Lohengrin 2010

Die Invasion der Ratten. 

Freitag, 20.8.10. Ein kurzes Herumschnuppern am Grünen Hügel. Um 18.00 Uhr beginnt die langweilige Rheingold-Inszenierung von Tankred Dorst, und eine Stunde vorher wandeln die vornehmen Smokingträger und die exklusiven Abendroben vorbei.

Manche ahnen nach zehnjähriger Wartezeit gar nicht, was da auf sie zukommt, bei brütender Hitze und in den harten, engen Foltersesseln.

Die Wagner-Magie strahlt weit in die ländliche Umgebung hinaus. Das gedankliche Verarbeiten der Wagnerwerke braucht Zeit.

Aber wenn Bayreuth mit schlechten Inszenierungen einen Teil der sachkundigen Stammkundschaft vertreibt, bekommt das auch die Umgebung zu spüren.

Denn wer nur das vermeintlich exklusive gesellschaftliche Ereignis sucht, reist am nächsten Tag wieder ab.

Sonntag, 22.8.10. Im Wahnfried-Garten taucht mittags Richard Wagner auf. Ein kostümierter Schauspieler in der Maske des Meisters erfreut die Touristen. Dazu ein örtlicher Fremdenführer mit kräftigem fränkischen Dialekt.

Nun ja, in Bayreuth hat alles irgendwie miteinander zu tun, und jeder kennt jeden. Zu große Nähe vermittelt Geborgenheit, aber auch Gefangenschaft und klammernden Gemeinschaftsdruck.

13.00 Uhr. Vor dem Luxushotel „Bayerischer Hof“ hält ein schwarzer Sportwagen. Der Sänger Klaus Florian Vogt springt heraus. An diesem Sonntag singt er den Lohengrin, als Ersatz für Jonas Kaufmann, der wegen Erkrankung abgesagt hat.

Die ersten Festspielgäste wandeln vorbei, drei Stunden vor Beginn der Vorstellung. Eine Dame in üppig wallender Abendrobe, der Herr hat das weiße Sakko über den rechten Arm gehängt. Obwohl er jetzt schon schwitzt, steht ihm noch die Höllenglut im ausverkauften Zuschauerraum bevor, wenn die Körperhitze von zweitausend Menschen in engen Foltersesseln sich stundenlang immer mehr steigert.

Meine Begleitung verabschiedet sich und fährt weiter nach München, mit der trockenen Bemerkung, „Den Ratten-Lohengrin kannst du dir allein anschauen. Selber schuld, wenn du dafür Geld ausgibst.“

Doch das ist kein Problem. Als ich oben am Grünen Hügel aus dem Taxi springe, lungern bereits etwa dreißig Personen in üppiger Abendgarderobe an der Tageskasse herum oder halten selbstgemalte Pappschilder hoch, „Suche Karte.“

Man kann sich also frei aussuchen, mit wem man die folgenden langen Stunden bis 22.30 Uhr verbringt. Und diesmal ergeben sich  anregende Pausengespräche und später noch ein Essen bis Mitternacht, unten in der eingeschlafenen Stadt.

16.00 Uhr verdunkelte sich der Zuschauerraum, und aus dem unsichtbaren Orchestergraben strömten die Sphärenklänge des Lohengrin-Vorspiels.  Aber plötzlich zuckten alle zusammen, denn mitten in den meditativen Melodien erschien Lohengrin plötzlich auf der Bühne und versuchte verzweifelt und immer wieder, eine weiße Tür zu öffnen.

Er wollte fliehen. Woher – wohin?

Irgendwohin. Irgendwie. Irgendwann. Nur weg aus Bayreuth !

So war es zwar nicht gemeint. Aber so kam es an.

Der Zuschauer sollte furchtbar neugierig werden, aber ein tieferer Sinn steckte gar nicht dahinter.

Dann eilte der große Chor auf die Bühne. Alle trugen alberne Ratten-Kostüme. Eine Verbindung zur Handlung war dabei nicht erkennbar.

Man sah stundenlang  Blödeleien, aber mehr nicht. Wieder einmal erlebte die Welt die angesäuerten Alt-Herren-Witze des berüchtigten Regisseurs „Opa Hans“ Neuenfels, mittlerweile  69 Jahre alt. Hier entstand der beklemmende Eindruck, dass er sich – wieder einmal – schenkelklopfend kaputt lacht über das Publikum, das seinen groben Unfug auch noch ehrfürchtig bestaunt. Während der ganzen Aufführung spürte man förmlich sein bekanntes, süffisantes Dauer-Grinsen, das zur verträumten, innigen Atmosphäre des Werks überhaupt nicht passt.

Im Programmheft abgedruckt ist ein Interview mit Neuenfels. Da will er den Eindruck erwecken, als wäre er der sensibelste und empfindsamste Mensch auf der Welt. Zitat: „Wie Männer oder Ratten den Speck, umkreisen die Figuren die verbotene Frage.“ („Nie sollst du mich befragen“). Neuenfels wörtlich: „Es geht um Identität: Wer bin ich ?“

Natürlich Maus oder Ratte.

Wer so fragt, findet keine Antworten. Aber der Regisseur hat das letzte Wort auf der Bühne. Die Festspielleitung hat das letzte Wort bei den Verträgen.

Wenn diese zwei wichtigsten Machtpositionen falsch besetzt sind, ist die Katastrophe vorhersehbar und unvermeidlich.

Im zweiten Akten sieht man Ortrud und Elsa in zwei identischen Abendkleidern, zu unterscheiden nur durch schwarz und weiß. Die Idee bedeutet, dass diese beiden Frauen zwei Seiten einer einzigen Person sind. Doch mehr als die banale äußerliche Kategorie ist ihm dazu nicht eingefallen. Gründlich untersucht hat er den Gedanken nicht, der ein ganz faszinierendes psychoanalytisches Fundament hat.

Wagners Libretto setzt auf die attraktive Ausstrahlung alter Märchen und Sagen, den Glanz des Mittelalters, das eine Hochblüte war für zeitlose Architektur, Philosophie, Dichtkunst und Malerei.

Diese Stoffe haben eine eigene Bildersprache der Metaphern, Allegorien und Symbole, die man alle enträtseln und entziffern kann, aber deren Nichtbeachtung die Inszenierung scheitern lässt.

Musikalisch konnte man zufrieden sein. Annette Dasch als Elsa hatte eine klare, leuchtende Stimme. Telramunds dämonischer Charakter blieb in der Darstellung von Hans-Joachim Ketelsen ein wenig blass. Kraftvoll schallten Georg Zeppenfeld als König Heinrich und der Heerrufer von Samuel Youn.

An kräftigem Stimm-Material gab es keinen Mangel, aber mehr subtile Nuancen und Feinheiten hätten auch nicht geschadet.

Evelyn Herlitzius überzeugte durch intensive Darstellung und hatte auch im Gesang die eisige Schärfe, die zur Furie Ortrud passt. An die düstere Größe ihrer Vorgängerinnen durfte man dabei allerdings nicht denken, wenn man vergleicht mit Astrid Varnays historischen Aufnahmen der Fünfziger Jahre.

Klaus Florian Vogt in der Titelrolle rettete als Einspringer für Jonas Kaufmann den Abend. Darstellerisch war er sehr beweglich, präsentierte einen vollen, hellen Tenorklang, aber ohne dunklere Farben und Schatten, ein wenig an Mozartpartien erinnernd.

Der farbenprächtige Chor füllte mit eindringlichen Klangwellen das ganze Haus. Leider lenkten die albernen Ratten-Kostüme und die pantomimischen Spielereien ständig von der Musik ab, auch die revuehaften, quietschgelben Anzüge im zweiten Akt und die bonbonfarbenen Glitzerkleider.

Es gab auch schwarze Fräcke mit langen Schwalbenschwänzen und steife biedermeierliche Gehröcke.

Das sollte wohl dem festlichen Publikum suggerieren, dass auch auf der Bühne alle eine Gemeinschaft bilden und alle sich auf gleicher vornehmer Augenhöhe befinden.

Das betrifft aber nur die banale Oberfläche.

Und dahinter – ist gar nichts, außer heißer Luft.

Das Weltklasse-Orchester unter Leitung von Andris Nelsons spielte spannend, mit dramatisch auftrumpfenden Kontrapunkten, schwelgte und glühte in sphärenhaften Klängen, dass man meinte, das Dach des Festspielhauses öffnet sich und der ganze Zuschauerraum hebt ab zum nächtlichen Sternenhimmel.

Zum Schluss heftige Buhrufe, die aber rasch übertönt wurden vom prasselnden Beifall.

Die Mehrheit der von weither angereisten Gäste schluckt jede Suppe, auch wenn wichtige Zutaten ungenießbar sind.

Die diesjährige Bayreuther Neu-Inszenierung ist eine große Enttäuschung. Sie blockiert die nächsten Jahre den überschaubaren Spielplan, genauso wie die albernen Meistersinger. Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist gedämpft. Katharina Wagner und ihre junge, hübsche Berliner Gefolgschaft sind nicht bei allen beliebt.

Der Mythos, der Zauber, existiert noch beim Anblick der roten Musikscheune, des amphitheatralischen Zuschauerraums und des idyllischen Festspielparks.

Man kann sich freuen über die Leistungen von Chor, Orchester und Solisten.

Das Zentrum der Sache ist aber stark gefährdet, durch mittelmäßige Inszenierungen, aber auch durch die Aufblähung von Nebensachen wie Marketing, Kinderopern oder die übertriebene Neubauplanung.

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