Bayreuth, Samstag, 12.2.2011 – ein Wintermärchen

12.2.2011. Samstag. 6.20 Uhr. Der Zug fährt ab nach Nürnberg. Dort, in einem  Internetcafé,  lauert eine aktuelle Schreckensmeldung: Die vor vier Wochen erstmals bekanntgegebenen Verhandlungen über den Jubiläumsring  2013, ausgerechnet mit dem völlig opern- und theaterfremden Filmregisseur Wim Wenders, kommen Anfang nächster Woche in das Endstadium, bei der Berlinale.  Das Allerschlimmste blieb jedoch  bisher abgewehrt: Eine eigene Ring-Inszenierung von Katharina Wagner.

10.00 Uhr. Ein Rundgang durch  den winterstillen Wahnfried-Garten. Noch ist die Idylle  nicht von zerstörerischen Baugruben verwüstet. Nur ganz wenige Menschen sind am Vormittag unterwegs. Bereits seit  September 2010 ist das Museum geschlossen, aber noch wütet kein Bagger und zerreißt das empfindliche  Ensemble, das heute eine graue winterliche Melancholie ausstrahlt, eine Zerbrechlichkeit, in der grobe Fäuste nichts verloren haben.

An einem solchen Februarmorgen vor vielen Jahren war ich zum ersten Mal  hier, und auf den ersten Blick scheint sich seitdem nichts verändert haben.

Doch bald droht unter dem stillgelegten Springbrunnen ein großer unterirdischer Ausstellungsraum zu entstehen und neben dem Gärtnerhaus ein oberirdischer Neubau, der sich klotzig mitten in das Ensemble fallen lässt und die inspirierende landschaftliche Harmonie zerstört.

Ein rascher Blick von dort zum Siegfried-Bau reicht schon: Hinter den dunklen Fenstern sieht man langweilige Akten und noch langweiligere Zimmerpflanzen, die anscheinend schon seit Jahrzehnten behäbig in die Höhe wachsen.

Die winzige Miniatur-Truppe der nur vierköpfigen Museumsleitung und ihr anschwellendes Archiv besetzen und belagern drinnen  historisch wertvolle Flächen. Sie wollen nicht umziehen, obwohl im nahen „Chamberlain-Haus“ viel Platz wäre, für alle sich türmenden Papierstapel und vier bequeme Schreibtische, an denen man sich gemütlich ausruhen kann.

Auf Richard Wagners Grabplatte liegt ein großer, dunkelgrüner Lorbeerkranz, mit offiziellen Schleifen der Stadt Bayreuth. Am 13. Februar 1883 starb er  in Venedig, im Palazzo Vendramin-Calergi.

Sein Wohnhaus wurde im Zweiten Weltkrieg von britischen Flieger-Bomben in Trümmer verwandelt, aber in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts baute man die gesamte Außenfassade stilecht  wieder  auf. Auch der Garten wurde zwar neu gestaltet, aber würdig und angemessen dem sensiblen Ort.

Was für eine einmalige Chance hätte man jetzt, sich an den Zustand der Siebziger Jahre anzunähern, als nach Wieland Wagners Tod aus der privaten Nutzung des Wohngebäudes ein weltberühmtes Museum wurde, dessen Präsentation allerdings schon seit vielen Jahren stark verbesserungsbedürftig ist.

Die historischen Möbel existieren zwar nicht mehr. Aber genauso wie man die Eingangshalle und den Salon mit der großen Bibliothek dem Originalzustand zu  Richard Wagners Lebzeiten angenähert hat, könnte man auch die restlichen Räume in einen imaginären, chronologischen Rundgang durch das Leben des Komponisten verwandeln statt des bisherigen verworrenen Sammelsuriums.

Wenn die Museumsleitung mit ihrem staubigen, für die meisten Besucher uninteressanten Archiv das Gebäude endlich komplett räumt – eine organisatorische Kleinigkeit, eine Bagatelle – dann könnte man auch den geräumigen Siegfried-Bau wieder sinnvoll nutzen und für die Bayreuth-Besucher beleben, mit thematischen Schwerpunkten zur Lebenszeit des Wagnersohns, auch als Mahnmal und warnende Erinnerung an die düsteren  Jahre des Dritten Reichs, die man gerade in Bayreuth nicht diskret  unter den Teppich kehren darf.

Doch es gibt noch mehr anzuschauen. Die bewährte Markgrafenbuchhandlung am Sternplatz hat ihre zur Festspielzeit dominierende Musikabteilung reduziert, auf  einen diskreten Seitenschrank .

Am Markt sind die jahrelangen Bauarbeiten anscheinend zu einem Ende gekommen. Aber außer einer steingepflasterten, weiten öden Fläche ist  nichts Bemerkenswertes dabei herausgekommen. Vielleicht lässt der kommende Frühling noch die Ideen sprießen.

Mittendrin  thront der zentrale  „Oskar“, „das Wirtshaus am Markt“, mit einer deftigen fränkischen Speisekarte, eingerichtet im rustikalen Stil, mit dunklem Holzmobiliar, Seitenräumen, Nischen und einer den Hauptraum überragenden kleinen Empore, wo man erhaben und abgehoben auf die anderen Gäste hinabschauen kann.

In der Eingangshalle des „Nordbayerischen Kuriers“ sind die sommerlichen  Wagner-Devotionalien unauffällig zurückgedrängt auf ein paar Signalzeichen, zum Beispiel kitschig-romantische Ansichtskarten mit Motiven von Ferdinand Leeke.

Nebenan ist die große, langweilige  Verkaufshalle der Buchhandlung Hugendubel, überwiegend mit Bestsellern, Koch- und Gartenbüchern oder mit leicht verträglicher Massenware bestückt.

In der Dammallee verströmt das betagte Café „Händel“ immer noch den nostalgischen Charme der Fünfziger Jahre.

Nur ein paar Meter weiter ist das gemütliche „Florian“, mit einem verglasten, geheizten Wintergarten, wo auch würdige, verdienstvolle  Honoratioren mit sonoren Stimmen ihren Stammtisch pflegen.

Wandert man ein paar Minuten  weiter durch die verwinkelten, mit Wirtshäusern vollgestopften Seitengassen, steht man plötzlich vor dem alten Künstlerlokal „Eule“, das schon seit Jahren geschlossen ist.

Ein hohes Baugerüst ragt an der Außenfassade. Anscheinend wird renoviert. Ein Hoffnungszeichen und auch eine Empfehlung für die gesamten inneren Bayreuther Strukturen, die diskreten Seilschaften und Verbandelungen.

Pünktlich zur verabredeten Zeit schallt eine Stimme von der nahen Sophienstraße tatsächlich, „Hallo Franz“, und ein Mensch taucht auf, den ich noch niemals vorher getroffen habe.

Ohne große Worte steuern wir in das nahegelegene Café „Funsch“. Bei einem bescheidenen Cappuccino und einem kräftigen schwarzen Tee beginnt ein temperamentvoller Dialog. Ein Spaziergang durch die wechselhafte Vergangenheit  und die wichtigsten Aussichten für  Bayreuths Zukunft. Ein Durchleuchten der großen Probleme und praktische Ideen für ihre Lösung. Dazu die starke Ausstrahlung eines emotionalen, urfränkischen Originals, mit exzellenten Kenntnissen seiner Heimatstadt, der schon immer hier lebte und wohl auch bleiben wird.

Das war ein angenehmes, sinnvolles Gespräch ! Als er sich freundlich, mit einem kräftigen Händedruck verabschiedet, hat draußen Schneetreiben eingesetzt, wie damals, bei meinem ersten Besuch in dieser Stadt. Am Markt sind die Giebelhäuser mit einer weißen Hülle bedeckt. Eine Märchenlandschaft. Ein Wintertraum.

Am Hauptbahnhof ist noch eine Stunde Zeit, bis der Zug nach Nürnberg abfährt. Gegenüber, in der frühen Dunkelheit, glimmen die Fenster des Sushi-Lokals „Lamondi“, und an der Theke ist Zeit für eine Plauderei mit der freundlichen Inhaberin. Sie erzählt ein wenig von Stammgast Katharina Wagner und anderen. Alle Tische sind mit Besteck und weißen Servietten festlich gedeckt. Auch mitten im Winter, in der festspielfreien Zeit, ist das Lokal abends meistens ausgebucht.

20.24 Uhr fährt der Zug ab. Und als er sich in Bewegung setzt, wäre man am liebsten gleich wieder umgekehrt.

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Hier sind kommentierte Photos vom Besuch im Wahnfried-Garten:

https://btpersp.wordpress.com/2011/02/14/photos-von-bayreuth-am-12-2-11/

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