Tristan – Osaka 1967 / Wieland Wagner – Orange 1973 / Lehnhoff – München 1998 / Konwitschny

Tristan und Isolde, 10.4.1967, Osaka (Japan)

mit Birgit Nilsson, Hertha Töpper, Wolfgang Windgassen, Frans Andersson, Hans Hotter

Dirigent: Pierre Boulez, Inszenierung: Wieland Wagner

Das Video des japanischen Tristan-Gastspiels in Osaka, eine Live-Aufnahme vom 10. April 1967,  ist (neben  der Walküre) die einzige Dokumentation einer Inszenierung von Wieland Wagner, vollständig bis auf einen Schnitt in der Liebesszene.

Die Klangtechnik ist akzeptabel. Die Kameraführung ist professionell. Leider ist alles schwarzweiß, recht unscharf und teilweise schlecht ausgeleuchtet. Deshalb ist auch gar nichts zu sehen von den Details der farbigen Lichtregie. Mit  Wieland Wagners Tod am 17.10.1966 endete die goldene Zeit Bayreuths und ihre vielen szenischen und musikalischen Sternstunden.

Wenig an bewegtem Filmmaterial ist überliefert aus dieser Zeit. Doch Literatur und Photos sind mittlerweile in Fülle vorhanden, auch wenn sicher in den Archiven noch manche Überraschung verborgen ist.

Die bekannten visuellen Chiffren, Monumentalsymbole Wieland Wagners sind in dieser Aufzeichnung nur in Umrissen erkennbar – das gebogene Schiffsheck, der ragende Turm, der Söller im dritten Akt. Geblieben ist nur ein Schatten der archetypischen Visionen, eine ferne Erinnerung. Das ganze wirkt wie ein archäologischer Fund, aus dem man gewisse Rückschlüsse ziehen kann.

Gut erkennbar ist die intensive Personenführung, die sich immer der Musik unterordnet. Rasche, konzentrierte Bewegungen in dramatischen Augenblicken, dann wieder meditative Reglosigkleit in den langsamen Passagen.

Birgit Nilsson gelingen mühelos vulkanische Ausbrüche. Wolfgang Windgassen entfaltet seine ganze Kraft in den ergreifenden Sehnsuchts- und Fieberphantasien des dritten Aktes. So bleibt der Nachwelt auch ein visuelles Denkmal dieses Jahrhundert-Tristans.

Die beiden blasseren Personen fügen sich ein in das anspruchsvolle Gesamtbild. Hertha Töppers gefühlvolle Brangäne und die dämonisch grollenden Alberich-Töne von Frans Andersson.

König Marke ist diesmal keine gebrochene, weinerliche Erscheinung, bei der man das Ende des langen Monologs herbeisehnt. Hans Hotter tritt auf als hochragende gotische Herrschergestalt. Der verratene König zeigt kämpferischen Elan, ganz der unvergessene, aufbrausende Wotan des Neuen Bayreuths.

Pierre Boulez, selbst ein moderner Komponist, tritt ganz hinter das Werk zurück. Er steigert nicht den melancholisch verzehrenden Klangrausch wie Carlos Kleiber, sondern er deutet gewissenhaft, mit raschen Tempi, die Rätselzeichen der gewaltigen Partitur und läßt von innen heraus einen hellen Glanz aufleuchten.

__________________________________________________

Tristan und Isolde, 7. Juli 1973, Amphitheater in Orange (Frankreich)

mit Birgit Nilsson, Ruth Hesse, Jon Vickers, Walter Berry, Bengt Rundgren, Stan Unruh, Horst Laubenthal

Dirigent: Karl Böhm, Inszenierung: Nikolaus Lehnhoff

Die Aufzeichnung vom 7.7.1973, eine Live-Aufnahme in Farbe, stammt aus dem römischen Amphitheater im südfranzösischen Orange. Die DVD ist vor allem etwas für Sammler. Denn die Aufnahmetechnik entspricht nicht dem heutigen Standard. Die Kameras (eine aus der Ferne, eine für Großaufnahmen) bringen ein Bild, das manchmal verwackelt ist und gelegentlich amateurhaft wirkt, aber die Details sind aus der Nähe ordentlich erkennbar.

Das einheitliche Bühnenbild ist abstrakt, kreisrund und umrahmt von zwei beweglichen, halbkreisförmigen Treppenstufen. Optische Veränderungen werden durch eine aktive Lichtregie ausgelöst. Im ersten und dritten Akt dominieren weiß und blau. In der Liebesszene sieht man schrille Schockfarben, da wird z.B. violett neben orangefarben und gelb gesetzt. Ein Nachhall von Wieland Wagners Stil, zu dessen Assistenten auch der Regisseur Nikolaus Lehnhoff gehörte.

Karl Böhms zügige, recht nüchterne Wagnerauffassung ist bekannt. Er ist kein Freund des Mystisch-Schwelgenden. Der Orchesterklang ist leider recht mulmig, verwaschen. Es fehlt unter freiem Himmel die akustische Reflexion durch feste Bühnenwände. Wenn die Sänger loslegen, tritt das Orchester oft zu sehr in den Hintergrund.

Die einzige Einschränkung bei den Solisten gilt Bengt Rundgren (König Marke), der mit einem merkwürdigen Kopfputz auftritt, einer schlecht sitzenden Silber-Vollbart-Perücke. Den heiklen Monolog bringt er etwas blass und recht einschläfernd hinter sich.

Birgit Nilsson und Jon Vickers sind in Hochform. Nilsson klingt trotz ihrer ausladenden Riesenstimme hier oft weich und mädchenhaft. Vickers, mit bedenklicher Aussprache, bei der e-Vokale sich in schräge ä-Laute verwandeln, läßt einen machtvollen Tristan erschallen. Mühelos bewältigt er die großen ekstatischen Bögen und hat noch alle archaischen Kraftreserven für den entfesselten Fiebermonolog. Ruth Hesse (Brangäne) und Walter Berry (Kurwenal) fügen sich in das gute stimmliche Gesamtbild ein.

Ein Dokument einer vergangenen Ära großen Wagnergesangs, aus der es leider nur wenige vollständige Filmaufzeichnungen gibt.

_________________________________________________

Wagner, Tristan und Isolde, München 1998

mit Waltraud Meier, Marjana Lipovsek, Ion Frederic West, Bernd Weikl, Kurt Moll

Dirigent: Zubin Mehta, Inszenierung: Peter Konwitschny

2 DVDs, 241 Minuten.

Der erste Akt in gleißender Sommerhitze, auf dem Deck eines modernen weißen Luxusdampfers. Isolde und Brangäne trinken Cocktails aus Strohhalmen und verweilen auf mondänen Hollywood-Liegestühlen. Alles ist papageienbunt und bonbonfarben. Eine gelangweilte Wohlstandsgesellschaft, die alles hat, aber mit ihrer archaischen, triebhaften Animalität überhaupt nicht zurechtkommt.

Dazu lieferte Zubin Mehta die schwarze Gegenwelt, düstere, melancholische Klänge, die hinter der schrillen äußeren Fassade die seelische Not aller Beteiligten in eindringliche Klänge verwandelte.

Waltraud Meier – diesmal stimmlich in Hochform. Sie erinnerte an Kirsten Flagstad. Auch darstellerisch war sie ein Naturereignis, da sie den Text in jedem Detail und allen Nuancen leidenschaftlich mitlebte, ja mitfieberte. Marjana Liposvek stand ihr nur wenig nach. Auch Ion Frederic West war ein grandioser Tristan. Er erinnerte in der schwelgenden Stimmgewalt an den unvergessenen Ion Vickers.

Wer sich über Bayreuths derzeitiges Mittelmaß ärgert, kann mit dieser Aufnahme die Welt vergessen.

Wagners düsteres Nachtstück in helles Licht getaucht, das ist sehr ungewöhnlich. Aber was hat man nicht schon alles erlebt – bei den wilden Neuschöpfern und Stückzertrümmerern.

Im ersten Akt sieht man ein buntes Farbenspiel vor dem Hintergrund eines azurfarbenen Himmels, im Stil des spanischen Malers Joan Miró (1893-1983), mit einem surrealistisch verbogenen Schiffsheck, das anscheinend der Blitz getroffen hat.

Das Deck eines Luxus-Schiffs mit modernen weißgelben Liegestühlen. Die Damen in vornehmen Abendroben trinken Cocktails aus Strohhalmen, die der „junge Seemann“ singend im Kinder-Matrosenanzug serviert.

Bei der ersten „Botschaft von Isolde“ sitzt Tristan gerade vor dem Spiegel, ein weißer Batzen Rasierschaum auf der rechten Wange, der auch bei seiner späteren Begegnung mit Isolde immer noch häßlich im Gesicht herumklebt. Während sie ihn anschreit und ihm heftige Vorhaltungen macht, schabt und wischt er sich gleichzeitig, unappetitlich und ganz, ganz langsam den feuchten Schaum aus dem Gesicht. Das ist ein so ausdauernder, lächerlicher Einfall, dass er total von der aufwühlenden Musik ablenkt.

Sehr kostbare, farbige Kostüme sieht man im zweiten Akt. Der Wald wird durch schwarzblaue Kegel angedeutet. Isoldes Papierfackel erinnert an einen afrikanischen Zauberfetisch und bewirkt ein flammend rotes Erglühen der gesamten Bodenfläche.

Schnell folgt die Ernüchterung. Tristan schiebt ein billig-schrilles, kanariengelbes Ikea-Sofa mit aufgedruckten Blumen herein. Auf diesem grellen, Zahnschmerzen auslösenden, altproletarischen Möbelstück findet immerhin die gesamte grenzensprengende Liebes-Szene statt. „O sink hernieder, Nacht der Liebe.“ Da nehmen die beide Liebenden immer wieder geriffelte Gläser mit rötlich flackernden Teelichtern in die Hand. Wunderkerzen hätten auch gepaßt.

Beim überraschenden Auftritt von König Marke im goldfarbenen langen Königsgewand wird die Bühne plötzlich wieder von bunten Farben überflutet. Stilisierte rote Baumstämme vor einem dunkelblauen Hintergrund. Die Jagdgesellschaft trägt grünschimmernde Gewänder mit spitzen Jägerhüten. Das ist eine farbenschwelgende Augenweide.

Im dritten Akt sieht man eine graue, gammelige Wand aus langen Papierfahnen, mit unverputzten, offenen Schweißnähten, wieder einmal an trostlose östliche Plattenbauten gemahnend, mit einem halbgeöffneten, dunklen Fenster, dazu die hintergrundfüllende Projektion einer mittelalterlichen Burg. Es folgen wechselnde Bilder von einem einsamen blonden Kind mit einem Hund, spielend mit einem Holzstock am weiten Meeresstrand, eine großformatige Muttergestalt und andere Kindheits-Assoziationen.

Das berührt tief, weil es genau an die archaischen Urbilder rührt, die alle sternenstürmenden Wagnerwerke ganz und gar durchdringen.

Zum Schluss liegt allerlei proletarisches Gerümpel-Mobiliar kreuz und quer herum, vor einem grauen, vergammelten Heizkörper. Tristan erscheint in bodenlanger dunkler Mönchskutte. Isolde nähert sich in einem nachtblauen Sternenmantel mit schulterlanger rotbrauner Lockenperücke, wie der Zauberer Merlin. Dann zieht er ihr den Sternenmantel aus.

Beide, jetzt ganz schwarz gekleidet, entfernen sich aus der waffenklirrenden, unruhigen Realität. Sie schließen langsam den roten Bühnenvorhang, schreiten eine Treppe herab und betreten vor dem geschlossenen Vorhang eine andere Welt.

Wagners großes Thema der Transzendenz, der geistigen Transformation wird hier angemessen umgesetzt.

Beim ganzen langen Liebestod sieht man nur noch das ausdrucksvolle, ekstatische Gesicht der großartigen Waltraud Meier. Dann gehen die Liebenden einfach fort, während sich der weite Vorhang noch einmal ganz kurz wieder öffnet. Marke und Brangäne stehen stumm vor zwei blumengeschmückten weißen Holzsärgen.

Das ist reine Theatermagie !

Die subtile Personenführung in diesen ausufernden vier Stunden ist ohne jedes falsches Pathos – ein phantasievolles Wunderwerk zahlloser Details, intensiv, spannend, eindringlich. Mimik und Gestik der Solisten halten auch schwerelos den vielen Großaufnahmen stand. Hervorragend!

Der musikalische Teil ist außerordentlich schön. Dirigent Zubin Mehta trifft den hochromantischen, drängenden, fiebrigen Grundton des Werks von Anfang an und bewahrt ihn bis zum Schluß. Die Sänger sind von erlesener Luxusklasse. Ion Frederic West erfüllt die extremen Anforderungen der mörderischen Tristan-Partie mit nie nachlassender, exzessiver Ekstase, vor allem in den grenzwertigen Fieber-Phantasien des dritten Aktes.

Kurt Moll belebt die oft lähmende, langweilige Klage des Königs Marke mit voluminösem, dramatischem Feuer. Bernd Weikls weichem Kavaliersbariton fehlt als Kurwenal die charakteristische Schärfe. Marjana Liposveks klangschöne Brangäne hat das oft bedauerte Rollenschicksal dieser Figur – sie bleibt unauffällig. Bei Waltraud Meier versöhnt die kraftvolle, intensive Rollengestaltung mit der zu hoch gelegenen Partie. Sie soll auch die einzige gewesen sein, die sich auf den Proben diversen schrägen Regieeinfällen widersetzte.

Das Publikum jubelt anschließend bei den Solisten, trampelt heftig bei Waltraud Meier und Ion Frederic West. Zum Schluß steht das dominierende Orchester mit dem Dirigenten zu Recht ganz allein auf der Bühne.

Das wichtige Regie-Team sieht man überhaupt nicht. Im Booklet wird der Name des Produktionsdramaturgen W. H. überhaupt nicht erwähnt, obwohl jeder weiß, wie wichtig solche  textsicheren, lautlos im Hintergrund wirkenden fleißigen Geister sind. Im viel zu raschen Nachspann erscheinen allerdings ein paar Namen und ein beschämend kurzer Hinweis: Production Researcher (Produktionsforscher): W.H.

Das ist zu wenig.

Ein Haupteinwand bleibt, trotz grandioser Einzel-Eindrücke: Die zahlreichen Text-Verweise auf das Mittelalter (König, Schwert, Rache) werden ignoriert.

Alles wird in ein künstlich aktualisiertes, amerikanisiertes Luxus-Milieu übertragen. Dazu allerdings ergibt Wagners konkreter Text an einigen Stellen überhaupt keinen Sinn mehr, und die Deutung entspricht nicht mehr der Vorlage.

Schlimmer noch war das zwei Jahre vorher, beim Parsifal  in München. Vom gleichen Produktions-Team wurden die Erleuchtungs- und Erlösungs-Ideen willkürlich umgedeutet und in das Gegenteil verdreht, in eine graue, atheistische, nihilistische, altsozialistische Depressivität.

Diesmal wollte man es besser machen, lebensfroher – und so wurde aus Tristans Todesdrama das Gegenteil, ein buntes, von starken Farben und Licht durchflutetes Hollywood-Spektakel.

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter 11.b - Wagner-DVDs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.