Die Thunderball-Symbolik

Die Symbolik ist eine starke Bildersprache, die auch Richard Wagner gern verwendete.

Dabei werden abstrakte Gedanken durch eindrucksvolle Bilder vertieft – durch Allegorien, Metaphern, alte Sagen und Legenden.

Die  Kunst aller Jahrhunderte  nutzt die unsichtbaren, unterschwelligen Wirkungen der Symbolik, die eine starke Wirkung auf das Unterbewusstsein haben.

Die  Titel-Sequenz  zu dem berühmten Thriller  „Thunderball“ hat  solche  Wirkungen, die man analysieren und erklären  kann.

Hier kann man die Titel-Sequenz  hören und sehen:

http://www.youtube.com/watch?v=GCCdE8mUTRM

Gleich zu Beginn dröhnen  schallende Posaunen, wie apokalyptische Zeichen des Jüngsten Gerichts. Dann folgen summende, drohende Violinen und die aggressive Stimme des Sängers.

Der Text der englischen Originalfassung ist am Schluss dieses Beitrags zu finden.

In der ersten Strophe  geht es um den Kämpfer, den Verfolger, den hartnäckigen Detektiv, den Jäger, der sein Ziel sucht.

In der zweiten Strophe geht es um das Gegenteil,  den Gejagten, den gnadenlosen Verbrecher, der rücksichtslos zur höchsten Macht strebt.

Zitat: „Er schaut auf die Welt und will sie ganz. Er weiß, was Erfolg bedeutet. Er braucht viel mehr. Darum gibt er wenig. Jede Frau bekommt er, die er will. Er bricht jedes Herz, ohne Reue. Man nennt ihn den Sieger, der alles einsteckt. Und dann kommt der Donnerschlag.“

Diese zweite Strophe ist  in Wirklichkeit nur herausgefiltert aus dem gesamten Lied.

Der Text wurde zwar an keiner Stelle verändert, aber einzelne Zeilen aus dem Zusammenhang gelöst  und verschoben.

Das Ergebnis wirkt wie zwei unterschiedliche Figuren: Der Jäger und der Gejagte.

Aber in Wirklichkeit ist es nur eine einzige Person – der rücksichtslose Machtmensch Blofeld, der die Weltherrschaft erreichen will.

Das ist eine psychoanalytische Perspektive:  Jeder Mensch trägt böse und gute Seiten in sich. Der Kampf zwischen beiden Elementen hört  nie auf. Wie Tag und Nacht, wie Winter und Sommer, wie Traum und Wirklichkeit gibt es eine ambivalente, doppeldeutige Spannung zwischen dunklen und hellen Kräften.

Das ist der Stoff für alle Theaterdramen und auch für die Meisterwerke Richard Wagners.

Weitere Kostproben: „He needs much more“ – „Er braucht immer mehr.“ In diesem Text ist  der Machthungrige ein Namenloser – „He“, also „Er“.

Das erinnert nicht zufällig an die biblische Bezeichnung für „Ihn“ – für Gott.

In der bekannten amerikanischen Verfilmung ist „Gottvater“ (Godfather) die Bezeichnung für den „Paten“, den Chef einer New Yorker Mafia-Familie.

Manche skrupellosen  Täter fühlen sich wie Gott, unangreifbar, allmächtig. Der Kriegsreporter Eugen Sorg hat kürzlich ein Buch  veröffentlicht, über seine persönlichen Beobachtungen in verschiedenen Kriegsgebieten. Er  stellt fest, dass  die „Lust am Töten“mit einem euphorischen Machtrausch verbunden ist, mit einer Ego-Explosion wie sie auch der Filmtitel assoziiert:  Thunderball = Donnerschlag.

Über den machtgierigen Schurken heißt es im Text: „His needs are more – so he gives less.” “Er braucht immer mehr, also gibt er immer weniger“.

Das ist die Verbrecherlogik. Oder: Gier frisst Verstand:.

“He  breaks any heart – without regret.” Ohne Reue – “regret” – erinnert allerdings  an das deutsche Wort „Regress“, also Schadensersatz für Fehlverhalten.

Der raffinierte Text der Titel -Sequenz steckt voller Anspielungen und Hinweise auf  die folgende Handlung des Thrillers, in  der ein Verbrecher die höchste Macht, die Weltherrschaft erringen will.

Filmkomponist John Barry hat die lauernde, unheimliche Atmosphäre genau  verstanden und zelebriert das Thema mit pompöser, dämonischer musikalischer Wucht, wie Prunk und Protz des Größenwahns und der Machtgier.

Eine Fehlbesetzung in diesem Lied  ist allerdings Sänger Tom Jones. Er plustert sich auf mit machohaftem, brüllenden Gesang, der durchaus schillernd und gefährlich klingt, aber an der Raffinesse des Textes vorbeizielt.

Denn die Falschheit und Bösartigkeit des größenwahnsinnigen Verbrechers Blofeld  spielt sich hauptsächlich im Schatten ab, in der leisen Hinterlistigkeit, die an eine schleichende Katze erinnert, wie sie der Bösewicht im Film stets auf dem Schoß hält und streichelt.

Maßlose Gier nach Geld und Macht sind die Antriebskräfte der Großverbrecher, die auch in Richard Wagners Nibelungenring mit  einer mächtigen Bild- und Klangsprache charakterisiert werden.

Für das Titelthema von „Thunderball“ hätte man eine leise, bösartig wispernde und flüsternde Stimme einsetzen müssen, die den vielen Zischlauten („Success“) und knallenden Konsonanten („Fight“) eine noch viel unheimlichere Dimension gegeben hätte.

John Barry dirigiert selbst und holt aus dem großen Orchester alles heraus: Die gellenden apokalyptischen Posaunen am Anfang, die hämmernde Stahl-Gitarre, das hetzende Verfolger-Thema, im Rhythmus einer tickenden Uhr. Das hektische Summen der drängenden Violinen, die im hohen Glissando an kreischende, zischende Raubkatzen erinnern. Dazu bösartig kreischende Trompeten und immer wieder der gewaltige Tutti-Schlag des gesamten Orchesters, der an das krachende Todesmotiv in Siegfrieds Trauermarsch erinnert.

Das ganze Titelthema dauert nur 2.53 Minuten. Die Musik wird verstärkt durch mystische Bilder von schattenhaften Gestalten, die sich gegenseitig unter Wasser mit Harpunen bekämpfen, getaucht in wechselnde grelle Farben.

Von der Eindringlichkeit und düsteren Magie hat das durchaus den Rang von Richard Wagner, aber mit ganz anderen, eigenen Mitteln.

Die überwältigende Wirkung presst die Zuschauer förmlich in die Polstersessel. Am Ende des suggestiven Spektakels muss man sich erst wieder an das Tageslicht draußen gewöhnen.

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Auch das wirkliche Leben ist voller Überraschungen. Manchmal sieht man sich zwei Mal  oder vier Mal und sowieso –

„Man lebt nur zwei Mal“.

Das ist der Titel eines berühmten Films über Machthunger und Geldgier, sogar mit meditativer Musik aus dem stillen Bambushain.

Der bedeutende Filmkomponist John Barry war  ein Spezialist für atemberaubende Thriller. Aber seine  Klangwelt ist auch fähig zu zarten, fernöstlichen Gongschlägen. Eine heitere, trügerische Stille. Denn  dahinter lauert die Gefahr: Der machtgierige, größenwahnsinnige Verbrecher Blofeld, symbolisiert durch Bilder von explodierenden Vulkanen: Der Donnerschlag (Thunderball), der alles zerstören will, für Geld und Macht.

Und mehr noch:

„You Only Live Twice or so it seems, One life for yourself and one for your dreams.

You drift through the years and life seems tame, Till one dream appears and love is its name.

And love is a stranger who’ll beckon you on, Don’t think of the danger or the stranger is gone.“

„Und die Liebe ist ein Fremder, der dich aufmerksam grüßt. Denk nicht an  Gefahr, denn sonst ist der Fremde fort.“

„Der Fremde“ – das kann auch jemand sein, der neue Ideen hat, mit Liebe an eine Sache herangeht und neuen Schwung in die alten Gewohnheiten bringt. Wirkungsvolle  Ideen für Probleme, die dringend lösungsbedürftig sind.

„You only live twice“. Einfach hören und träumen:

http://www.youtube.com/watch?v=hcIl_6amBvU

Genauso überwältigend, mit starken unterschwelligen Signalen, könnte die Wirkung einer Wagneroper sein.

Doch viele Regisseure am Grünen Hügel verstehen schon lange nicht mehr seine mächtige Bilder- und Klangsprache.

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