Mystik

In den Meisterwerken Richard Wagners  entdeckt man alte Sagen und Legenden, Zaubertränke, Götterburgen, Zwergenreich, heilige Speere und Kelche, Feuerzauber, Urelemente des Mythos.

Wagners Sprache verwendet Metaphern, Symbole, Allegorien – also eine magische Bildersprache, die sich entschlüsseln lässt wie die ägyptischen Hieroglyphen.

Aus dem Mittelalter stammt der Tarot, ein symbolisches Kartenspiel, dessen Bilder eine Überfülle allegorischer Zeichen enthalten: Symbole aus der griechischen Antike. Motive aus der Zeit der ägyptischen Pharaonen, Bilder aus dem Großen Buch der jüdischen Kabbala und dem Alten Testament.

http://de.wikipedia.org/wiki/Tarot 

Alle einzelnen Bilder des Tarots führen zum zeitlosen Gleichnis vom großen Schicksalsweg des Menschen, beginnend mit seiner Unwissenheit, dem Fortschreiten und Reifen über dunkle und helle Lebenserfahrungen, bis zur Rückschau auf das Gesehene und zur höchsten Erkenntnis und Erleuchtung.

Das gleiche Phänomen durchdringt auch die Wagnerwerke. Hinter den Rätselbildern des Mythos verbergen sich die unzerstörbaren Urbilder und Antriebskräfte der menschlichen Existenz. In ihrem Zentrum steht die Reise des suchenden Helden, seine Abenteuer auf dem Weg zur Erkenntnis. Dazu schuf Wagner große Klänge. In ihren stärksten Augenblicken spiegelt seine Musik ekstatische Zustände. Trance, Entrücktheit, Rausch, mit vielen dunklen Seitenlinien und ausgefeilten Miniaturen. Es ist ein Gesang und eine Orchestersprache, die an das Unterbewusstsein rühren, die archaische Erinnerung an ferne, längst vergangene Zeiten. Und darum sind sie so unwiderstehlich und wirkungsvoll. 

Die  esoterischen Grundlagen  der Wagnerwerke – das ist ein spannendes Gebiet, dessen labyrinthische Pfade leider auch von Schwindlern und Scharlatanen besetzt werden.

Zum Thema gehören viele unterschiedliche Perspektiven: Okkultismus, Magie, Hermetik, Alchemie, Sekten, Mysterienkulte, Astrologie, Weissagungen und vieles mehr.

Hier findet man eine umfangreiche Darstellung des Themas:

http://de.wikipedia.org/wiki/Esoterik 

Als materiell orientierter Realist und kritischer Beobachter erkannte Wagner die äußeren Zeichen seiner eigenen Epoche genau.

Aber mehr noch faszinierten ihn die zeitlosen irrationalen Kräfte: Emotionen, Phantasie, Ekstase, Rausch. Als Künstler wandte er sich fernen, versunkenen Zeiten zu – Elementen, die den Menschen des nüchternen Industriezeitalters immer mehr fehlten: Die meditative, spirituelle Dimension, die Sehnsucht nach einer archaischen Einheit mit der Natur.

Diese Erfahrung verwandelte der Komponist in Worte und Klänge, die stärker wirken als jedes andere klingende Drama. Vor allem im Nibelungenring rührte er an den Anfang aller Zeiten.

Im „Fliegenden Holländer“ heißt es: „Wenn alle Toten auferstehen, dann werde ich im NICHTS vergehen.“ Dahinter steckt eine ganze Weltanschauung.

Aber Wagner fing damit erst an.

Im Tannhäuser löst sich die Zerrissenheit zwischen Sinnlichkeit und strenger Wartburgwelt auf in den weltenfernen Gesängen der Pilger, die aus Rom zurückkehren.

Im Lohengrin kommt die Rettung aus der transzendenten Sphäre der Gralswelt.

Im Nibelungenring geht es zurück an die archaischen Ur-Anfänge, zu den ältesten Natur-Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft und ihren Wandlungen bis ans Ende der Welt.

Im Tristan löst sich die Realität völlig auf. Tag wird zur Nacht. Tod wird zur Befreiung.

Im Parsifal vollendet sich das Lohengrin-Thema. Nicht mehr die irdischen Probleme der Elsa von Brabant stehen im Mittelpunkt, sondern die Gralswelt selbst, der heilige Wald, der Tempel – Inbegriff der Loslösung von der materiellen Welt und der höchsten Stufe der Erkenntnis – der Erleuchtung

Kernpunkt und Hauptthema von Wagners zeitlosen Meisterwerken ist unerschütterlich die Mystik, die Meditation, die Schau nach innen und das Nachdenken über die Grenzen der Wahrnehmung. Ein Thema, das die Menschheit seit allen Zeiten beschäftigt und bei dem sich nur die Darstellungsformen ändern.

Die Mystik (griechisch: einweihen; lateinisch: geheimnisvoll, dunkel) ist seit Menschheitsgedenken auf allen Kontinenten verbreitet. Sie hat vielfältige Erscheinungsformen, im antiken Griechenland (Pythagoras, Plotin, Philon), im Judentum (Kabbala), Buddhismus (Zen, Taoismus), in China (Lao Tse, Konfuzius), im Islam (Sufismus) und vor allem im europäischen Mittelalter. Bekannte Persönlichkeiten sind der Kirchenvater Augustinus, Jakob Böhme, Martin Luther, oder auch Bernhard von Clairveaux, der intensiv die Lehren des Islam und der jüdischen Kabbala studierte.

Das ekstatische Denken in Bildern und Visionen entwickelte sich seit Anbeginn der Menschheit, wurde kultiviert in frühen Hochkulturen, entwickelte sich über lange Zeiträume und erreichte im Mittelalter einen glanzvollen Höhepunkt.

Diese Epoche vor 1000 Jahren ist auch das Thema fast aller Werke von Richard Wagner, wohl kein Zufall.

Weil aber dieses Thema in den Wagner-Inszenierungen der Gegenwart nur ganz selten auftaucht, kann man es hier aufgreifen und vertiefen.

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