Die Alpträume von Gottfried Knapp

Zur  Bauwut am Grünen Hügel schrieb bereits am  5.8.2009 der angesehene Architektur-Kritiker Gottfried Knapp in der „Süddeutschen Zeitung “ einen empörten Artikel, mit dem Titel „Ein Großcontainer über dem Kindergarten.“

Zitat: „Die zu den Festspielen antretende Gemeinde hat es sich zur Gewohnheit gemacht, beim Verlassen des Festspielhauses geflissentlich die Augen vor dem ästhetischen Elend der Zusatzbauten zu schließen. …
Auf der Ost- und der Nordseite rücken charakterlose Zusatzbauten so dicht und so plump an das Theater heran, dass man sich dort in einen Hinter- oder in einen Fabrikhof versetzt fühlt: Der Blick auf das Festspielhaus jedenfalls – vom abfallenden Osthang aus muss er ehedem besonders eindrucksvoll gewesen sein – ist auf diesen Seiten unschön verstellt oder total verbaut.
Seit den sechziger Jahren ist auf der Nord- und der Ostseite immer wieder intensiv, aber ohne ästhetischen Anspruch und ohne stadträumliches Gespür gebaut worden.
Im Norden, also im Rücken des Festspielhauses, hat Wolfgang Wagner alle paar Jahre einen Gebäudewürfel von den Dimensionen der Festspielbühne aufs Gelände plumpsen lassen.
Vier gigantische Probebühnenhäuser sowie einige Werkstatthallen tun sich hinter dem Festspielhaus zu einer Art Westwall zusammen, zu einer Bastion, die nur ein paar Monate lang intensiv genutzt wird, aber das ganze Jahr über als Affront hinter dem Theater aufragt. …
Plumper kann sich eine Werkstatt, die behauptet, Träume produzieren zu wollen, nach außen kaum darstellen. Dass dieser ganze Komplex seit ein paar Jahren üppig grün umrankt ist, zeigt nur, dass man sich des räumlichen Problems, das diese Bauten darstellen, inzwischen bewusst geworden ist. …
Das um ein Stockwerk abgesenkte Publikums-Restaurant … und die Selbstbedienungshalle nebenan haben den gestalterischen Charme von Volksgaststätten im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat.
Im Bereich der nördlich anschließenden Personalbauten sollen demnächst die letzten Lücken geschlossen werden. …Von diesem Generalplan, der das Gelände kasernenhofartig geschlossen hätte, haben sich die Betreiber inzwischen ab und einem Alternativplan zugewandt. …
Die Planungsfirma Konzeptbau schlägt im Osten einen langgezogenen gläsernen Riegel vor, der sich parallel zum Festspielhaus von der Restaurants aus nach hinten zieht und am Ende in das von Katharina Wagner gewünschte neue Kindertheater mündet.
Schon dieser zusätzliche Theaterbau, der das letzte grüne Schlupfloch hinunter zum Park schließen, also die Erinnerung an das ehemals frei auf dem Hügel stehende Festspielhaus endgültig tilgen würde, wäre ein schwerer Eingriff in das Denkmalensemble.
Doch diese neue Theaterhalle ist, nach den derzeitigen Plänen,
nur der Auftakt für die dahinter geplante gigantische Probebühnen-Doppelhalle, die das Gesamtvolumen der Festspielbühne und der Hinterbühne auf den Hang übertragen, also ihre kubische Masse gnadenlos in den öffentlichen Park hinaus schieben, und dabei den hart zu ihren Füßen liegenden Kindergarten für alle Zeiten von der Sonne abschneiden würde.

Bis zu dieser Saison haben sich die Bayreuther Festspielbetreiber fast unbehelligt an der baulichen Hinterlassenschaft Richard Wagners vergehen können.
Mit den jetzigen Plänen aber greifen sie in den öffentlichen Raum ein. …
Darum die Frage: brauchen die Bayreuther Festspiele wirklich, wie geplant, neun Probebühnen, von denen fünf die Riesenmaße der Festspielbühne haben, die sechste sogar doppelt so groß ist?
Die Bayerische Staatsoper verfügt im Münchner Nationaltheater gerade mal über die Hinter- und zwei Seitenbühnen, außerhalb des Hauses aber nur über eine einzige Probebühne.
Und im Opern-Paradies Glyndebourne, diesem ländlichen Idyll im Süden Englands, wo in jedem Sommer fünf oder gar sechs Opern mit Spitzenkräften neu erarbeitet werden, gibt es außerhalb des wunderbaren Theaterneubaus von Michael Hopkins gerade mal zwei Gebäude, in denen geprobt werden kann. Und die Ergebnisse sind gut.
Auch beim Bauen wird in Bayreuth offenbar gern übertrieben.“
(Gottfried Knapp, Süddeutsche Zeitung v. 5.8.09)

Hier schrieb endlich einmal jemand einen scharfsinnig begründeten Klartext.

Zwar sind solche übermäßigen Monsterpläne inzwischen vom Tisch, aber man stelle sich nur vor: Der überschaubare, fünfwöchige Bayreuther Saisonbetrieb sollte neun Probebühnen bekommen, während die elf Monate spielende Münchner Staatsoper nur vier hat.
Die gewaltigen  Baukosten hätte man für viel wichtigere Zwecke verwenden können, genauso wie die üppigen Kosten für das übertriebene Marketing der BF Medien GmbH und die unwichtigen Kinderopern.
Das sind lauter überflüssige Randerscheinungen, die die Kernthemen zur Seite drängen.
Stattdessen fordert man sogar immer wieder höhere Subventionen, und die Gesellschaft der Freunde stimmt mit ein, obwohl sie zum kontrollierenden Aufsichtsorgan gehört, das neutral und kritisch prüfen soll.

Aber schon der Stiftungsrat hat jahrzehntelang viel zu viel abgenickt und durchgehen lassen. Der jetzige Verwaltungsrat scheint auch nicht gerade aus energischen Widerstandskämpfern zu bestehen.

Und die Steigerung der künstlerischen Qualität ist längst nicht mehr die Hauptsache.

Diese Monsterpläne sind mittlerweile begraben, aber nicht aus Überzeugung und Einsicht, sondern weil glücklicherweise kein Geld dafür da ist.

Doch warum überhaupt Neubauten – die Renovierung und technische Aktualisierung der vorhandenen Probengebäude reicht vollkommen aus, wenn die Schnapsidee mit den nervenden Kinderopern endlich vom Grünen Hügel verschwindet und Lagerflächen im Industriegebiet von Bindlach angemietet werden.

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