Meistersinger – Berlin 1995 / Götz Friedrich – Bayreuth 1984 / Wolfgang Wagner – Metropolitan Opera 2001 / Otto Schenk

Meistersinger, Deutsche Oper Berlin 1995

mit Eva Johansson, Wolfgang Brendel, Gösta Winbergh, Victor von Halem

Dirigent: Rafael Frühbeck de Burgos, Inszenierung: Götz Friedrich

Im Hauptmenü der DVD sieht man das Bild des biblischen Königs David, mit einem sechszackigen goldenen Stern. Dies Bild erscheint später auch auf der Meistersingerfahne. Eine schöne Anspielung. Im ersten Akt erinnert sich Eva beim Anblick des zugereisten Ritters Stolzing an den “König mit der Harfe, dessen Kiesel den Goliath trafen, wie ihn uns Meister Dürer gemalt.” Der biblische Herrscher David, auch als Sänger bekannt, machte die Stadt Jerusalem 1000 Jahre vor Christus zum Zentrum seines Herrschaftsgebiets und des jüdischen Glaubens.

Bei der bekannten Schlussansprache von Hans Sachs verschwindet die stets präsente Silhouette der Stadt Nürnberg, und das gesamte Bühnenbild verdunkelt sich schlagartig. Diese geschichtliche Symbolik, der Hinweis auf die Judenverfolgung im Dritten Reich, ist deutlich.

Während des ersten Aktes beherrscht ein riesiges Kirchenfenster eindrucksvoll den ganzen Hintergrund. Dieses hell leuchtende Zeichen der religiösen Meditation vertieft die Wirkung des Sichtbaren und ist ein Kontrast zur nüchternen Alltagswelt der geschäftigen Handwerker.

So weit so gut. Doch Regisseur Götz Friedrich führt diese philosophischen Assoziationen nicht weiter fort.

Irgendeine große Idee scheint der  Aufführung nicht zugrunde zu liegen.

Man sieht ein putziges Gewimmel pittoresker Gestalten, in schlecht geschneiderten, historisierenden Kostümen, mit denen man sich nicht viel Mühe gegeben hat. Dazu kommt eine altbackene Personenführung, noch aus Großvaters Zeiten. Besonders peinlich ist die unbeholfene Pantomime von Eva und Walther bei ihrer ersten Begegnung.

Auch die aufwendige Festwiese ist nicht mehr als ein harmloses, buntes Alt-Berliner Tableau aus Kaiser Wilhelms Zeiten. Dabei verliert auch das Preislied seine Wirkung, mit den hymnischen Anklängen an das Paradies. In dieser Umgebung ist alles zu banal und einige Nummern zu klein für Wagners Weltkomödie.

Eva Johansson, mit blonder Ponyfrisur, meterlangem Zopf und treuherzigem Augenaufschlag, wirkt wie eine Karikatur, auch ihr Gesang reißt nicht mit. Victor van Halem (Pogner) strahlt sonore Wärme aus, bleibt aber blass. Uwe Peper schmettert einen soliden David. Eike Wilm Schulte (Beckmesser) ist darstellerisch und gesanglich eine Freude, er charakterisiert den pedantischen Stadtschreiber sehr lebhaft.

Gösta Winbergh füllt die große Partie des Stolzing solide aus, doch man vergleicht ihn etwas ernüchtert mit anderen. Herausragend ist Wolfgang Brendel als jugendlicher Sachs, mit weichem, geschmeidig geführtem Bariton und zurückhaltendem Auftreten. Die eindringliche Wirkung seiner großen Vorgänger erreicht er nicht, aber dieser Darstellung schaut man interessiert zu und hört auch ganz ungewohnte Zwischentöne.

Der Dirigent Rafael Frühbeck de Burgos hat möglicherweise keinen rechten Zugang zu Wagners Klangwelt. Alles klingt ein wenig verwaschen, undeutlich, und viele Details gehen unter, die von anderen Dirigenten deutlicher herausgearbeitet werden. Vielleicht liegt es auch an der Aufnahmetechnik.

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Die Meistersinger von Nürnberg, Bayreuth 1984

mit Mari Anne Häggander (Eva), Marga Schiml (Magdalene), Bernd Weikl (Sachs) , Siegfried Jerusalem (Stolzing), Hermann Prey (Beckmesser), Graham Clark (David), Manfred Schenk (Pogner), Jeff Vermeersch (Kothner)

Dirigent: Horst Stein, Inszenierung: Wolfgang Wagner

2 DVDs, 267 Minuten

Ausstattung und Kostüme zitieren ausgiebig historische Vorbilder, die Farben sind bunt und freundlich. Eine anheimelnde Atmosphäre ist durchgängig zu spüren. Echte Sträucher, Obstkörbe, und im dritten Akt dominiert das grüne Laubdach einer Tanzlinde.

Leider ist das nicht genug für diesen Ausnahmefall, für den grenzensprengenden Geniestreich von Wolfgang Wagners Großvater.

Richard Wagner, der sonst gern die geheimnisvollen mystischen Nebelschwaden alter Legenden und archaischer Sagen bevorzugte, hat hinter den naturalistischen Nürnberger Milieubildern ganz andere gedankliche Schwergewichte versteckt.

Aber zunächst zur Musik.

Mari Anne Häggander (Eva) zwitschert und piepst sich munter lächelnd durch die Rolle, brav und anständig. Auch Bernd Weikls lyrischer Kavalierbariton (Hans Sachs) fügt sich angenehm in die harmonietrunkene Inszenierung ein. Allerdings ist seine Deutung viel zu eindimensional. Fast ganz verschwinden die groben, düsteren, aggressiv  polternden Aspekte des Schusterpoeten.

Graham Clark (David): Der helle Spieltenor quengelt und quäkt unterhaltsam, hat jedoch einige unüberwindbare Grenzen im engen Volumen und in der Höhenschärfe.

Siegfried Jerusalem (Stolzing) klingt etwas hausbacken und trocken. Frühlingslied und Preislied hat man schon sehr oft von anderen Wagnertenören viel inniger und emotionaler gehört. Manfred Schenk (Pogner) ist textklar, im Ausdruck aber begrenzt. Vielleicht gibt es auch hier schon im Ohr zu viele andere Sängerkonkurrenten. Der verstorbene Hans Hotter war seinerzeit in dieser Rolle ein ganz anderes Schwergewicht. Jeff Vermeersch (Kothner) säuselt mit einem angenehmen Belcanto-Baß. Für die unerbittlich strengen Regeln der Tabulatur fehlt ihm jedoch die glasklare, gellende Schärfe des unvergessenen Josef Metternich.

Ein Ereignis ist Hermann Prey (Beckmesser). Er sprengt die Rolle des begrenzten, trockenen Stadtschreibers und gestaltet sie nobel und diffizil, emotional ausgefeilt wie seine berühmten Abende mit nuancierten Schubertliedern. Er ist von Anfang an sympathisch, und damit fügt er sich in das harmlos biedere Konzept dieser Inszenierung nahtlos ein.

Auch der Dirigent Horst Stein erzeugt einen milden Orchesterklang, dessen weiche, verwaschene Konturen einen undeutlichen, wohlgefälligen Gesamteindruck erzeugen.

Regisseur Wolfgang Wagner orientiert sich streng an der Vorlage des Librettos. Mittlerweile ist das eine Seltenheit. Doch leider ist das Ergebnis viel zu bunt und brav.

Ein humorvoller Vereinsabend mit kleinbürgerlichen Honoratioren. Ausgerechnet das wollte Richard Wagner kräftig karikieren und ironisieren. Sein Enkel hat das leider nicht verstanden.

Deshalb gehen viele scharfe Farben von Wagners genialer, kritischer, doppelbödiger Nürnberger Kunst-Chronik spurlos unter im bescheidenen Klamauk. Übrig bleibt ein harmloser fränkischer Komödienstadl. Die strenge Prügelfuge im zweiten Akt mit den weißen Zipfelmützen und schlotternden Nachthemden ist überhaupt nicht bedrohlich, sondern nur noch unbeholfen und lächerlich.

Vor allem fehlen die geheimnisvollen, mystischen Elemente des Werks, die man mit einer aktiven Lichtregie und mit einer ganz anderen Ausstattung hätte sichtbar machen können, magisch und unvergeßlich.

In der Schlußszene taucht Wolfgang Wagner sogar als kostümierter Statist leibhaftig auf und führt Sachs und Beckmesser versöhnlich zusammen, friedlich und harmonisch.

Viereinhalb Stunden dauert dieses brave fränkische Spaßtheater. Das fröhliche Volksfest ist jedoch viel zu wenig für die grenzensprengenden Kategorien dieses hintergründigen Spätwerks. Richard Wagners Allegorien und Metaphern beschwören eine magische Welt universaler, kosmischer Gestalten und Bilder.

Wolfgang Wagner gelang das nicht.

Doch was bringen die anderen Regisseure?

Im Vergleich zu wilden, kreischenden, willkürlichen Werkverfälschungen ist diese Inszenierung immerhin angenehm und behaglich anzuschauen, aber leider viel zu vordergründig und oberflächlich.

Doch – wer das alles viel besser kann, ohne das Werk gleichzeitig brutal zu zerstören, muss sich erst einmal finden.

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Meistersinger, Metropolitan Opera New York, Dezember 2001

Dirigent: James Levine, Inszenierung: Otto Schenk, 292 Minuten

Diese Meistersinger-Inszenierung stammt von 1993, die Film-Aufzeichnung entstand erst acht Jahre später. Jeder, der den Theaterbetrieb im Alltag kennt, weiß, was sich da alles im Lauf der Zeit abschleifen und verschlechtern kann. Wie es bei der Premiere wirklich aussah, weiß man nicht.

In den DVD-Aufzeichnungen von Otto Schenks New Yorker Arabella und seiner Münchner Fledermaus erlebt man jedenfalls eine unangestrengte, dezente Gebärdensprache.

In dieser Aufzeichnung gibt es das allerdings nicht. Vieles ist neckisch, unbeholfen, unbedarft, die Sänger waren sich, je nach Begabung, großenteils selbst überlassen. Sogar bei der großen Prügelfuge balgen sich nur ein paar schemenhafte Gestalten harmlos im Halbdunkel, während der Chor aufgeregt mit den Armen herumfuchtelt. Als laienhaftes Kasperlspiel sind die Meistersinger natürlich extrem unterbewertet.

Günther Schneider-Siemssens aufwendiges Bühnenbild folgt den Regieanweisungen Richard Wagners, der bei diesem Stoff ganz bewußt kein mythologisches, archaisierendes Nirgendwo wählte, sondern eine konkrete historische Epoche im 16. Jahrhundert. Die stimmungsvollen Bilder sind historischen Vorlagen nachempfunden. Zunächst die hohen Gewölbe der Katharinenkirche. Auch die Schusterstube erinnert an zeitgenössische Gemälde. Der zweite Akt zeigt solche Fachwerkhäuser, wie man sie tatsächlich im Nachkriegs-Nürnberg rund um das Dürerhaus rekonstruiert hat. Wie auf der Festwiese, so sehen die Gemäuer auch heute aus, unterhalb der Nürnberger Burg.

Die bunten, harmlosen Kostüme von Rolf Langenfass mit den häßlichen, unförmigen Hauben und Schleiern sind teilweise nicht besonders geschmackvoll. Manches sieht kitschig aus, nach herausgeputzten Trachtenvereinen oder sogar nach Rumpelkammer. Den Rang des Nürnberger Malers Albrecht Dürer erreicht man damit nicht.

An der Spitze der Sänger begeistert Karita Mattila (Eva), die ich schon vor einem Jahrzehnt in dieser Rolle live auf der Bühne bestaunt habe. Ihr eindringlicher, leuchtender Sopran überstrahlt alles, auch zusammen mit ihrer engagierten Darstellung. Vokal herausragend ist auch Ben Heppner kultivierter, lyrischer Walther, der alle Untiefen und Gipfel der Rolle leicht bezwingt.

Die natürliche Spielfreude von Thomas Allen (Beckmesser) und seine markante Stimme geben den Stadtschreiber-Intrigen lebhaften Schwung. René Papes (Pogner) respekteinflößende Stimmgewalt ist hier zu sehr zurückgenommen. Er wirkt gelegentlich sogar matt und abwesend (“Das schöne Fest, Johannistag”).

Matthew Polenzani (David) klingt jugendlich hell, John del Carlo (Kothner) mit scharfer Strenge.

James Morris (Sachs) hat seine beste Zeit wohl hinter sich. Manche leisen Stellen gelingen noch elegisch, aber wenn diese vielschichtige, alles durchdringende Rolle so blass und eindimensional, teilweise ganz überfordert herüberkommt, fehlt dem ganzen Werk eines der wichtigsten Elemente.

Ein Höhepunkt ist das Quintett vor der letzten Szene. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Die fünf Solisten harmonieren makellos, die kunstvollen Gesangslinien verflechten sich ineinander und steigern glanzvoll die meditative, innige Szene.

Ein Erlebnis für sich ist der Orchesterklang. Das lärmende Blech ist gedämpft, die Streicher jubilieren bis in höchste Höhen und erzeugen einen weichen, empfindsamen Klang. Das gemessene Tempo ist von Spannung erfüllt. Es gibt viele bedeutende Vergleichsaufnahmen dieser umfangreichen Musik, aber hier ist noch einmal ein orchestraler Gipfelpunkt erreicht. All die subtilen Kostbarkeiten und Zwischentöne , die verträumte Mondnacht, die strahlende Festwiese, werden hier ausgekostet. Schon zu Beginn, während der Ouvertüre, lacht James Levine immer wieder hoch zufrieden und singt tonlos mit. Offensichtlich liebt er diese Musik, und so klingt es dann auch.

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