Straßenmusikanten, „H’ugo’s“ Pizzeria, Margot Werner

30.9.2010. In der fünften Etage des Münchner Kaufhauses Beck am Marienplatz befindet sich eine gewaltige Sammlung klassischer CDs und DVDs, mit vielen seltenen historischen Aufnahmen. Zu den Neuerscheinungen gehört die Silberscheibe „Wiegenlieder“, auf der Stars wie Angelika Kirchschlager und Christoph Prégardien alte Kinderlieder singen.

Das ist gut gelungen, mit ausgefeilter, nuancierter Wortgestaltung und trotzdem leicht und natürlich in der Melodieführung, ohne aufgedonnertes Operngetue.

Kinderlieder waren vor der massenhaften Verbreitung der allgegenwärtigen multimedialen Lärmerzeugung für viele Menschen der erste Kontakt zur Musik, die Entdeckung einer grenzenlosen Welt, in der Worte sich verbinden mit Klängen und das Innenleben inspirieren.

Am Marienplatz, vor dem wimmelnden Gedränge am hässlichen Kaufhof-Eingang wechseln sich im Sommer viele Straßenmusikanten ab. Für ein paar magere Cent Spendengeld der flanierenden Passanten fiedeln und flöten sie, tanzen und singen stundenlang.

Zur Zeit gastiert dort das „Trio Scherzo“ aus Italien. Ein Klavierspieler im dunklen Anzug mit silberner Krawatte. Die Querflöte mit Jeans und grell grünem T-Shirt. Die Violinistin im Straßenkleid mit gedeckten Herbstfarben. Damit ist das Trio eigentlich komplett, aber dazu kommen noch Kontrabass und Cello in luftiger Freizeitkleidung.

Sie spielen klassische Gassenhauer. Das Trinklied aus La Traviata. Torna a Surriento. Die Habanera aus Carmen. Gefangenenchor aus Nabucco.

Die Querflöte ruft in Abständen den Zuschauern zu, „Bitte machen Sie keine Videos.“ Oft sind das Orchestermusiker, die nur im Konzertsaal gefilmt werden wollen, aber nicht als Straßenmusikanten.

Auf einem Hocker liegen ihre CDs zum Verkauf. Arme Leute. Von den Spendengeldern können fünf Musiker nicht reich werden. Die Spaziergänger gaffen, bleiben stehen und ziehen weiter.

Und dann der Kontrast zwischen Geist und Materie. Schräg gegenüber vom Münchner Luxushotel „Bayerischer Hof“ liegt, hinter einem unauffälligen Hausdurchgang, die schicke Pizzeria „H’ugo’s“, wo wichtige Leute wie die bekannten Fußballer des FC Bayern Stammgäste sind. Auf der offenen Terrasse sind die meisten Marmor-Tische mit feinen Weingläsern und frischen Rosen gedeckt, so dass langweilige Biertrinker gleich abgeschreckt werden.

Im Hintergrund läuft manchmal getragene Klaviermusik vom Band. Aber dominierend ist der vielfältige Klang der menschlichen Stimmen, das Summen, Kichern, Schwirren und Schlürfen. Ein archaischer Chor aus prähistorischer Urzeit.

Am letzten Montagnachmittag tafelte in der Pizzeria „H’ugo’s der deftige Bayern-Trainer Louis van Gaal mit Ehefrau. Zwei Tische weiter speiste ein vornehmes älteres Ehepaar. Der Mann ging fort, und seine etwa sechzigjährige Tischdame, mit einem gepflegten weißen Trachtenanzug, prostete mir unbekannterweise herzhaft zu, mit ihrem luxuriösen Champagnerglas „Moet et Chandon“. Dann rief sie, „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Schon war sie da, leider in einem stark angetrunkenen Zustand und schüttete ihr Herz aus, bis ich höflich sagte, „Sie brauchen jetzt wohl ein Taxi.“ Rasch schaltete sich der aufmerksame Kellner ein und führte sie zum nahen Taxistand.

Reichtum ist oft mit Unzufriedenheit und Einsamkeit verbunden, hinter den Glitzerfassaden der Millionärsvillen. Auf dem Tisch zurück blieb ihre Rechnung, bereits frühzeitig selbst bezahlt, mit vier kleinen Gläsern Moet et Chandon à 13,50, in der Summe 54 Euro. Vom Winde verweht.

Gestern kam ich drauf, woher die Dame mich kennt. Mit der treuen Bayreuth-Besucherin Margot Werner habe ich schon öfter ausführliche Gespräche in einem ihrer Stammlokale geführt.

Dort sah ich gestern die vornehme Dame aus der Pizzeria wieder, die sich offensichtlich genau merkt, wer links und rechts vorbeigeht.

Margot Werners temperamentvolle Auftritte auf dem Roten Teppich gehören zur jährlichen Premiere in Bayreuth. Aber das ist Teil der öffentlichen Show für die Medien. Im persönlichen Gespräch ist sie sehr bescheiden, hat viele spannende Anekdoten zu erzählen und kennt sich mit der Wagnermusik bestens aus. Bevor sie Chansonsängerin wurde, hat sie viele Jahre als Ballett-Tänzerin auf der Bühne der Münchner Staatsoper das Publikum begeistert.

Doch  in Bayreuth spielen die künstlerischen Perspektiven nicht mehr die Hauptsache. Stattdessen führt der pompöse, oberflächliche Schnickschnack des Marketings, des exklusiven gesellschaftlichen Luxusangebots, mittlerweile immer weiter fort von der Hauptsache. Das einzig Wichtige – die Ergründung der Wunderwerke Richard Wagners – leidet dabei unter nervenden Inszenierungen von Selbstdarstellern, wie beim abstoßenden, sinnfreien Ratten-Lohengrin von „Altmeister“ Hans Neuenfels.

Doch das Äußerliche, das große Geld macht sich am Grünen Hügel breit und wird mit üppigen Karten-Kontingenten exklusiv verwöhnt.

Bei der Konzentration auf große Musik dürften die riesigen Abendroben der Damen eher eine Belastung sein, in der Höllenhitze und in den engen Folterstühlen.

Als friedlicher Absacker des Tages taugte gestern noch eine kleine familiäre Arbeiter-Stehkneipe mitten in der Altstadt am Viktualienmarkt, die bis vor kurzem für die unterdrückten sozialistischen Kampfobjekte ein gemeinsam paffender Raucherclub war. Zutritt gab es nur noch für Qualmer mit Mitgliedsausweis. Nach dem totalen Rauchverbot in Bayern sind jetzt die Aschenbecher weg. Dafür klebt hinter der Theke ein gelbes Schild mit der Inschrift: „Nüchtern siehst du furchtbar aus.“

Das steigert wohl jetzt die Umsätze. Dazu nostalgische alte Schlager aus den Lautsprechern, gemeinsames Grölen und derbes Lachen. Die Stimmung steigt, und die ganze Welt ist nur noch Musik.

Luke Kelly – Whiskey In The Jar

http://www.youtube.com/watch?v=QAKx5MNYHtA&feature=related

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