Parsifal – Baden-Baden / Lehnhoff

Parsifal in Baden-Baden

mit Christopher Ventris, Waltraud Meier, Tom Fox, Matti Salminen, Thomas Hampson,

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Festspielchor

Dirigent: Kent Nagano, Inszenierung: Nikolaus Lehnhoff

Dirigent Kent Nagano zeigt im dahinflutenden Parsifal-Vorpiel ein Gespür für silberfarbene, erlesene Eleganz. Das ist sehr viel, aber reicht das aus?

Nach dem Vorspiel setzen die Sänger ein. Viele unauffällige Passagen im Hintergrund klingen vordergründig, glatt und banal. Es fehlt insgesamt das Geheimnisvolle, gravitätisch Schwingende, das Mystische, das emotional überwältigende, die innige Romantik, die ein wesentliches Merkmal dieses Werks ist.

Die Sänger sind außergewöhnlich gut zu verstehen. Die Stimmen entfalten sich frei. Alle Solisten sind ausgezeichnet. Christopher Ventris in der Titelrolle quäkt und drückt ein wenig. Tom Fox erscheint als Klingsor mit schlanker, gellender Stimme.

Das klingt alles makellos und perfekt. Im Aufnahmestudio wurde wohl kräftig nachgeholfen und verbessert, mit moderner Klang-Mischtechnik und Frequenzreglern.

Matti Salminen (Gurnemanz) überzeugt mit klaren, schlanken Gesangslinien. Kürzlich stand er im Kaufhaus Beck in der riesigen Klassik-CD-Abteilung neben mir und hat ganz freundlich gegrüßt, mit gewohnter schwarzer Schultertasche.

Waltraud Meier (Kundry), darstellerisch lebhaft und bewegend, ist auch gesanglich in guter Form, mit vielen, gelegentlich auch scharfen Zwischentönen.

Die aufdringlich politisierende Inszenierung unterschlägt wieder einmal die reiche Farbpalette Wagners. Man sieht keinen geheimnisvollen Gralswald, sondern, endlich mal wieder, denn man hat sie schon vermißt – zerlumpte proletarische Bettelritter in staubgrauen Mänteln. Weißgeschminkte Zombies vor grauen, zerlöcherten Betonwänden und herumliegendem Müll, in einer Endzeit-Katastrophe, wie nach einem finalen Weltkrieg.

Anscheinend kann sich niemand vorstellen, daß die freiwillige Gralsgemeinschaft ein grandioser, schwieriger Versuch ist, sich innerlich zu lösen von den materiellen Zwängen der Außenwelt und sich meditativ zurückzuziehen auf das Wesentliche, das Innenleben.

Bei diesem Thema hat Wagner starke buddhistische Elemente verarbeitet.

Diese Möglichkeit wird hier wieder einmal primitiv denunziert und lächerlich gemacht.

Parsifal taucht auf als Indianer mit Kriegsbemalung. Kundry als rotbunter Feuervogel. Sie sieht aus wie das süddeutsche Fabelwesen, der sagenhafte, nie gesehene, schruppige Wolpertinger aus dem tiefen Bayerischen Wald.

Die Verwandlung zur Gralsburg beschränkt sich auf große kreisende, ventilator-ähnliche Lichtstreifen.

Spukhaft ist auch die kerkerhafte Gralsburg mit den großen bläulichen Metallplatten.

Titurel schaut aus einer schwarzen Bodenluke heraus, als schwarzes Knochengespenst in goldfarbener Rüstung. Amfortas trägt eine goldene Krone, aber er ist in ein zerfetztes weißes Leichengewand gehüllt. Die Gralsritter sind vermummte Gruselgestalten in bläulichen Gewändern.

Beim Aufleuchten des Grals starren alle auf ein langes, hellglühendes Bettlaken. Das sind entsetzliche Horrrorszenen, die gar nichts zu tun haben mit dem Werk, auch nichts mit der archaisch schwelgenden und glühenden, transzendenten Musik.

Der Gral ist die höchste Stufe der Erkenntnis, die innere Erleuchtung. Wagners großartige Idee seines Welt-Abschiedswerks wird hier geschmacklos einfach auf den Kopf gestellt.

Der Zauberer Klingsor erinnert an einen Marienkäfer oder eine Libelle. Die Blumenmädchen wallen herum in kalten, bonbonfarbenen, blauroten Gewändern oder sie sind tanzende Insekten. Auch Kundry sieht aus wie ein blaugelber Maikäfer mit braunen Flügeln.

Im dritten Akt überraschen auf den grauen Betonplatten ein paar parallele, stählerne Schienengleise („Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“). Parsifal erscheint als pechschwarzes Hirschkäfer-Insekt mit starren Fühlern. Beim Karfreitagszauber ist Kundry voll im Einsatz, als weiße Krankenschwester mit rundum bandagiertem Kopf, wie nach einem schweren Verkehrsunfall.

Immer wieder muß sie peinlich niederknien und den Kopf senken. Geschmacklos. Gurnemanz breitet dann die Arme weit aus zum Kreuzsymbol. Die Umgebung bleibt beim lichtdurchfluteten Frühlingszauber gespenstisch, bläulich schwarz. Das ist Unsinn.

Genauso unsinnig  geht es weiter im Gralstempel. Vermummte, hysterische, herumwankende Elends-Gestalten in Proletarier-Uniformen, die sich auf dem Boden herumwälzen oder drohend die Arbeiterfäuste recken. Amfortas läuft sogar hektisch mit der grauen, leblosen Totenpuppe von Titurel herum. Zum Schluß küssen sich auch noch Klingsor und Kundry. Das ist eine sehr interessante, absurde, aber wahrscheinlich noch nie dagewesene Idee.

So wüten entfesselt, selbstverliebt die Top-Regisseure, die Wagners grandioses letztes Werk, sein rätselhaftes Opus Summum, so brutal verunstalten und den Sinn in das Gegenteil verkehren.

Wagner zeichnete atemberaubend die menschliche Entwicklung, vom ahnungslosen, unschuldigen, fehlerbehafteten jungen Parsifal und seinem qualvollen Fortschritt durch Prüfungen, Schicksalsschläge und Enttäuschungen bis zum höchstem Grad der Erkenntnnis, der kosmischen Erleuchtung und der lichterfüllten, ewigen Transzendenz, dem Überschreiten aller Kategorien, Ideologien und Denkweisen. Die Transformation des Geistes.

Sehen kann man das alles übrigens immer noch in einem einzigen Opernhaus, in der beständigen Mannheimer Inszenierung von Hans Schüler, geschaffen im Jahr 1957, frei nach den genialen Ideen Wieland Wagners.

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