Die Nibelungen, Kinofilm 1966 / Harald Reinl – Nibelungen 1924 / Fritz Lang – Excalibur, Kinofilm 1981 / John Boorman

Wer immer noch glaubt, dass Wagner gar nicht werktreu umgesetzt werden kann, verneige sich in Respekt vor dieser grandiosen, monumentalen Verfilmung des Nibelungenlieds:

Die Nibelungen, Kinofilm 1966

Teil 1, Siegfried – Teil 2, Kriemhilds Rache

mit Karin Dor (Brunhilde), Maria Marlow (Kriemhild), Uwe Beyer (Siegfried), Siegfried Wischnewski (Hagen), Rolf Henniger (Gunther), Herbert Lom (Etzel)

Regie: Harald Reinl, Musik: Rolf Wilhelm

Harald Reinls farbenprächtiger, fast dreistündiger „Nibelungen“-Film im Kino-Breitwandformat ist insgesamt sehr wagnerisch inspiriert. Im dramatischen (gesprochenen) Dialog werden auch immer wieder wörtliche Wagnertexte aus dem “Ring” verwendet, z.B. “Nacht und Nebel. Niemand gleich.” Stimmungsfördernd ist auch die donnernde, wagnernahe, aber sehr eigenständige Musik von Rolf Wilhelm. Er kommt völlig ohne musikalische Zitate aus, ist aber in seiner pathetischen, raunenden, grollenden Klangsprache dem Bayreuther Meister sehr nah.

Die archaischen Außenaufnahmen wurden zum Teil auf Island gedreht, der Heimat der Edda. Man sieht unendliche Urlandschaften, ragende Berge, schäumende Wasserfälle, aufschießende Geysire, Wikingerschiffe mit Drachenköpfem.

Und menschliche Gestalten, verloren in einem gigantischen Urzeit-Panorama.

Für die Szenen an Gunthers mächtiger Burg in Worms hat man eine riesige mittelalterliche Halle sorgfältig nachgebaut. Immer wieder werden traumhafte Flußpanoramen des Rheins eingeblendet. Der Zug der tragischen Helden nach Osten wurde in majestätischen Landschaften Jugoslawiens aufgenommen. Das Blutbad an König Etzels Hof steigert sich in immer schaurigeren Gewaltexzessen, bis zum Schluß wieder die letzten Originalverse des Nibelungenlieds zu hören sind, “Nun hat die Mär ein Ende. Das ist der Nibelungen Not.”

Die magischen Bilder des Films gaben einen kleinen Vorgeschmack von dem, was man mit Wagners Hauptwerken noch nie versuchte – bei den heutigen Möglichkeiten!Das Medium Film bietet für jedes Wagnerwerk ungeheure Möglichkeiten, nicht nur billigen Naturalismus. Eine Bezugnahme auf alle Aspekte.

Und mit Filmtricks lassen sich sämtliche optischen Zaubereien Wagners im Ring täuschend echt umsetzen. Rasche Szenenwechsel sind ohne Lärm möglich.

Siegmunds erste Erzählung über die wilden Kämpfe mit Hundings Leuten ließe sich als dramatischer Stummfilm einblenden. Siegfrieds Rheinfahrt wäre endlich einmal auch anzuschauen, und beim Trauermarsch könnte man zu den einzelnen Leitmotiven die vielen Bilder der Erinnerung aus Siegfrieds Leben sehen.

Hier auch noch ein Kommentar zur Musik:

http://www.cinemusic.de/rezension.htm?rid=1539

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Die Nibelungen, Teil 1 und 2

Spielfilm (schwarzweiß), 1922-1924

Regie: Fritz Lang („Metropolis“)

mit Paul Richter (Siegfried), Margarethe Schön (Kriemhild), Hanna Ralph (Brunhild), Hans Adalbert Schlettow (Hagen), Rudolf Klein-Rogge (Etzel)

Musik: Gottfried Huppertz („Metropolis“), Münchner Rundfunkorchester, Leitung: Berndt Heller

Teil 1, Siegfrieds Tod = 2.22 Std. –  Teil 2, Kriemhilds Rache = 2.28 Std.

Was hat ein alter Stummfilm mit Wagner zu tun?

Sehr viel. Wagners umfangreichstes und aufwendigstes Musikdrama ist der vierteilige Ring des Nibelungen. Dazu findet man in diesem berühmten Film viele Bildmotive, die bis heute auf den Opernbühnen nirgendwo zu sehen sind. Es ist ein Triumph der damals schon weltberühmten, sehr frühen deutschen Filmkunst.

Und so ähnlich könnte man auch die archaische Bayreuther Tetralogie inszenieren.

Gottfried Huppertz komponierte für diesen Film eine wagnerähnliche, außerordentlich farbenreiche, pathetische Originalmusik. Sie wurde bei der Restauration des Meisterwerks ganz neu aufgenommen. Es spielt das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Berndt Heller. Eine besondere Leistung, denn bei einem solchen Filmkunstwerk müssen die Töne jede Szene, jeden vorhandenen Bildschnitt genau treffen.

Zu den aufwallenden, magischen Bildern hört man spätromantische Klänge für großes Sinfonieorchester, in denen alles verarbeitet wurde, was stilistisch zwischen Wagner, Bruckner und vor allem Richard Strauss geschaffen wurde. Es gibt dabei keine direkten melodischen Zitate vom Bayreuther Vorbild, außerdem entfaltet sich alles ganz ohne Sänger, die man hier gar nicht vermißt.

Die Musik stürmt dahin wie ein gewaltiger Schicksalsstrom, wechselt ständig die Stimmung, findet viele Zwischentöne zwischen träumendem Verweilen, verzehrender Liebe und destruktivem Haß, impressionistischen Naturbildern und drohender Vernichtungsgeste.

Der gewaltige Klangrausch hat allein für sich grandiosen Bestand. Seine Kraft läßt im ersten Teil nicht nach. Die Musik steigert sich in einer Wechselwirkung mit den expressiven, eindrucksvoll vorbeifließenden Bildern.

Im zweiten Teil erschöpft sich das ganze Unternehmen etwas, durch Längen und Wiederholungen. Die Ereignisse am Hof des Hunnenkönigs Etzel erreichen leider nicht die Kraft und auch nicht die zwingende Geschlossenheit des ersten Teils.

Die digitale Bearbeitung hat alles herausgeholt, was technisch nur möglich war. Die Bildqualität dieser beiden DVDs ist vorbildlich, gemessen an den damaligen Möglichkeiten. Die Restauratoren vom Münchner Filmmuseum und der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung waren sorgfältig und detailbesessen.

Kann man sich heute noch auf einen fünfstündigen Stummfilm einlassen?

Nur, wenn er es wert ist.

Man sieht klare, kontrastreiche Bilder. Da wechseln dramatische Schattenrisse, Nebel, Winterbilder, Naturpanoramen. In den Gesichtern und Gebärden spiegelt sich die menschliche Gefühlspalette vom blitzenden, seligen Hochgefühl bis zur schwarzen Verzweiflung, in ausladenden Gesten und expressiven Großaufnahmen, im Wechsel mit archaischen Landschaften, Monumentalbauten und Naturstimmungen, dunklen Wäldern, glitzernden Flüssen und monumentalen Himmelsbildern. Wikingerschiffe mit Drachenköpfen. Assoziationen einer fernen Vergangenheit.

Der künstliche Pappdrache im Kampf mit Siegfried sieht lächerlich aus. Hier hätte man mit Schatten und Andeutungen mehr erreichen können. Aber das ist auch der einzige auffällige Fehler.

Man sieht gigantische Bauten. Große mittelalterliche Hallen und lange Prunkgewänder. Ein flackernder Vollmond über abweisenden, schroffen Burgmauern. Magische Naturaufnahmen. Wallende Nebel. Schneelandschaften. Das junge Liebespaar im Frühling unter hell leuchtenden Blütenbäumen. Ein künstlicher Sommerwald, dessen überdimensional vergrößerte Baumstämme natürlicher erscheinen als die Wirklichkeit. Hohe gotische Gestalten in langen, ornamentalen Gewändern, die erhobenen Kopfes ihrem Untergang entgegenschreiten.

Das barbarische Heldentum der mittelalterlichen Ritter ist in Frage gestellt, und es verschwindet in den Flammen der zusammenstürzenden Burg des Hunnenkönigs Etzel.

Schon 1933 wollte der Nazi-Propagandaminister Goebbels den Regisseur Fritz Lang zum Chef der deutschen Filmindustrie machen. Doch der setzte sich sofort nach dem Einladungsgespräch in Berlin einfach in den nächsten Zug. Er flüchtete zunächst nach Paris und von dort aus nach Hollywood.

In Amerika fehlten ihm die Wurzeln. Was das für einen großen Künstler bedeutet, ist in diesem Fall gut zu erkennen. Der amerikanische Filmstar Henry Fonda äußerte, „Fritz Lang hat kein Talent für Westernfilme.“ Lang drehte dort 1943 auch einen Film über das Attentat auf den SS-Massenmörder Reinhard Heydrich („Henker sterben auch“ / „Hangmen also die“), aber die Grandiosität seiner unvergleichlichen Frühwerke (Der träumende Tod, Metropolis, Dr. Mabuse, M – eine Stadt jagt einen Mörder) erreichte er in Amerika nicht mehr.

Im Nachkriegsdeutschland schuf er 1958 noch einen zweiteiligen farbigen Monumentalfilm („Tiger von Eschnapur“, „Das indische Grabmal“).

Das gelang nicht mehr so recht.

Die alte Kraft war erloschen. Doch auf diesen beiden DVDs kehrt sie im Triumphzug zurück.

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Excalibur

Spielfilm, USA 1981

mit Nigel Terry, Helen Mirren

Regie: John Boorman

In diesem Kinofilm schallt und tönt  orchestrale Wagnermusik: Die dramatische Handlung wird laufend begleitet von den Vorspielen zu Tristan und Parsifal, Siegfrieds Trauermarsch.

Aber das ist nicht das Entscheidende. Hier sieht man  auch die passenden farbenprächtigen Bilder des Mittelalters, nach einer Erzählung des Engländers Thomas Malory aus dem Jahr 1485, mit dem Titel „Arthurs Tod“.

Es ist das ganze schwelgende Panorama der berühmten englischen Sage vom König Arthur. Sie treten alle auf: Der Zauberer Merlin, die Ritter der Tafelrunde, Lancelot, Parzival, und ein Teil der Geschichte ist auch die Kraft des Gralskelches, die Wagner lebenslang beschäftigte.

Dazu schwelgt die Kamera in grandiosen Landschaftsaufnahmen, Naturstimmungen mit Meer und blühenden Wäldern. Gemäuer in alten Burgen mit ragenden Zinnen. Glitzernde Ritterrüstungen. Wallende Prunkgewänder. Dazu Wolkenstimmungen, Nebelschwaden, Fackeln und lange Schatten. Expressive Großaufnahmen.

Die Wagnermusik erscheint für solche visuellen Phänomene wie geschaffen, hier sieht man genau die Bilder, die man in den Opernhäusern vermißt und um die sich leider auch Otto Schenk und August Everding in ihren bekannten New Yorker Inszenierungen aufwendig aber vergeblich bemühten. Es gibt immer noch keine vollständige Wagnerverfilmung in optisch

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