Verschwendung in den Opernhäusern

In der  „Wirtschaftswoche“ vom 22.11.10 gab es eine achtseitige Skandalreportage über die sinnlose Verschwendung in Opernhäusern, mit dem Titel „Die Entführung aus dem Paradies“.

Dazu gibt es den folgenden Online-Kommentar: 

http://ef-magazin.de/2010/11/22/2688-aktuelle-nachricht–kultur-die-hoechstsubventionierte-branche

Zitat: „Die Auswertung einfachster Basiskennziffern offenbart unmittelbar den desolaten Zustand des gesamten Sektors.

So betrug die Besucherauslastung der bedeutendsten Häuser in Metropolregionen für die vergangene Spielzeit zwar zwischen 63 (Komische Oper Berlin) und 97 Prozent (Bayerische Staatsoper München),

die öffentlichen finanziellen Zuwendungen je Besucher und Darbietung lagen dabei aber zwischen 94 Euro (Bayerische Staatsoper München) und 224 Euro (Komische Oper Berlin).“  

Trotz dieser krassen Auslastungszahlen und verschwenderischer Geldflüsse scheint niemand an wirksame Konsequenzen zu denken. Berlin hat offensichtlich zu viele Opernhäuser und müsste über eine erweiterte Programmgestaltung längst nachdenken, auch über eine engere Zusammenarbeit mit anderen Kulturbereichen.

Zitat zur Ursache der Fehlentwicklungen: „Dies liegt vor allem an den zum Teil extrem niedrigen Kostendeckungsquoten, also den im Vergleich zu den Aufwendungen durch die Veranstalter selbst erwirtschafteten Erträge.

Diese begannen bei 13 Prozent (Staatstheater am Gärtnerplatz München) und fanden mit den beiden bereits extremen Ausreißern Bayerische Staatsoper München (38 Prozent) und Semperoper Dresden (43 Prozent) ihren oberen Abschluss.“  

Eine wirtschaftliche Fahrt auf der Achterbahn, denn Kosten scheinen in manchen Häusern immer noch keine Rolle zu spielen.

Zitat: „Noch katastrophaler sieht die Bilanz im provinziellen Umfeld aus. Hier kommen die Bühnen lediglich auf eine Besucherauslastung zwischen 54 (Theater der Stadt Heidelberg) und 71 Prozent (Bühnen Krefeld/Mönchengladbach).

Die Kostendeckungsquoten sacken dabei auf 6,6 (Opernhaus Halle/Saale) bis 11,2 Prozent (Staatstheater Kassel) ab,

weshalb auch spiegelbildlich die Subventionierung je Zuschauer und Aufführung steigt, auf 141 Euro (Anhaltinisches Theater Dessau) bis maximal 403 Euro (Volkstheater Rostock) .“ 

Schon seit Jahren wurde gefordert, die Besucherauslastung genauer zu beobachten und Ursachenforschung zu betreiben.

Das rücksichtslose Regietheater dürfte einen großen Anteil an der Besucherflucht haben.

Zitat: „Überspitzt formuliert erhält der wohlhabende hanseatische Bildungsbürger mit Theaterabonnement – lediglich ein Besuch pro Monat an der Rostocker Bühne unterstellt – höhere Transferleistungen als ein Hartz-IV-Empfänger im selben Zeitraum an Mitteln überwiesen bekommt.

Die Ursache liegt zum einen im amateurhaften Management der meisten Häuser begründet, welches sich oftmals in selbstverliebter Kulturbeflissenheit jeder Erweiterung des angestammten Geschäftsmodells verweigert.“  

Weitere Kostproben aus dem aktuellen Bericht der „Wirtschaftswoche“:

Vollkaskoversorgung durch den Steuerzahler, dazu Selbstbedienungsmentalität, Selbstinszenierung von Regisseuren und Intendanten ohne Rücksicht auf die Kosten – für viele im deutschen Opernbetrieb mag das selbstverständlich sein.

Dank der Wirtschafts- und Finanzkrise dürfte damit jedoch bald Schluss sein. … Damit droht in jedem zehnten Haus der Vorhang für immer zu fallen. … Die Einschnitte sind überfällig.

Die Chefs der Kulturpaläste, die Intendanten, fühlen sich vielfach mehr als Schöngeister denn als Manager.

Die meisten von ihnen besitzen allenfalls rudimentäre betriebswirtschaftliche Kenntnisse.“  

Die „Wirtschaftswoche“ hat die Mängel des Geschäftsbetriebs genau durchleuchtet, in den zehn größten Opernhäusern Deutschlands und in zehn ausgewählten Musiktheatern der Provinz.

Zuschuss pro Besucher: Staatsoper München = 94, 24 Euro, Sitzauslastung = 97 Prozent

Deutsche Oper Berlin = 155,28 Euro, Sitzauslastung = 78 Prozent

Staatsoper Berlin = 185,60 Euro, Sitzauslastung = 91 Prozent

Komische Oper Berlin = 224,18 Euro, Sitzauslastung = 63 Prozent

Theater Magdeburg = 298,72 Euro, Sitzauslastung = 80 Prozent

Stadttheater Gießen = 323,03 Euro, Sitzauslastung = 64 Prozent

Volkstheater Rostock = 402,54 Euro, Sitzauslastung = 57 Prozent 

Die gute Auslastungszahl für München täuscht, denn es gibt in geographischer Nähe überhaupt keine gleichwertige Konkurrenz, und die Opernfreunde haben keine Alternative , denn die großen Stars singen nur an der Staatsoper.  

Ein weiterer Fehler, der im Bericht nicht erwähnt wird:

Zum Spielplan muss man in regelmäßigen Umfragen auch die Meinung des Publikums erforschen. Derartige Umfragen bei der Kundschaft, nach wissenschaftlichen Kriterien, sind in den meisten Wirtschaftszweigen längst selbstverständlich, außerdem überlebensnotwendig und haben auch spürbare Konsequenzen.

Dass die Verantwortlichen daran kein Interesse haben, liegt auf der Hand.

Die einseitige Orientierung am willkürlichen Regietheater vertreibt längst einen Teil des sachkundigen Publikums.

Die Bewertung der derzeitigen Inszenierungen in Bayreuth – und auch in München – könnte bei einer gründlichen Analyse durchaus für eine vorzeitige Ablösung der verantwortlichen Intendanz sorgen. 

Als Kontrast: Positive betriebswirtschaftliche Spitzenwerte erreicht die Semperoper Dresden, die sämtliche Arbeitsabläufe durchleuchtet und optimiert hat.

Und vor allem die Festspiele Baden-Baden, die ganz ohne staatliche Zuschüsse auskommen. Der Geschäftsführer Andreas Mölich-Zebhauser:

„Ein Drittel unseres Budgets wird von Stiftern, Förderern und Sponsoren getragen, den Rest holen wir über Kartenverkäufe rein.“ Die Festspiele haben ein eigenes Reisebüro für die Betreuung von 180.00 jährlichen Besuchern, aber kein kostspieliges Ensemble. Man setzt auf angesehene Kooperationspartner wie das St. Petersburger Mariinsky-Theater, die New Yorker Metropolitan Opera oder die Mailänder Scala.  

Die verschwenderischen Politiker müssten im eigenen Interesse rasch reagieren auf solche, ganz aktuellen Alarmberichte, die Fehler und Ursachen anhand nachprüfbarer Zahlen auflisten und Problemlösungen anbieten.

Denn die weltweite Finanzkrise erfasst immer mehr gesellschaftliche Bereiche und verschärft auch gefährliche soziale Konflikte, nicht nur im hoch verschuldeten Berlin.

Weitere Untätigkeit rächt sich, je später desto heftiger.  

Der verdienstvolle Text ist am 25.11.10 in voller Länge im Internet erschienen. Vielen Dank an die wiwo-Redaktion!  

http://www.wiwo.de/unternehmen-maerkte/deutschlands-musiktheater-im-wirtschaftlichkeits-check-447813/

Zitat: „Schwindende Zuschauer und der Sparzwang der öffentlichen Hand gefährden die wirtschaftliche Basis und nagen an der Legitimation der riesigen staatlichen Zuschüsse. …

Als Leiter des Gürzenich-Orchesters gehörte Stenz zu einer 315-köpfigen Reisegesellschaft der Kölner Oper, die in diesem Herbst fast vier Wochen durch das Reich der Mitte tourte. …  Zum Gepäck gehörten 30 Container Bühnentechnik, Kostüme und Instrumente. Fast zwei Millionen Euro verschlangen Tross und Tender. Obwohl Sponsoren, Bund und Land kräftig zubutterten, fehlten dem Opernhaus am Ende 800 000 Euro. …

Öffnete sich in Düsseldorf der Vorhang zu den „Dialogues des Carmélites“ oder „Hänsel und Gretel“, regnete es pro Zuschauer jedes Mal unsichtbar 133,87 Euro an Steuergeldern herab. …  

Ändert sich an den Opern in Deutschland nicht bald etwas grundlegend, dürfte sich das Missverhältnis von Einnahmen und Zuschüssen sogar noch vergrößern. …

Auf der einen Seite steigen nach Schätzung von A.T. Kearney die Kosten der Häuser in den kommenden zehn Jahren vermutlich um rund ein Viertel.

Treibsatz sind die unablässig wachsenden Ausgaben für Personal, die etwa 85 Prozent der Gesamtbudgets ausmachen.“   Zitat Ende.

85 Prozent des Gesamtbudgets für Personalkosten. Da braucht man mehr als eine Taschenlampe, um die Schwachstellen zu identifizieren. Hohe Kosten für berühmte Stars fallen wohl nur in den Großstadt-Häusern an. Der schwerste Brocken sind vermutlich die aufgeblähten Verwaltungskosten.

Zitat: „Wirtschaftlich am besten steht von den großen Häusern in Deutschland noch die Semperoper in Dresden da. Den Spitzenplatz verdanken die Sachsen drei Ursachen. Erstens verlangen sie richtig Geld für die Karten, in der Spitze 120 Euro, gegenüber lächerlichen 55 Euro in Köln.

Zweitens gibt es in dem Vorzeige-Kulturbau aus DDR-Zeiten 300 Vorstellungen im Jahr, kleinere Kammerabende nicht mitgezählt. Andere Häuser sind längst nicht so produktiv.

Drittens wurden die Arbeitsabläufe optimiert, Abteilungen wie die Beleuchtung und Tontechnik zusammengelegt.

„Wir haben alle Bereiche auf den Prüfstand gestellt“, sagt Wolfgang Rothe, Kaufmännischer Geschäftsführer der Semperoper. „Wo es vorher fünf Mitarbeiter gab, sind es jetzt vielleicht noch drei, ohne an Qualität einzubüßen.“  

Na also ! Es geht doch. Der Bericht ist eine journalistische Meisterleistung und bekommt hoffentlich noch einen Literaturpreis.

Jetzt fehlen nur noch die Köpfe, um die praxisnahen Lösungsvorschläge zu realisieren.

Das große München und das kleine Bayreuth sind als Paradebeispiele bestens geeignet. Denn beide Städte haben einen hohen Auslastungsgrad, dank großer Nachfrage und mangelnder gleichrangiger Konkurrenz in der Region.

Aber beide bekommen auch riesige Zuschüsse. 

Das lässt sich stark verbessern, wenn man die vielen guten Ratschläge und praktischen Ideen des Berichts als gültige Regeln für alle begreift.

Vielleicht zeigt jemand diesen Text der bayerischen Regierung, dem Kunstminister Heubisch und seinem Chef Seehofer. Anschließend ist ein neues Interview der beiden hochbezahlten Anführer fällig, mit der gründlich nachhakenden und recherchierenden Süddeutschen Zeitung, dem Spiegel oder wiwo-Autor Bernd Mertens.

Und dann muss sich etwas bewegen. Denn von der weltweit anschwellenden Finanzkrise haben diese parlamentarischen Spitzenkräfte vielleicht auch schon mal im Autoradio gehört, unterwegs zur nächsten Wahlversammlung.

Hier gibt es weitere Informationen:

„Es regnet Geld“

https://btpersp.wordpress.com/2011/07/21/es-regnet-geld/

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