Mahler, 4. Sinfonie und Brahms, Ein deutsches Requiem

12.4.2011. Die innere Verwandtschaft der Komponisten lässt manchmal Zusammenhänge erkennen, die auch das Verständnis der Werke vertiefen. Jeder hat eine eigene stilistische Handschrift, aber es gibt auch gegenseitige Bezugnahmen, manchmal ohne jede Absicht.
Richard Wagner hat seinen Zeitgenossen Brahms nicht leiden können. Gustav Mahler, dreizehn Jahre vor Wagners Tod geboren, war ein glühender Bewunderer des  Bayreuther Komponisten und hat glanzvolle Aufführungen von dessen Werken  an der Wiener Staatsoper geleitet.
Brahms neigte zu grübelnder, melancholischer, akademisch ausgefeilter Detailarbeit (4. Sinfonie). Mahler liebte Naturklänge, die er oft in kindlicher Form oder in hoch komplexen, schrillen Tongemälden zu klingenden Kolossalbauten auftürmte (8. Sinfonie).
                                                                 
Aber in zwei Werken sind sie sich gedanklich sehr nahe :
Mahlers 4. Sinfonie hat eine ähnliche Atmosphäre wie das „Deutsche Requiem“ von Brahms.
 
Brahms stellte sich die Texte aus der Bibel selbst zusammen. Die Thematik kreist um Tod und Vergänglichkeit, aber auch um Hoffnung und Zuversicht.
Zitat:
„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 
Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden. Dann wird  das Wort erfüllt, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg.“  
 
Dazu komponierte er eine heitere, friedliche Musik, die dem gedämpften Thema eine freundliche Seite abgewinnt.
Hier hört man das Finale  des Brahms-Requiems:
                                                                    
Mahler hat etwas Ähnliches geschaffen:
Seine vierte Sinfonie meditiert über das vergängliche irdische und das ewige himmlische Leben.
Es beginnt mit Walzermelodien. Schellengeläut wie bei alten Pferdekutschen. Erinnerungen an Tanz, Heiterkeit, Kinderspiele. Lebensfreude.
Der zweite Satz ist ein groteskes Scherzo. Das Makabre, Lächerliche.  Die Vergänglichkeit des äußerlichen, materiellen Lebens. Und immer wieder hört man eine schrille Solovioline: Die Fiedel des Sensenmannes, das Symbol des Todes.  Der Gesang der Vanitas, Eitelkeit und Vergänglichkeit des äußerlichen, materiellen Lebens.
                                                                                                                                                 
Der dritte Satz  ist außerordentlich emotional und bewegend. Ein Spiegel der  menschlichen Seele. Schmerz, Sehnsucht,  Innigkeit.  Ein inneres Leuchten. Transzendenz. Die unsterbliche Seele meditiert,  träumt und hofft, klopft zweimal mit lautem Orchesterschall an die Tore des Paradieses,unter vernehmlichen Einsatz von Pauken und Trompeten.   Und beim dritten Mal öffnen  sich die Pforten zur Ewigkeit, mit einem gewaltigen Tutti-Schlag des gesamten Orchesters.
Dann ertönen Glockenspiel und Schellenklang. Eine engelhafte Frauenstimme erzählt von den „himmlischen Freuden“, im Tonfall eines heiteren Kindermärchens, und die Heiligen treten auf wie in einem Puppenspiel.
Zitat:
„Dort läuft schon Sankt Peter mit Netz und mit Köder.
Elftausend Jungfrauen zu tanzen sich trauen.
Sankt Ursula selbst dazu lacht.
Kein‘ Musik ist ja nicht auf Erden,
Die unsrer verglichen kann werden.“
                                                                   
Hier hört man den 3. Satz „Ruhevoll, poco adagio“ :
                                                                              
In späteren Jahren verdüsterte sich die Stimmung. Die vierte Sinfonie von Brahms ist dunkel  und melancholisch.
Auch Mahlers „Lied von der Erde“ spiegelt Verzweiflung und Müdigkeit.
Beide Komponisten waren mittlerweile berühmt, aber die Bewunderer konnten nicht die Einsamkeit vertreiben, die Abwesenheit von gleich gestimmten Seelen. Ein Schicksal vieler bedeutender Künstler und Philosophen, auch bei Beethoven, Bartok, Van Gogh, Nietzsche und vielen anderen.
             
Zitat aus Mahlers „Lied von der Erde“:
„Das Firmament blaut ewig, und die Erde
Wird lange fest steh’n und aufblühn im Lenz.
Du aber, Mensch, wie lang lebst denn du?
Nicht hundert Jahre darfst du dich ergötzen
An all dem morschen Tande dieser Erde!“
                 
Hier singt dieses Lied Fritz Wunderlich:
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