Rheingold 2006

30.7.2006. Sonntag.  7.44 Uhr verläßt der ICE den Münchner Hauptbahnhof, hält in Augsburg und Nürnberg. Draußen ein wolkenloser Himmel. Eine gleißende Sonne. Liebliche Sommerlandschaften ziehen vorbei.

Früher dachte man, Bayreuth sei ein magisch mystischer Ort. Im Lauf der Jahre folgte eine prosaische Ernüchterung in vielen Lebensbereichen.

Beim Verlassen des Wirtsgartens, tönt eine kräftige Stimme, „Hallo Franz.“ Ein Münchner Opernfreund ist auch da, in weiblicher Begleitung. Sie kommen gerade vom Einführungsvortrag mit Stefan Mickisch.

Er trägt ein teures Seidenhemd mit Hawaii-Muster. Er schaut auf mein schwarzes Polohemd, „So willst du doch wohl nicht in die Vorstellung gehen.“ „Nein, wo ist denn deine Smokingjacke?“ „Im Auto.“ Sie eilen weiter.

An den Außentischen der Pizzeria „Ponte Central“ neben dem Alten Schloss diskutieren sechs Leute lebhaft über Bühnenbildtechnik. An einem anderen Tisch schreibt ein junger Mann die Kernsätze aus Zeitungsrezensionen der letzten Tage ab. „Sind Sie Journalist?“ „Ja, für eine holländische Zeitung.“ „De Telegraaf?“ Genau getroffen. Er lacht, „Ja.“ Er hat bereits über die ersten drei Ring-Abende berichtet, findet die Inszenierung verbesserungsbedürftig, ist aber begeistert von den Sängern.

Eine gleißende, drückende Hitze liegt über den Dächern und heizt die Straßen und Häuser der Altstadt auf.

Sobald man den schattigen Festspielpark betritt, beginnt eine weltweit einmalige Inszenierung. Dichte Laubbäume lassen zunächst nur einen kleinen Ausschnitt des ziegelroten Opernhauses erkennen. Langsam weicht der grüne Natur-Vorhang auseinander und öffnet den Blick voll auf die große malerische „Scheune“.

Vom Seitenbau hört man durch geöffnete Fenster die Stimmen einiger übenden Sänger.

Das „Rheingold“ beginnt heute um 17.00 Uhr.  Eine Geschlossene Vorstellung mit günstigen Sonderpreisen für die Gewerkschaften, aber bei einigen aufblitzenden Gesichtern aus München weiß man, dass sie grundsätzlich immer an Karten kommen. Beziehungen sind alles.

Im Unterschied zum Premierentag, wo aufdringliche Pseudoprominenz in aufgedonnerten, angeberischen Abendroben dominiert, sieht man heute eher schlichte Kleidung in zurückhaltenden Farben. Während der Vorstellung legen einige Herren in der drückenden Hitze ihre schwarzen Smokingjacken ab.

Als die Blechbläser auf dem Balkon des Königsportals ein schmetterndes Rheingold-Motiv zum drittenmal in den wolkenlosen Himmel geschickt haben, eilen die Festbesucher in das Innere des Hauses.

Die harten Holzsitze sind nur auf der Sitzfläche dünn gepolstert, mit den Knien spürt man unangenehm ständig die nächste Sitzreihe. „Das ist hier alles egal,“ sagt mein unbekannter Sitznachbar, auch ein Münchner. So klein ist die Welt.

Dann wird es dunkel. Das Stimmengewirr verstummt. Und plötzlich ist er da – der erste Akkord des Vorspiels, der Anfang der Welt. Und die Musik steigert sich immer mehr zum Wellenspiel des flutenden Rheins, bis der Vorhang sich öffnet.

Zunächst zu den Sängern: Sämtliche Solisten sind heute in bester Tagesverfassung. Stimmen, die man in München teilweise noch nie hören durfte. Hervorragend und stimmgewaltig sind sie alle:

Falk Struckmann (Wotan), Arnold Bezuyen (Loge), Kwangchul Youn (Fasolt), Jyrki Korhonen (Fafner), Andrew Shore (Alberich), Gerhard Siegel (Mime), Michelle Breedt (Fricka), Satu Vihavainen (Freia), Mihoko Fujimura (Erda), Clemens Bieber (Froh), Ralf Lukas (Donner).

Der Klang des „Unsichtbaren Orchesters“ ist weniger mulmig und verwaschen als er noch vor einer Woche in der Radio-Übertragung erschien. Man hört alle Instrumente klar und deutlich, in einem weichen, angenehmen Mischklang oder in kräftigen Ausbrüchen der Pauken und Blechinstrumente.

Dirigent Christian Thielemann hatte in Interviews der letzten Tage über die drückende Saunaluft im Orchestergraben geklagt. Vielleicht ist das der Grund, warum er in einigen Passagen nur schleppend, ohne Akzente dirigiert, dann aber wieder Details sorgfältig herausmeißelt. Die musikalischen Glanzpunkte allerdings kommen kraftvoll. Vor allem das Finale wird lautstark, mit aller Raffinesse zelebriert.

Frank Philipp Schlößmann (Bühnenbild) und Bernd Skodzig (Kostüme) versuchten die Grundidee der Inszenierung von Tankred Dorst umzusetzen:

Moderne Schauplätze mit Alltagsmenschen, die gar nicht bemerken, dass in ihrer unmittelbaren Nähe mythologische Götter, Zwerge und Flußnixen auftauchen. Eine originelle Idee, die aber manchmal überstrapaziert wird. Märchengestalten, die keiner wahrnimmt, können kaum das Nervenzentrum einer ausufernden Tetralogie sein.

Das 1. Bild ist sehr poetisch und fegt alle schmalspurigen, politisierenden „Aktualisierungen“ der letzten Jahrzehnte zur Seite: Die ganze Bühnenhöhe wird ausgefüllt von einem flutenden, glitzernden Flußbett mit großen Kieselsteinen, aus denen die Rheintöchter und Alberich auftauchen. Darüber sieht man hoch oben die strömende Wasseroberfläche mit anderen, geisterhaft vorbeihuschenden Fabelwesen. Hier gelingt ein ganz ursprünglicher Theaterzauber, ohne belehrenden Zeigefinger – und die getreue Umsetzung von Wagners Regieanweisungen.

2. Bild: Eine graue Betonbrücke mit einer glimmenden Straßenlaterne und einem monströsen Kupfergebilde, das wie ein Spießer-Wohnzimmerschrank aussieht. Diese ganze Szene ist potthäßlich und hat überhaupt nichts zu tun mit Wagners „freier Gegend auf Bergeshöhen“.

3. Bild: „Nibelheim“ ist ein riesiger, kahler Heizungskeller im grellen Neonlicht, mit häßlichen Stahlrohren, ohne jede Atmosphäre. Ein Monteur überprüft ungerührt die Technik, während Alberich, Loge und Wotan streiten.

Plötzlich wird die nüchterne Wand durchsichtig, um Alberichs schimmernden Goldschatz in einer Höhle zu zeigen. Da paßt dann nichts mehr zusammen.

Das 4. Bild entspricht dem häßlichen zweiten Schauplatz. Von der mehrfach im Text angesprochenen Burg Walhall ist gar nichts zu sehen. Zum Schluß wird lediglich die große Nebelmaschine angeworfen. Sie zaubert einen bühnenfüllenden, dicken Qualm in Regenbogenfarben, durch die noch ein einzelnes starres Reptilien-Auge schimmert (Vorahnung auf Siegfrieds Drachenkampf). Dann steigen die Götter langsam eine steile Treppe abwärts, ein Wink mit dem Zaunpfahl auf drohenden Untergang.

Fazit: Die szenische Mischung aus Regietheater-Schrott, versponnenem Zaubermärchen und behäbigem Traditionalismus muss in den nächsten Jahren weiter überarbeitet werden – weniger Müll-Elemente, mehr Märchenzauber und eine spannendere Personenführung. Hier waren die Solisten oft sich selbst überlassen und standen hilflos herum.

Man wird in den nächsten Jahren sehen, was daraus wird.

19.30 Uhr. Im Fortgehen werfe ich noch einen Blick zurück auf das Festspielhaus, das geheimnisvoll in der beginnenden Abenddämmerung leuchtet.

 

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