Der Silbersaal

25.01.2011. Heute befinden wir uns im Festspielhaus, in der streng geheimen „Silver Lounge“.

Der Raum ist wie eine Schatzkammer hergerichtet. Offene Silbertruhen mit Goldmünzen glitzern. Dazu gibt es ein großes Delikatessen-Büffet. Flinke Kellner im weinroten Smoking schleppen übervoll beladene Tabletts, mit Champagner Veuve Cliquot, Weinbergschnecken, Trüffel und all den protzigen Leckereien, die es im Festspielrestaurant glücklicherweise nicht gibt.

An Tischen mit glänzenden weißen Damast-Tüchern sitzen die zehn bekannten Spitzenfunktionäre der Katharina-Clique ( KC-Partei ), darunter auch, mit blitzenden Orden geschmückt, einige Parteikader  von der Ostberliner Eisler-Musikhochschule.

Die Parteivorsitzende Katharina W. beeindruckt in dem kostbaren Abendkleid, das sie zur letzten Hügel-Premiere trug. Aber die geliebte Halbschwester Eva hat heute wichtigere Termine oder wurde gar nicht erst eingeladen.

Parteichefin KW hält eine Ansprache: „Die schweren Rückschläge der letzten Jahre zwingen uns zum Handeln. Die Inszenierungen der Meistersinger und der Ratten-Lohengrin sind einfach furchtbar.

Wie konnte das nur passieren? Und was Sebastian Baumgarten aus dem Tannhäuser macht, lässt mir schon jetzt das Blut in den Adern zu Eis gefrieren. Die Spitzensänger haben keine Lust mehr, bei uns aufzutreten. Die Handwerker machen nur noch widerwillig ihre Arbeit. Und die wirklich bedeutenden Prominenten fahren lieber nach Salzburg.

Wie soll es weitergehen?“

KC-Veteran Jack Rance: „Man könnte das Festspielhaus umbauen und eine Tomatenfabrik daraus machen. Damit lässt sich eine Menge Geld verdienen.“

KC-Parteichefin KW: „Das ist eine sehr gute Idee. Vielleicht passt auch noch eine Modeboutique hinein. Und ein Verkaufsladen für Sportautos. Das macht doch viel mehr Spaß als diese langweiligen Opern.

Danke, verdiente Spitzenfunktionäre. Und jetzt bekommt jeder Einzelne von ihnen fünfzig Sushi-Gutscheine für unsere nächsten Ausflüge in Berlin, außerdem zweihundert Freikarten und hundert Mitarbeiter-Ausweise, auch für die Kampfgenossen im Wagnerforum.“

Sie macht eine kurze Pause und holt tief Luft:

„Wahre Freunde erkennt man daran, dass sie einem die Wahrheit sagen. Schmeichler und Speichellecker sind falsch. Deshalb ist Franz mein bester Freund, weil er mich davor warnt, den Schleimern zu vertrauen.

Ich habe deshalb meine ganzen Reichtümer verkauft und den armen Kindern in Afrika geschenkt. Alles, was hier im Raum ist, könnt ihr mitnehmen. Auch mein letztes Abendkleid wird versteigert.“

Sie steigt aus dem Kleid und trägt darunter einen schwarzen Hosenanzug, „Das ist alles, was ich jetzt noch an materiellem Tand besitze. Aber innerlich bin ich reich.“

Jetzt werden auf silbernen Tabletts große Geschenkpakete hereingetragen, eingewickelt in brombeerfarbenes Seidenpapier.

Die Spitzenfunktionäre stürzen sich wie die Geier auf die Beute, reißen sich gegenseitig die Pakete aus der Hand und prügeln sich. Der bescheiden wartende Jack Rance landet nach einem Volltreffer auf dem Speisetisch und fliegt mit dem ganzen Luxusgemüse durch das offene Fenster.

Parteichefin Katharina freut sich: „So erreichen wir eine Besten-Auslese. Der Stärkste gewinnt, wie im Sport. Und jetzt alles Gute für den langen Heimweg. Zugfahrkarten Erster Klasse sind in den Paketen bereits enthalten und goldene Rolex-Uhren, damit Sie in der Hauptstadt niemals mehr eine Verabredung mit mir verpassen.“

So endete ein erfolgreicher Tag.

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