempi wollte Wagner ausdrücklich nicht. Aber etwas mehr Verweilen an manchen Stellen, etwas mehr Geheimnis, das hätte die innere Spannung erhöht und die philosophischen, archaischen Elemente verstärkt.

Die vielen rauschenden Farben der großen Wagnerpalette werden hier nur teilweise, im Ansatz sichtbar. Die stürmische musikalische Geste fehlt. Vieles tönt kleinformatig, banal alltäglich und nicht sonderlich mitreißend.

Weil hier optisch und musikalisch nicht viel geboten wird, kann man auf diese DVD ganz verzichten und sich besser eine der vielen, akustisch hervorragenden Gesamtaufnahmen auf CDs anhören, zum Beispiel die vorbildliche Version mit Birgit Nilsson und George London, unter der Leitung von Erich Leinsdorf. Als historische Aufnahme ist sie sehr preiswert erhältlich. Und ein relevanter Maßstab.

Will man jedoch erleichtert aufatmen und, zur fälligen Erholung, auch noch viele eindrucksvolle Bilder sehen, schaue man sich eventuell Harald Reinls phantasievolle, farbenprächtige Verfilmung der Nibelungensage an, einen großen Kinofilm von 1966.

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Walküre, Bayreuth 1980, Regie: Patrice Chéreau

Auf der großen Kinoleinwand werden die bekannten Schwächen dieser Verfilmung noch vergrößert. Die leicht verschwommene Fernsehbild-Qualität von 1980, der mulmige Klang, der durch die Digitalisierung blechern und übermäßig höhenbetont wurde.

Außerdem ist Pierre Boulez kein Wagnerdirigent, er kann viele Orchesterfarben und die starke innere Spannung nicht zum Klingen bringen. So langweilig hat man den ersten Walkürenakt selten gehört. Ausnahme: Peter Hofmann ist in Hochform. Jeannine Altmeyer und Matti Salminen klangen nur durchschnittlich. Viele bedeutende Sänger haben diese Partien eindringlicher gestaltet.

An der Aufnahmetechnik liegt es nicht. Schon am 22.6.1935 wurde der erste Walkürenakt in einem Wiener Studio aufgenommen. Eine Krönung aller historischen Wagner-Dokumente, voll dramatischem Feuer, mit Lotte Lehmann, Lauritz Melchior und Emanuel List, unter der Leitung von Bruno Walter.

Chéreau hat den Ring frei nach George Bernard Shaws Wagner-Satire einfach platt in das 19. Jahrhundert übersetzt. Die Hundinghütte ist also kein alter Palisadenbau, sondern eine hochherschaftliche Halle, wie die Villa eines Fabrikbesitzers oder Albert Speers aggressive Führerbauten. Dazu paßte allerdings nicht die dürre, verdorrte Esche in der Mitte des Raums. Hier hätte die adrette Hausherrin Sieglinde längst aufräumen und die Baumruine entfernen müssen.

Die blassen, matten Farben der Verfilmung wirkten auf der Kinoleinwand noch grauer und trostloser. Einziger Lichtblick waren Siegmunds “Winterstürme”, als die braungrauen Wände bühnenfüllend auseinanderfuhren und ein heller Mond über dichten Gartensträuchern leuchtete.

Mehr an Naturstimmung, die im Text überreichlich vorhanden ist, wurde nicht geboten. In Nikolaus Lehnhoffs Münchner Version fiel bei den “Winterstürmen” sogar die ganze Dekoration blitzartig in sich zusammen, und ein erfrischender weißblauer Wolkenhimmel füllte den ganzen weiten Bühnen-Hintergrund.

Hervorragend ist Chéreaus lebhafte, natürliche Personenführung, die auch Nahaufnahmen standhält. Dagegen langweilt das graue Grundkonzept, die technisierende Industrialisierungsmasche mit den Rheintöchtern am Kraftwerk-Staudamm und dem grauen Walkürenfelsen, dessen Konturen einfach abgekupfert wurden, bei Arnold Böcklins farbenglühender “Toteninsel”.

Wagners Vorlage, die Edda, spielte in einer zeitlosen Urzeit, weitgehend in starken, archaischen Naturbildern, mit Regenbogen, Feuerzauber, Wolkenburg. Feuer, Wasser, Erde, Luft und der tiefe Wald, wo Siegfried aufwächst und stirbt. Die Einbindung in die Naturelemente hat Wagner unmißverständlich immer wieder vorgegeben.

Naturbilder in eigenständige Kunstwerke zu verwandeln, war für die bedeutenden Maler aller Jahrhunderte, von Breughel bis zum großen Edward Hopper, eine Selbstverständlichkeit.

Die Bühnenausstatter können das anscheinend nicht und die Regisseure wollen es nicht. Chéreau war damals noch recht vorsichtig. Damals begann die Entwicklung, deren rücksichtslose Willkür letztlich konsequent zu den aktuellen Exzessen von Schlingensief und seinesgleichen führten. Eine große Verwüstungs-Welle, die aber ihren Höhepunkt schon überschritten hat.

Und Wagner hat Zeit, viel Zeit. Denn ihm steht die Zukunft weit offen.

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