Götterdämmerung 2009

18. August 2009

Bayreuth ist eine blühende Insel im Meer der Banalitäten und immer für ein paar Überraschungen und Anekdoten gut. Beginnen wir mit ein wenig Gesellschaftstratsch und Modeproblemen.

Gestern kurz vor 15.00 Uhr, beim Flanieren am Festspielkiosk, stürmt plötzlich aus Vater Wolfgangs Garten der leibhaftige Alexander Busche.

Er ist der umtriebige, schöpferische Kopf hinter Katharina und der Marketingfirma BF Medien GmbH, gleichzeitig Librettist des Kinderopern-Holländers und Erfinder ähnlicher Scherze und Streiche.

Beim freundlichen, namentlichen Gruß im Vorbei-Eilen bleibt Busche sogar aufmerksam stehen. Kräftig drückt er mir unbekannterweise die Hand, „Woher kennen wir uns?“ Nun ja, das war vor einem Jahr in Katharinas Stammlokal, als die blonde Chefin mit Busche, Wottrich und ihrem Hausanwalt Müller direkt am Nebentisch auftauchte.

Busche huschte weiter zu seinen vielen Pflichten. Er ist übrigens bestens geeignet für pantomimische Tanzeinlagen, denn während unseres kurzen Gesprächs schlenkerte er kunstvoll mit Händen und Füßen gleichzeitig. Ein sehr musikalischer, rhythmisch begabter Mensch.

Erst als er weg war, kam der Gedanke, ihn nach der neuen Uniform der Blauen Mädchen zu fragen. War das seine Idee ?

Die jungen Damen taten mir bitter leid. Sie standen überall herum, wie reisende Händlerinnen mit großen weißen Einkaufstüten, aus denen sie Programmhefte verkaufen mussten. Man bekommt diesmal sogar kostenlos ein zweites dickes Heft als Beilage, in dem sämtliche Mitwirkenden namentlich erwähnt sind, mit Herkunftsorten aus allen Himmelsrichtungen. Genauso, wie es längst auf der offiziellen Homepage der Festspiele aufgelistet ist.

Neben der Freude über die mitwirkenden Künstler bekommt man beim Durchblättern den starken Eindruck, dass es in der vielköpfig mitwirkenden Verwaltung viel zu viele Köpfe gibt und dass Sparsamkeit nicht unbedingt zu den Stärken der neuen weiblichen Leitung gehört. Das kostspielige Heft mit den Mitwirkenden ist genauso überflüssig wie die geplanten neuen Probengebäude.

Man gibt Geld aus, das man ohne die verschwenderischen Sponsoren gar nicht hätte – für Dinge, die keiner wirklich braucht.

Doch zurück zu den Brombeermädchen. In ihren dicken, nebelgrauen Anzügen mit den violetten Halstüchern sahen sie wie Soldaten im ersten Weltkrieg aus. Allein der beunruhigende Anblick des schweren, steinfarbenen Filzstoffes löste Schweißausbrüche aus. Außerdem ist das Gewand so schwerfällig geschnitten, dass es unförmig wirkt. Die hübschesten der jungen Damen wurden dadurch optisch nicht aufgewertet und bei den großen Dicken war es sowieso egal.

Wie kann man so etwas im Hochsommer als Uniform verordnen ?

Damit sind wir auch schon bei der nächsten Perspektive. Wie übersteht man einen siebenstündigen Hügel-Aufenthalt ohne Hitzeschlag?

Ganz einfach, durch Abschaffung der alten Modezöpfe. Bei meinem ersten Hügelbesuch, Tristan 1986, trug ich noch Fliege und schwarzen Anzug. Alles war nach sechs Stunden in der Hitzehölle klatschnass durchgeschwitzt.

Unangenehm, dazu qualvoll von der Musik ablenkend.  

Und so war es immer wieder, viele Jahre.

Vorgestern, bei der Götterdämmerung, ging es anders. Mittags, beim Blick auf die brennende Sonne und das unberührte schweißtreibende Gewand, sprach ich zu Letzterem, „Du bleibst heute im Hotel.“

Die Lösung heißt: Ausschließlich festliches Schwarz, in luftiger Form. Schwarz macht schlank und sieht immer elegant aus, wie Katharinas Hosenanzüge. Zu den pechfarbenen Lackschuhen trägt man einen mitternachtfarbenen, leichten Hosenstoff, dazu ein luftiges, tiefschwarzes Baumwollhemd mit seriösen langen Ärmeln, das natürlich erkennbar ein paar festliche Euronen wert sein muss.

So schreitet man glücklich in der brüllenden Hitze zum Festspielrestaurant und lacht über die vielen Herren, die an den Stehtischen ihr hitzestauendes Sakko über dem angewinkelten Arm tragen, genauso auch im Zuschauerraum. Auf die neugierige Frage, „Warum nehmen Sie die Jacke bei den Rekord-Temperaturen überhaupt mit,“ wusste niemand eine gescheite Antwort.

Nur eine ältere Dame seufzte, „Seit Jahrzehnten kommen wir hierher und immer ist es so heiß.“ Sie trug eine elegante dunkelblaue, knöchellange Abendrobe mit vielen glitzernden, hitzestauenden Pailletten, dazu ein wärmendes Jäckchen. Das Ganze muss drinnen auf den engen, harten Folterstühlen recht beklemmend und atemverschlagend sein.

Verzichtet man auf den hitzetreibenden Klimbim, natürlich auch auf kurzarmige, geschmacklose Hawaii-Hemden oder ärmellose Sportleibchen, dann kann man sogar den zweistündigen ersten Akt der Götterdämmerung recht angenehm überstehen.

Eine Perspektive für Bayreuth ! 

Ein ganz anderes Problem sind die stets langen Schlangen vor den Damentoiletten. Vorgestern durchbrach eine gequälte Besucherin in der ersten Pause die vornehme gesellschaftliche Etikette. Sie rief entschlossen, „Das halte ich nicht mehr aus“ und stürmte in eine freie Kabine der Herrenabteilung, „Bitte entschuldigen Sie.“ Dazu meinte ein gelassener Smokingträger nur trocken, „Aus dem Alter sind wir heraus.“

Allen anderen hatte es die Sprache verschlagen.

Aber auch hier müssen großzügige architektonische Lösungen geschaffen werden – statt die Zeit mit Brombeertüchern zu verplempern. Man könnte die Hälfte des öden Selbsbedienungsbereichs mit den abwaschbaren Plastiktischen umbauen für Duschen und sanitären Komfort.

Die Wagnerwelt ist klein, und deshalb trifft man am Grünen Hügel auch immer wieder ein paar vertraute Operntouristen aus München. Auf der unteren südlichen Terrasse des Festspielrestaurants schlürften sie frisch gezapftes Bier, lachten, tratschten dazu über ihre vielen Opernreisen und lästerten, „Katharina macht alles kaputt.“ Diesem Satz habe ich sofort widersprochen, denn so schlimm ist es wirklich nicht, noch nicht.

Über Vater Wolfgang hagelte es Jubelhymnen. „In ein paar Tagen hat er Geburtstag. Da sollte man für ihn einen großen Fackelzug organisieren.“ Ich dämpfe die Vorfreude, „Er wird mit seinen Töchtern verreisen.“ „Dann sollte man ihm das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse mit Stern überreichen.“

Und noch einmal widerspreche ich der Festgemeinde, „In seinem Alter hat er an Blechsternen bestimmt kein Interesse mehr. Ihn treibt die tiefe Sorge um Bayreuths Zukunft.“  

So weit ein paar ausgewählte, flüchtige Sommerblitze vom schwatzenden Grünen Hügel, Anekdoten, wie sie auch in der Klatschpresse beliebt sind. 

Doch jetzt zum ernsthaften Teil, zur Hauptsache, dem unsterblichen großen Wagnerwerk. 

Musikalisch konnte man zufrieden sein.

Edith Haller, (Gutrune), eine frische, klare Stimme. Angenehm auch Ralf Lukas (Gunther), ein weicher Kavaliersbariton, passend zum passiven Charakter der Figur. Hörenswert schallte auch Andrew Shore mit giftiger Alberich-Vehemenz.

Christian Franz (Siegfried) verfügt über kein stimmlich dröhnendes Haudrauf-Material, ist aber mit heller, klarer Stimme allen Kraft-Ausbrüchen gewachsen. Hans-Peter König (Hagen), war ein weiträumig hallender, voluminöser schwarzer Bass, sehr eindrucksvoll. Ein Höhepunkt der klangprächtigen Aufführung.

Die beste Leistung des Abends bot Linda Watson (Brünnhilde) , machtvoll, raumfüllend, nie ermüdend und auch im großen Schlussgesang noch zu Steigerungen fähig, dabei ohne schrille Schärfen, mit weicher, leuchtender Deklamation.  

Christian Thielemann schuf einen präzisen, schwungvollen, manchmal sehr lauten Orchesterklang, der aber immer streng kontrolliert blieb.

Hier hätten ruhig öfter die Gäule leidenschaftlich durchgehen können. Die große Ekstase fehlte, die grenzensprengenden Emotionen.

Wenig zu hören war auch von den mystisch-geheimnisvollen Elementen, der magisch hypnotisierenden Atmosphäre des archaischen Stoffes aus fernen, längst vergangenen Zeiten.

Dem unvergessenen Hans Knappertsbusch gelangen solche Wirkungen aus dem Handgelenk. Man höre nur seinen Ring von 1956 mit Starbesetzung. Knappertsbusch pflegte bei orchestralen Höhepunkten langsam von seinem Sitz aufzustehen und die Arme wie ein Hohepriester ganz weit auszubreiten – schon donnerte das Orchester los.

Ähnliche Zauberkräfte wünschte man auch den heutigen Wagnerdirigenten zurück.

Noch mehr wünscht man sich das – für Tankred Dorsts schläfrige Regie.

Die Nornen, in grauen Gewändern mit Schlingpflanzen, saßen unter einem leuchtenden, kugelförmigen Sternenhimmel. Abwechselnd griffen sie nach oben und fingen einzelne Glitzer-Sterne ein, wie in Grimms Märchen von den glücksbringenden Goldtalern.

Zu den düsteren, apokalyptischen Weissagungen des Textes passte das leider nicht.

Der Walkürenfelsen war wieder ein grellweißer, augenbeißender Steinbruch mit rotweißen Baustellenbändern. Furchtbar anzuschauen !

Die Gibichungenhalle nervte als öder heller Plattenbau im nüchternen, stimmungstötenden Bauhaus-Stil, mit kahlen Treppen zum beliebigen Herumklettern.

Hagen und seine Mannen geisterten mal wieder in brauner Faschisten-Uniform herum. Gunthers Festgesellschaft langweilte sich im Frack mit Pinguinflügeln, die Damen im langen Abendkleid mit Sektgäsern, wie das Opernpublikum.

So wie man es schon hundertmal gesehen hat.

Dazu röhren im Orchester die altgermanischen Hörner, im Ton prähistorischer Zeiten.

Die Bilder passten nicht zum Klang.

Siegfrieds Tod geschah rund um eine mausgraue, hässliche Betonbrücke aus der Hexenküche phantasieloser moderner Architektur.

Zum Schluss trug Brünnhilde ein situationsgerechtes, feuerrotes Abendkleid. Hinter ihr wurde ein langweiliges Flammenfeuerwerk projiziert. Davor stand ein modernes Liebespaar, junge Leute in Freizeitkleidung mit Fahrrad. Sie umarmen sich, ziehen weiter, bekommen vom großen Weltenbrand gar nichts mit.  

Eine übergreifende Idee war nicht erkennbar, die Einzelteile der Inszenierung wirkten zusammengestückelt und ärgerten immer wieder durch ihre optische Hässlichkeit.

Viele Elemente des Werks wurden verzerrt oder unterschlagen, vor allem der atmosphärische Zauber alter Sagen, Symbole, Rituale.

Die Götterdämmerung, Schluss-Stein der monumentalen Tetralogie, ist ein zeitloser Monolith wie der magische Steinkreis von Stonehenge. Davon waren hier nur schwache, sehr müde Ansätze erkennbar.

Bessere Regisseure – das ist das allerwichtigste Hauptproblem für die Zukunft am Grünen Hügel und dessen Attraktivität für berühmte Künstler.

Statt die mit großem Füllhorn ausgeschütteten, riesigen Finanz-Subventionen für ausgeflippte Führungs-Ideen und kostspielige Nebenprojekte auszugeben, sollte man sich intensiv auf die künstlerischen Versäumnisse konzentrieren.

Ob die Leitung dazu in der Lage ist, wird man sehen.

Druck aus der Öffentlichkeit kann dabei auch wirksame, heilende Kräfte wachrütteln.

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