Siegfried 2008

21.8.2008. Die Traumstadt Bayreuth nährt ihre eigenartige Magie einzig und allein aus der Zauberkraft von Ahnvater Richard, jedoch nicht von den gegenwärtigen monarchischen Strukturen, die zum Auftauchen immer neuer schrecklicher Vertreter des Berliner Regietheaters führen.
Einsame falsche Entscheidungen statt einer mehrköpfigen Jury aus erfahrenen Fachleuten führten wohl auch dazu, dass Tankred Dorst, ein Vertreter der Sechziger Jahre ohne Opernerfahrung, den gewaltigen, vierteiligen Koloss des Nibelungenrings inszenieren durfte.
Dorsts peinigende, gähnend langweilige Siegfried-Inszenierung hat am letzten Sonntag erreicht, dass ich fast in der ersten Pause den Grünen Hügel fluchtartig verlassen hätte. Doch Wagnerianer sind bekanntlich leidensfähig.

Unabhängig von solchen Sachthemen ist die persönliche Sympathie für einzelne Personen.

Eine große Freude war es, als die freundliche Bedienung im Bistro „Lamondi“ uns nach der Vorstellung direkt an den Nachbartisch von Katharina Wagner platzierte, die in einem ihrer Stammlokale in vertrauter Runde trank und tafelte. Unsere dritte und letzte Begegnung.
Sie saß links vom Durchgang zur sogenannten Befreiungshalle. An ihrer Seite Vertrauensanwalt Stefan Müller mit hoher, vergeistigter Denkerstirn, gegenüber der muskulöse Leibwächter und Sängerstar Endrik Wottrich, außerdem noch ihr persönlicher Sekretär Alexander Busche. An einem separaten Ecktisch speiste Dirigent Thielemann, der auf meine kurze Frage, „Wie fanden Sie die heutige Siegfried-Vorstellung?“ mit einem verdutzten „Ganz lustig“ antwortete.

Das Überraschungstreffen mit der Hügel-Spitze hatte vermutlich klammheimlich ein Orchestermusiker eingefädelt, dem ich von meinem heutigen Vorstellungsbesuch erzählt hatte.

Jetzt brachten wir alle vor lauter Schreck kein einziges Wort heraus.
Stumm  saßen wir fast nebeneinander, ganz  nah und doch so fern, bis die sympathische Gruppe um 22.30 Uhr mit bester Laune in der frischen Sommernacht verschwand.
So hat es sich tatsächlich zugetragen.
Später hatte ich jedoch einen furchtbaren Alptraum. Wieder saßen wir alle in dem schummerigen Nachtcafé, dessen dämmeriges Licht alle Altersunterschiede verschönerte. Plötzlich zeigte Katharina mit ausgestrecktem Finger auf mich und schrie, „Das ist er – packt ihn.“
Sofort zog Siegmund-Darsteller  Wottrich drohend das Schwert Nothung unter dem Tisch hervor. Vertrauensanwalt Müller formulierte die Anklageschrift: „Wegen unerlaubter Einreise nach Bayreuth werden Sie zum Tode verurteilt.“ Dann eilte Thielemann herbei und schlug rhythmisch mit dem Taktstock zu.
Mit einem lauten Entsetzensschrei wurde ich wieder wach. Glücklicherweise war die Schlägerei  nur ein böser Traum gewesen. Draußen lachte die liebe Sonne über die weiten Felder und Wälder des lieblichen Frankenlandes mit seinen romantischen Fachwerkhäusern. Der Stiftungsrat telefonierte gerade mit Eva Wagner-Pasquier, wegen einer neuen, völlig überraschenden Lösung der Nachfolgefrage 2015. Eva rief, „Ja. Das gefällt mir !“

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