Bayreuth schweigt aus Angst

Während der Proben findet man das Orchester im Festspielrestaurant.
In den Pausen kommt man leicht mit den Musikanten ins Gespräch. Man schwärmt von den Festspielen, und sie freuen sich. Die Herzen und die Münder öffnen sich.
Und mitten in diese glückselige Stimmung sagt man ein paar nachdenkliche Worte, über mögliche Veränderungen.
Dann verändert sich manchmal der Gesichtsausdruck. Die Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen.
Sie seufzen, „O je“ oder „Ach ja!“
Und dann verstummen sie. Kritik gibt es nicht, weil sie Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren.

Doch bedeutende Künstler haben keine Angst vor Kritik. Seit vielen Jahren sammle ich die Bayreuther Programmhefte aus Wieland Wagners Zeit.
Dort findet man erstaunlich scharfe Kritik an seinem Inszenierungs-Stil. Ihn hat das nicht gestört, wenn die Attacken ein respektables sprachliches und intellektuelles Niveau hatten.

Dieses Selbstbewusstsein gibt es im heutigen Bayreuth nicht.
Auch Persönlichkeiten in Führungspositionen hüten sich davor, Kritik an der Festspielleitung zu üben. Denn die ganze Firma könnte ja Aufträge vom Grünen Hügel verlieren.

Die Oberfranken sind wortkarge Stadtbewohner: Fragt man nach, bei Auffälligkeiten Dingen, breitet sich eine unheimliche Stille aus. Fragen werden nicht beantwortet. Bei anderen Fragen wird geschwindelt oder auf Nebensachen abgelenkt. Türen werden verschlossen.

Es ist, als ob ein düsteres Geheimnis über der Stadt schwebt, wie eine dunkle Wolke. Doch am Himmel ist es nicht still. Man hört ein dunkles Donnergrollen. „In der Luft ist etwas … wie das Rauschen mächtiger Flügel.“ (Strauss, Salome)

Ein Adler schwebt hoch über der Stadt. Er beobachtet alle Bewegungen, Veränderungen, wacht geduldig, bis er tiefer fliegt und genauer hinschaut, auf das Gewimmel der Menschen, die schweigend aneinander vorbeihasten, wortlos, eilig, jeder auf seinem Weg, jeder zu seinem Ziel.

Das alles gibt es auch mit Musikbegleitung. Gut zur Bayreuther Situation passt auch:

„Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten;
Es schlafen die Menschen in ihren Betten.

Und morgen früh ist alles zerflossen.
Je nun, sie haben ihr Teil genossen

Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,
Ich bin zu Ende mit allen Träumen.
Was will ich unter den Schläfern säumen?“

Es singt Peter Anders:
http://www.youtube.com/watch?v=f2y6oAOLAxo

Der Text stammt aus Schubert tief trauriger, düsterer Winterreise und hat den Titel „Im Dorf Bayreuth.“

Und damit sind wir beim Stichwort „Cliquen“, das eine verhängnisvolle, destruktive Wirkung auch im Internet entfaltet.
In einem Musikforum attackiert mich eine Gruppe persönlicher Freunde von Katharina Wagner, stört jede Sachdiskussion oder lenkt ab auf Nebensachen.

Das Schlechte an hetzenden Cliquen ist es, dass sie wie eine Geschlossene Gesellschaft auftreten, wie eine gesetzlose Organisation, die keine abweichende Meinung duldet und Abweichler schmäht und verfolgt.

Man kann das zwar nicht mit der Mafia vergleichen, aber Gemeinsamkeiten mit der untergegangenen DDR sind vorhanden. An der Ostberliner Eisler-Hochschule werden zum Beispiel immer noch die sozialistischen Brecht-Theorien des verstorbenen Regietheaters  zum Leben erweckt. Mittlerweile wird sogar Lohengrin von Ratten besiegt.

Bei jedem Bayreuth-Besuch komme ich mit den Leuten vor Ort ins Gespräch. Gegenüber einem Fremden äußern sie sich jedoch nicht kritisch über den schlechten Zustand der Festspiele, weil sie vom Grünen Hügel abhängig sind.
Mit Schweigen und Aussitzen lassen sich die  Probleme nicht länger vertuschen, denn das hat schmerzhafte Folgen – für die Verantwortlichen. Je länger gezögert und gewartet wird, desto schlimmer.

Es gilt – für alle – das Motto: „Zu neuen Taten!“

Es singen die Superstars aus Bayreuths Goldner Zeit,
Wieland Wagners ruhmreiche Helden, Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen:

http://www.youtube.com/watch?v=btc8CWBgRlc
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