Meistersinger 2007

Sonntag, 5.8.2007. „Mächtig reizt der Zauber,“ wenn man in Bayreuth nachmittags den Grünen Hügel hochwandert, das dichte Laub der Bäume sich öffnet wie ein Vorhang und den Blick langsam freigibt auf die berühmte rote Festspielscheune.

Zunächst zur Musik in der gestrigen Meistersinger-Vorstellung.
Die beiden Damen, Eva und Magdalene, waren recht schrill und laut.
Stolzing (Klaus Florian Vogt) und David (Norbert Ernst) klangen sehr ähnlich, wie Mozart-Tenöre, mit runden, schönen Stimmen.
Dazu als Kontrast, Kothner (Markus Eiche) und Pogner (Artur Korn) mit kraftvollen, voluminösen Bässen.
Auch der stimmgewaltige Nachtwächter (Friedemann Röhlig) hinterließ mit seinem winzigen Auftritt einen starken Eindruck.
Der Star des Abends war Michael Volle als Beckmesser, eine große dramatische Stimme und ein sehr intensives Spiel.
Franz Hawlata gestaltete den Sachs insgesamt etwas blass, bewältigte aber die riesige Rolle ohne Tadel, vor allem im Fliedermonolog sehr poetisch und noch mit viel Kraft für die Schlussansprache.
Unter der Leitung von Sebastian Weigle kam aus dem Orchestergraben ein kompakter, derber Klang, durchaus emotional-romantisch, aber zu wenig differenziert. Viele Details der fein ziselierten Musik gingen dröhnend unter. Aber langweilig war es nicht, zum Glück, bei sechseinhalb Stunden Anwesenheit auf dem Grünen Hügel. 22.40 Uhr war Schluss, wie bei der Radioübertragung.

Jetzt zur Inszenierung.
Der erste Akt geht noch einigermaßen. Zwar ist die pompöse Kunstakademie mit den weißen Gipsköpfen etwas ganz Anderes als Nürnbergs einfache Handwerker in der Katharinenkirche, aber die Meistersinger als steife Akademieprofessoren in langen Talaren sehen noch recht ordentlich aus.
Hans Sachs allerdings verweigert das Festgewand, läuft barfuß mit offenem Hemd herum, in einer Art Arbeitsmontur.
Beim Frühlingslied setzt Walther ein großes Puzzle zusammen: Nürnbergs historisches Stadtpanorama aus der Schedelschen Weltchronik – aber auf den Kopf gestellt. Lustig?
Im zweiten Akt wird Kathi von allen guten Geistern verlassen. Rund um eine erhobene, überdimensionale Hand werden kindliche Farbenklecksereien und Schmierereien veranstaltet. Die neue Kunst ? Es sah aus wie Kindergarten – oder eine wilde Party, wenn die Eltern mal nicht im Haus sind.
Die Zukunft von Bayreuth?
Hoffentlich nicht.
Die Lehrbuben marschieren im autoritären Gleischschritt herum und trinken dann rhythmisch aus Bierflaschen.
Der zweistündige dritte Akt versandet in purer Einfallslosigkeit und sinnlosen Provokationen. Krampf mit Soße.
Beim Wahn-Monolog wird Hans Sachs von riesigen Gummipuppen umtanzt, die einige berühmte deutsche Geister darstellen sollen.
Als der Spuk verschwindet, wird es langweilig. Die Schusterstube spielt vor einer leeren weißen Leinwand mit allerlei Gerümpel, aber ohne Regie-Einfälle.
Und dann wird es geschmacklos. Beim Orchesterzwischenspiel zur Festwiese springt ein offensichtliches „Regietheater“-Team (Dirigent, Dramaturg und blonde Regisseurin) auf die Bühne. Auf Befehl des „bösen Hans Sachs“ werden sie in eine große Kiste gesteckt und angezündet. Aus den Flammen holt man einen röhrenden goldenen Hirschen, der später als spießiger Meisterpreis verliehen wird.
Aus dem Unterboden fährt ein amphitheatralischer Zuschauerraum herauf, mit festlichem Publikum, das blauschwarz abgedunkelt wird, wenn Hans Sachs als wildgewordener Gauleiter seine Schlussansprache beginnt.
Bei Beckmessers Gesangsversuchen taucht ein splitternackter Bursche auf, der kurz an einer Gummi-Frau herumfingert, bis sie explodiert. Anscheinend hat man diesen unsinnigen Einfall nach der Premiere deutlich entschärft.

In den Pausen sammelte sich draußen an den Steigenberger-Stehtischen ein lebhaftes Publikum. Die protzigen Abendkleider sind bestimmt eine Belastung in den engen Klappsitzen und bei der Hitze drinnen, die sich diesmal erfreulicherweise in Grenzen hält. Die tollsten Garderoben und Frisuren haben allerdings am wenigsten Ahnung von den Wagnerwerken, aber es kommt rasch zu allseits beschwingten Gesprächen.
Nach dem ersten Akt gibt es noch freundlichen, gedämpften Beifall, nach dem zweiten donnern lautstarke Buhsalven, die sich zum Schluss des Abends noch heftiger und ablehnender steigern, als Regisseurin Katharina goldblond auf der Bühne erscheint und dem Lärm entgegengrinst.

Wohin nach der Vorstellung?
Direkt gegenüber dem Hauptbahnhof glimmt eines der wenigen Bayreuther Spätlokale, das moderne Bistro „Mondial“, mit rot schummeriger Thekenbeleuchtung, gefüllt mit vornehmen Festspielbesuchern, einzelnen Normalbürgern und ein paar angetrunkenen Theatermitarbeitern.
23.30 Uhr taucht Katharina Wagner selbst auf, top-modisch in knielangen Jeans und schwarzem Oberteil und ohne Endrik Wottrich. Sie grüßt freundlich die ihr bekannten Gesichter und setzt sich dann gesprächig mit einem jungen Mann an einen Ecktisch, raucht Kette und isst Sushi mit Stäbchen.
Um 1.00 Uhr früh sitzt sie  immer noch plaudernd da. Wo soll sie auch sonst hingehen, samstagabends in der Kleinstadt? Sie wird sich schon nach Berlin zurücksehnen.
Beim Fortgehen sage ich freundlich zu ihr, „Heute habe ich die Meistersinger gesehen. Was sagen Sie zu den Buhrufen?“
„Nun ja,“ antwortet sie mit tiefer Männerstimme.

Rückblick, fünf Tage später.
Mit der Musik konnte man zufrieden sein. Extreme Ausfälle gab es nicht. Sänger und Orchester waren die Reise wert.
Die bunten Bilder des “Tannhäusers” von Philippe Arlaud erinnerten ganz dezent an die berühmten mittelalterlichen Farbtafeln aus dem Stundenbuch des Duc de Berry.
Aber nur noch zwei Bildpostkarten gab es oben am Festspielhaus, von dieser beliebten, skandalfreien Inszenierung. Sie wird in diesem Sommer endgültig abgesetzt und soll wohl bald auch gründlich vergessen werden, um Platz zu machen für den neuen, wilden Geist Bayreuths.

Der neue Geist war in den “Meistersingern” zu beobachten, wie unter einem Mikroskop.
Denn der Kontrast zu den farbenfrohen, gemäßigten Tannhäuser-Bildern war extrem, im direkten Vergleich mit Katharinas ausgeflippten Einfällen, die vorbeiflimmerten in der hektischen Motorik von banalen Videoclips und ärgerlicherweise ständig von der Musik ablenkten.
Es ist ja überhaupt nicht schwer, Katharinas theatralische Exzesse psychoanalytisch zu deuten. Sie protestiert in ihren Inszenierungen gegen anerkannte Autoritäten wie ihre Eltern, die sie hartnäckig zur Regisseurin drängten, und sie kämpft auch noch vergeblich gegen ihre eigenen Grenzen, die Werke intellektuell zu durchdringen und zu vertiefen.

Doch warum – muss die restliche Menschheit diese privaten Wallungen ausbaden ?
Dafür gibt es keinen Grund. Denn Genialität vererbt sich nicht.
Feudale, dynastische Besitzstände werden in Bayreuth zäh verteidigt, statt andere, sachnahe und fruchtbare neue Strukturen zu installieren.

Katharinas Inszenierung beginnt extrem “werktreu”, mit einer eindrucksvollen, bühnenfüllenden „Kunstakademie“, die auch handwerklich sehr sorgfältig aufgebaut wurde. Man sieht einen monumentalen klassischen Säulenbau mit vielen Gipsbüsten.
Die Meistersinger tragen zunächst festliche akademische Roben – aber schon 1968 kannten die längst uralt gewordenenen Revoluzzer den Kampfspruch: “Unter den Talaren – der Muff von tausend Jahren.”
Das war einmal und ist längst nicht mehr aktuell.
Aber das Regietheater tritt immer noch hartnäckig auf der Stelle, innerlich unbeweglich und seit vielen Jahren leblos versteinert.
Deshalb wird auch bei hier  Stück für Stück immer noch die Tradition zertrümmert oder willkürlich auf den Kopf gestellt.
Aus dem Revolutionär Stolzing wird dabei ein singender Spießer, für die dümmliche Hitparade der Volksmusik.
Der trockene Erbsenzähler und Bürokrat Beckmesser, der weder singen noch dichten kann, ist dann die Zukunftshoffnung.
Der phantasielose Nichtskönner soll die Perspektive sein – das ist anscheinend Katharinas   Botschaft. Dazu auch ihr langer Regietheater-Aufsatz im “Crescendo”-Magazin:

http://www.crescendo-magazin.de/blog/?p=214

Mit derartigen  Thesen hat sie letztlich ihre Inszenierung zusammengebastelt.

Während das herrliche Orchesterzwischenspiel vor dem Beginn der Festwiese tönt und schallt, wird auf der Bühne ein dreiköpfiges “Regietheater-Team” (Dirigent mit Taktstock, Dramaturg und strohblonde Regisseurin) von uniformierten Gestalten in eine Kiste gesteckt und feurig abgefackelt.
Die Gegner des willkürlichen Regietheaters sind also Faschisten und verbrennen ihre Feinde.
Das ist ein  törichter Vergleich mit den entsetzlichen Massenmorden des Dritten Reichs.
Gerade in Bayreuth.

Bei dem stundenlangen chaotischen Meistersinger-Murks mit viel Konfetti und Sauerkraut gehen natürlich die zahllosen konkreten Anspielungen, Assoziationen und Metaphern des originalen Librettos verloren oder werden rücksichtslos auf den Kopf gestellt.
Zum Beispiel:
Eine überflüssige Ablenkung vom Wahnmonolog waren die hässlichen, hilflos herumtanzenden Monumental-Gummipuppen mit den Köpfen berühmter deutscher Denker.
Auch da wurden wieder die Autoritäten und Traditionen lächerlich gemacht.
 
Zum Schluss dann auch noch der arme Hans Sachs, gruselig beleuchtet wie bei einer Hitler-ähnlichen Hasstirade. Bei der Schlussansprache wird Sachs flankiert von zwei riesigen goldenen Heldenstatuen im Stil Arno Brekers. Das sollte wohl an die Nazi-Parteitage erinnern und wurde noch mit dem Holzhammer verstärkt, durch eine halbschwarze, gespensterhafte Beleuchtung der Szene.
Katharina hatte keine guten Ratgeber, die das Schlimmste hätten verhindern können.
Schlimmer noch:
Katharinas  Einfluss verdanken wir wohl auch das Auftauchen solcher Gesinnungsgenossen am Grünen Hügel, die aus dem wilden Berlin und sonstwo kommen – wie Schlingensief, Marthaler,  und demnächst auch noch Neuenfels, Schreck lass nach.

Ausgerechnet ihr die Gesamtleitung der Festspiele anzuvertrauen, ist eine lähmende Zementierung des längst überlebten, lächerlichen Regietheaters.
Der milde Zauber der Johannisnacht wurde dieses Jahr mit harten Fußtritten vertrieben, der Glanz der Festwiese zerstört, die sakral-weltliche Mischung des ersten Aktes vernichtet.
Die verächtliche Stapelung und das Wegschleudern der gelben Reclamhefte im ersten Akt, das Herumschmieren auf der überdimensionalen Hand im zweiten Akt – das alles wirkte völlig abwegig und sinnlos, genauso wie die phantasielose Schusterstube vor einer bühnenhohen, banalen weißen Leinwand.
Als einmalige Fehlleistung kann man dieses Spektakel schnell vergessen, aber so einmalig wird es vielleicht gar nicht bleiben. Keine guten Aussichten.

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